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Lesart | Beitrag vom 09.04.2019

Umzugshilfe im Wald Aus dem Alltag einer Ameisenumsiedlerin

Christina Grätz im Gespräch mit Andreas Gerk

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Nur mit ihren Händen hebt die Diplom-Biologin Christina Grätz in einem Wald nahe Birkenwerder ein Ameisenvolk hoch.  (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Bei der Ameisenumsiedlung muss man mit den Händen in die Vollen greifen. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Die Biologin Christina Grätz ist eine Naturschützerin ganz spezieller Art: Sie siedelt Ameisennester um. Über ihre Faszination für die Insekten hat sie ein Buch geschrieben. Ihr Engagement ist auch tief verwurzelt in ihrer eigenen Biografie.

Andrea Gerk: Alle sehnen sich nach der Natur, aber weil die schon längst kein idyllisches Fleckchen mehr ist, sondern es viel zu tun gibt, um sie überhaupt zu erhalten, boomt auch die entsprechende Literatur. Jetzt ist ein Buch erschienen, das mich wirklich überrascht hat, denn anders als von den gefährdeten Bienen oder den kommunizierenden Bäumen hatte ich von der Ameisenumsiedlung tatsächlich noch nie was gehört.

Die Biologin Christina Grätz hat schon mehr als tausend Ameisennester umgesiedelt, und warum das überhaupt nötig ist, was sie an Ameisen fasziniert, und warum sie unbedingt geschützt werden müssen, darüber hat sie jetzt zusammen mit Manuela Kupfer ein Buch geschrieben: "Die fabelhafte Welt der Ameisen". Meine Töchter und ich, wir haben zusammen in das Buch geguckt und uns erschreckt bei einem Foto, wo man ihre ganz zerschundenen Hände sieht. Wie sehen die denn heute aus?

Christina Grätz und Ameisen (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)Die Biologin Christina Grätz hat sich auf die Umsiedlung von Ameisenvölkern spezialisiert. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Grätz: Heute sehen die besser aus, obwohl wir schon in der Saison sind, also wir setzen schon Ameisen um, aber dieses Foto stammt eigentlich von einer Kampagne, wo wir ganz, ganz viele Nester umgesetzt haben, und wenn man viele hundert Nester umsetzt, dann sind die Hände doch ganz schön in Anspruch genommen.

Gerk: Weil Sie ja da buchstäblich richtig in die Vollen greifen, also Sie fassen ins Ameisennest, wovor wir alle schon Angst haben, wenn wir die rumkrabbeln sehen, das machen Sie einfach.

Grätz: Genau. Also diese oberste, diese weiche Neststreu aus den Kiefernadeln und den kleinen Zweigen, die nehmen wir mit der Hand auf.

Eigener Geruch von Ameisensäure  

Gerk: Und Sie mögen ja auch diesen Geruch. Sie schreiben, Sie lieben den Geruch von Ameisensäure. Wie riecht denn das? Können Sie das beschreiben?

Grätz: Das ist ein ganz eigener Geruch, den kann man nicht so einfach beschreiben. Der ist stechend und säuerlich zur gleichen Zeit, und früher musste ich mich auch erst dran gewöhnen. Inzwischen fehlt er mir wirklich im Winter, wenn wir keine Nester umsiedeln. Dann fehlt mir daran was, und beim ersten Nest im Jahr, dann freue ich mich richtig, das wieder zu riechen.

Gerk: Man kann es ja auch riechen, wenn man die Hand über so einen Ameisenhaufen hält, hat mir mal jemand gezeigt. Wenn man dann an der Hand riecht, dann hat man das auch schon so in der Nase.

Grätz: Genau.

Gerk: Wie sind Sie denn … Sie haben ja mit Umsiedlungen auch ganz eine persönliche Geschichte. Bei Ihnen ist das mit dem Umsiedeln ganz nah auch mit Ihrer eigenen Lebenserfahrung verbunden. Das schreiben Sie im Buch am Anfang.

