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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.11.2018

UmweltproblemeWie viel Plastik kann die Erde noch vertragen?

Stefan Schweiger im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Dreckige Plastikflaschen auf dunkler Erde. (Unsplash / Simson Petrol)
Plastik wird immer mehr zur Umweltbelastung. (Unsplash / Simson Petrol)

Unser Plastikkonsum verursacht gravierende Umweltprobleme. Eine neuer Ansatz, das Problem zu bekämpfen, ist das individuelle "Plastikbudget" - analog zum CO2-Fußabdruck. Der Politologe Stefan Schweiger berichtet, dass Plastik lange Zeit nicht als Problem angesehen wurden, sondern als Wundermaterial.

Stephan Karkowsky: Plastik, da erzähle ich Ihnen nichts Neues, ist eines der größten Probleme unserer Zeit. Wir alle benutzen es, aber kaum einer kennt die Langzeitwirkungen von Plastik in Umwelt und Nahrung.

Wir brauchen also mehr Wissen über Plastik, weshalb das Kulturwissenschaftliche Institut Essen das Thema ab morgen interdisziplinär behandelt, unter der Überschrift "Plastikperspektiven", auf einer große Konferenz.

Mit dabei ist auch der Politikwissenschaftler Stefan Schweiger vom Forschungsprojekt "PlastikBudget". Herr Schweiger, guten Morgen!

Stefan Schweiger: Guten Morgen, Herr Karkowsky!

Karkowsky: "PlastikBudget" wird gefördert vom Bundesforschungsministerium. Die Konferenz ist quasi so eine Art Startschuss dafür. Was haben Sie da vor?

Nachholbedarf in den Entwicklungsländern

Schweiger: Das kulturwissenschaftliche Institut Essen und das Fraunhofer-Institut Umsicht aus Oberhausen, wir erarbeiten ein Plastikbudget. Das kann man sich vorstellen wie den CO2-Fußabdruck, das wird mancher Hörer vielleicht kennen.

Damit sollen sich die Bürgerinnen und Bürger bewusst machen, wie viel Plastik sie überhaupt konsumieren und um wie viel diese Menge den Betrag übersteigt, den die Erde gerade noch so vertragen kann.

Dabei muss man sensibel vorgehen, denke ich, denn freilich haben die Entwicklungsländer und Schwellenländer in Sachen Plastik auch noch Nachholbedarf. Ökologische Nachhaltigkeit ist nicht Nachhaltigkeit ohne soziale Nachhaltigkeit.

Karkowsky: Wie wollen Sie denn diesen Plastikfußabdruck ermitteln?

Schweiger: Das machen die Kollegen vom Fraunhofer-Institut in Oberhausen. Ich habe da nicht so richtig den Einblick, für mich als Politikwissenschaftler sind das alles sehr komplizierte Formeln.

Ihnen geht es um die Frage, wie viel Plastik kann denn die Erde gerade noch vertragen. Denn es ist einfach unmöglich für den Konsumenten, vollkommen auf Plastik zu verzichten.

Karkowsky: Und Sie haben sich natürlich erst mal gefragt, wie sehen wir Menschen Plastik überhaupt, also wie kam es zu den Narrativen über das Plastik. Was haben Sie herausgefunden, und vor allen Dingen, wie?

Kunststoffgeschichten aus 70 Jahren

Schweiger: Ich habe mir über 100 "Spiegel"-Artikel angeschaut, von 1948 bis 2018, also 70 Jahre Kunststoffgeschichten, kann man sagen, und da kam auch Erstaunliches zu Tage.

Der neue Werkstoff Plastik, als der aufkam, den der Mensch halt formen konnte, wie er wollte, löste unglaublich optimistische Zukunftsvisionen aus, die heute vielleicht lächerlich erscheinen mögen.

Ein Herz-Modell aus Plastik in einer Hand (picture alliance / Susannah V. Vergau)Herz-Modell aus Plastik: Einst der gefeierte Werkstoff der Zukunft (picture alliance / Susannah V. Vergau)

Man malte sich aus, wie der Mensch unter Wasser durch Plastikkiemen atmen würde, wie man den Welthunger bekämpfen könnte, wenn man die Wüsten der Welt mit Schaumstoff unterfüttert, damit die Wüsten dann eben ergrünen. Oder in Sibirien wollte man ganze Städte mit einem Kunststoffhimmel versehen, damit es konstante Temperaturen hat und die Minenarbeiter besser Diamanten abbauen können.

Karkowsky: Heute würde man sagen, Plastik war eine Zeit lang sehr hip. Wie lange ging dieser Plastikhype?

Schweiger: Im Grunde hat der Plastikhype nie geendet. Es finden sich heute auch noch Artikel, da geht es vor allem in den medizinischen Bereich, wo künstliche Lungen und andere Körperteile aus Plastik dann eben als Ersatzteillager fungieren. Diese Erzählungen, die laufen alle nebeneinander immer her, die reißen gar nicht wirklich ab.

Karkowsky: Irgendwann aber wurde dann dieses Wundermaterial doch zum Trash verklärt, und Plastik bekam ein Billigimage. Wie kam es denn dazu? Hat da die Industrie nicht richtig aufgepasst?

Schweiger: So kann man es nicht sagen. Eines brachten ja die Kunststoffe tatsächlich positiv mit sich, nämlich Konsummöglichkeiten, man könnte also sagen, soziale Nachhaltigkeit für breite Bevölkerungsschichten. Die Kunststoffe brachen gewohnte soziale Ordnungen auf, gerade im Bereich der Haushaltswaren.

Plötzlich galt Plastik als etwas Billiges

Jeder kennt die Tupperware-Partys oder auch zu Hause den Mixer. Die oberen Schichten begannen sich dann