Grätz: Also meine eigene Lebenserfahrung ist, dass wir, also ich als junger Mensch, also damals war ich 12, mussten wir umsiedeln wegen dem Tagebau in der Lausitz. Deshalb hat die ganze Ameisenumsiedlerei für mich auch noch eine andere tiefere Bedeutung. Zu den Ameisen bin ich ein bisschen zufällig gekommen, weil eigentlich bin ich ja Botanikerin.

Wiederkehren macht glücklich

Gerk: Das heißt, das hat auch eine Bedeutung, dass Sie anderen gerne eine neue Heimat schaffen eigentlich damit, weil Sie Ihre ja verloren haben.

Grätz: Genau. Es ist auch ein sehr beglückendes Gefühl, zu so einem Ameisennest wiederzukommen, nicht nur nach einem Jahr. Manchmal besuche ich die auch noch mal nach fünf Jahren, wenn ich ein Nest umgesiedelt habe, und ich komme dann gerade vorbei, um zu sehen, dass es den Tieren an diesem neuen Standort gut geht und dass sich das Nest gut entwickelt hat, vielleicht sogar eine Kolonie entstanden ist mit mehreren Nestern. Das macht einen schon sehr glücklich.

Ein neu angelegter Ameisenhaufen in einem Wald nahe Birkenwerder (Brandenburg). Den Waldameisenhaufen umgibt ein Ring aus Zucker - eine erste Nahrungsquelle der Neuankömmlinge. (Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa)Ein neu angelegter Ameisenhaufen in einem Wald nahe Birkenwerder (Brandenburg). (Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa)

Gerk: Warum müssen denn Ameisennester überhaupt umgesiedelt werden? Vielleicht können Sie das auch noch mal erklären, denn, wie gesagt, ich wusste das vorher gar nicht in dem Ausmaß, wie Sie es da beschreiben.

Grätz: Das eine sind natürlich, warum muss man das machen – weil sie geschützt sind. Also die großen Waldameisen, über die wir jetzt hier reden, die haben das Glück, die sind geschützt. Das heißt, wenn jetzt eine Baumaßnahme droht, wie zum Beispiel die Verbreiterung des Berliner Ringes oder dass eine Gaspipeline durch Brandenburg gebaut wird, dann müssen die Tiere umgesetzt werden, weil das die Gesetze des Naturschutzes so vorschreiben. Deswegen haben die Waldameisen Glück dadurch, dass sie geschützt sind, aber bei solchen Maßnahmen verlieren natürlich ganz viele andere Lebewesen und nicht geschützte Arten ihren Lebensraum oder gar ihr Leben.

Gerk: Und Sie fahren dann erst mal dahin und gucken sich das an und müssen ja dann auch schon einen Platz suchen, wo die Ameisen künftig hin sollen. Das ist wahrscheinlich oft gar nicht so einfach, oder?

Grätz: Das ist nicht so einfach, weil wir müssen ja einen Ort finden, wo die Ameisen theoretisch leben können, aber wo es noch keine Waldameisen gibt. Für ein, zwei Nester ist das meistens ganz einfach, aber wenn man so große Projekte hat, wie zum Beispiel mal 300 Nester am Berliner Ring umzusetzen, dann ist die Suche schon schwieriger, und da suchen wir dann große Flächen, die jemandem gehören – Stiftungen oder dem Land oder Bundesforstflächen –, um dann einfach auch nur einen Ansprechpartner zu haben, weil der Grundstückseigentümer, bei dem wir das Nest ansiedeln, muss immer einverstanden sein.

Berührende Gerschichten

Gerk: Wenn man Ihr Buch liest, ist man sofort überzeugt, wie wahnsinnig nützlich Ameisen sind, aber es gibt offenbar trotzdem Leute, die die dann nicht in ihrem Wald haben wollen. Verstehen Sie das?

Grätz: Nein, ich kann das nicht verstehen, weil im Wald stört es ja eigentlich niemanden, und die Ameisen sind wirklich extrem nützlich für den Wald, weil sie ja die ganzen Fortschädlinge zumindest unterdrücken und zurückdrängen. Also die sind auch für den Wald unheimlich von Bedeutung. Beim Ameisenumsiedeln erleben wir ja so viele beeindruckende oder auch berührende Geschichten, sodass ich da nicht nur die Nützlichkeit der Tiere für uns sehe, sondern auch das Wunderbare an den Tieren selber. Deshalb kann ich das nicht verstehen.

Gerk: Das vermitteln Sie auch wirklich ganz stark in dem Buch. Man will gleich selber sich da anmelden und mitmachen, aber andererseits ist es ja auch sehr beschwerlich, also wenn man dann liest, wie so eine Ameisenumsiedlung oder meist mehrere ja sogar ablaufen. Sie müssen wahnsinnig früh aufstehen, Sie müssen auch Kraft haben und eine gute Kondition, und das Ganze wirkt so ein bisschen so als wäre das so ein Notarzteinsatz. Also warum muss das eigentlich so schnell gehen?

Grätz: Also so früh müssen wir erst mal aufstehen, weil dann noch ein größerer Teil von den Tieren im Nest ist. Im Sommer ist das ein bisschen anders. Wenn es im Sommer auch nachts über warm ist, sind auch Tiere unterwegs, aber gerade jetzt im Frühling sind fast alle noch im Nest. Das heißt, wenn wir früh hinkommen und dann schnell arbeiten, dann haben wir die meisten Tiere dabei.

Natürlich ist es so, wenn wir dann das Nest aufgenommen haben, und das Nest ist eigentlich nicht nur diese Nestkuppel, die wir sehen, sondern eigentlich unter der Erde ist der Großteil des Nestes, ist die Großstadt, wenn wir dann dran arbeiten, dann fangen die natürlich an, überall rumzukrabbeln, und je länger das braucht, umso mehr Tiere lassen wir zurück. Wir holen die später natürlich noch mal. Wir machen mindestens zweimal, oft auch dreimal – eine Umsiedlung der Restbevölkerung nennen wir das. Dann gehen wir also zum Originalstandort zurück und holen die Tiere noch mal, die wir zurückgelassen haben.

Möglichst alle Ameisen mitnehmen

Gerk: Und Sie erleben ja da auch oft böse Überraschungen. Ich war ganz gerührt, weil mir Ihre Kinder leidtaten, die am Gründonnerstag warten, mit den Eiern dasaßen, dass Mama endlich nach Hause kommt zum Eierbemalen, und dann haben Sie ein sogenanntes Gründonnerstagsnest erwischt, wo sich da unten quasi die Unendlichkeit auftut und eben kein Kern da ist. Das ist dann richtig blöd, oder?

Grätz: Das war schon anstrengend, weil ich hatte ihnen versprochen, ich komme nach Hause, und die haben gewartet, und dann wurde das Nest immer größer. Je mehr wie gebuddelt haben desto mehr Tiere waren da. Wir wollen natürlich immer den Großteil des Nestes, der Bevölkerung mithaben. Da habe ich gelernt, dass man immer nichts sagen kann, also dass ich auch inzwischen sage, ich weiß nicht, wann ich fertig bin, ich weiß nicht, wenn ich dahinkomme, wenn ich ein Ameisennest umsiedle, weil man das einfach vorher nicht sagen kann. Das ist wirklich eine Überraschung, man sieht das nicht von außen.

Kahlrückige Waldameisen in einem Wald nahe Birkenwerder (Brandenburg). (Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa )Kahlrückige Waldameisen in einem Wald nahe Birkenwerder (Brandenburg). (Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa )

Gerk: Aber das heißt auch, dass die Ameisen nicht immer gleich organisiert sind, oder ist diese unterschiedliche Art, wie Sie das dann vorfinden, das Nest, hat das damit nix zu tun, wie so ein Ameisenorganismus sich organisiert?

Grätz: Also es ist immer ungefähr gleich. Die Nestgruppe hat man, oft hat man einen alten Baumstumpf im Nest oder andere, manchmal auch Steine oder wie wir das im Buch schreiben, dieses Nest, wo die ganzen Landbrauerei-Flaschen drin waren im Nestkern. Dann ist bei allen Nestern gleich, dass im Erdreich, unter der Erde ganz viele Gänge in alle Richtungen gehen und da auch noch vor allen Dingen die Königinnen ihre Kammern haben und die Eier in Kammern liegen und sowas. Also das ist überall gleich, aber ansonsten, wie das genau aufgebaut ist, welches Ausmaß das Nest hat, welchen Durchmesser, welche Tiefe, das ist immer anders. Jedes Nest ist total anders als ein anderes Nest, und das ist immer eine Überraschung für uns.

Die Faszination der Ameisen

Gerk: Und es ist auch immer ein großer Organismus eigentlich. Haben Sie auch nach diesen jahrelangen Beobachtungen das Gefühl, dass wir Menschen uns von den Ameisen, wie die sich helfen und organisieren, uns was abgucken könnten?

Grätz: Ja, auf alle Fälle. Es gibt ein ganz schönes Sprichwort aus Burkina Faso. Das heißt: Wenn Ameisen sich einigen können, können sie Elefanten transportieren. Die Ameisen einigen sich eigentlich immer. Wenn wir ein Nest umsiedeln, dann sehen wir das sofort, dass die nach ganz, ganz kurzer Zeit sich sofort klar sind, was ist hier zu tun, und alle arbeiten an einem Ziel, alle in die gleiche Richtung. Das bewegt mich so tief, dieses miteinander, füreinander arbeiten und dadurch unheimlich viel schaffen.

Ich stelle mir immer vor, wenn wir Menschen einfach in einem Haus sitzen würden, da kommt jemand und schiebt das ein, wir werden in einen Container gepackt und irgendwo wieder ausgeschüttet, so ist das im Prinzip. Bei uns würde das Diskutieren losgehen – wer ist schuld, und was ist jetzt, und was tun wir jetzt. Nein, das ist bei den Ameisen nicht so. Die fangen sofort an, das neue Nest zu bauen, sich neu zu organisieren, und das beeindruckt mich immer wieder aufs Neue.

In Sachsen fehlen die Umsiedler

Gerk: Und haben Sie denn irgendwie Probleme, da Nachwuchs zu finden? Weil bei Ihnen ist ja die ganze Familie da mitbeteiligt, erfährt man auch im Buch, und viele junge Leute, die Sie sehr sympathisch beschreiben. Ist das notwendig, dass man da jetzt unbedingt noch mehr Menschen dafür sensibilisiert für dieses Thema?

Grätz: Ja, weil wir siedeln ja auch Ameisennester zum Beispiel bei Privatpersonen um, relativ viel. Ich bin jetzt die letzten Wochen schon wieder unterwegs, und da ist es auch schön, wenn da mehr Leute mithelfen würden. In Brandenburg sieht die Situation vielleicht noch ganz günstig aus mit den Ameisenumsiedlern, aber ich weiß von anderen Bundesländern, zum Beispiel in Sachsen gibt es kaum Ameisenumsiedler. Deswegen fahren wir auch oft nach Sachsen rüber, oder in Mecklenburg-Vorpommern ist die Situation auch nicht so gut, dass es also viele Umsiedler gibt, die dann auch das machen können.

Gerk: Und können wir denn auch was dazu beitragen? Bei den Bienen haben wir jetzt schon alle angefangen hoffentlich, schöne Blumenmischungen auf dem Balkon zu pflanzen. Was können wir für die Ameisen tun?

Grätz: Das Allerwichtigste ist, ein Ameisennest nicht zu stören. Also ganz oft sieht man immer noch, dass Ameisennester so ein bisschen gestört sind, dass irgendjemand wahrscheinlich mal mit einem Stock reingeguckt hat oder so. Das selber nicht tun, aber auch die Kinder oder Freunde zu sensibilisieren, das ist auch immer so ein Eingriff in so ein Ameisennest, wo die Tiere wieder viel Energie aufwenden müssen, um diese ganze Nestkuppel, die ja wichtig ist für die Temperaturregulation und für die Wärme im Nest, dann wieder aufzubauen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Christina Grätz/ Manuela Kupfer: "Die fabelhafte Welt der Ameisen: Eine Ameisenumsiedlerin erzählt"
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019
288 Seiten, 20 Euro

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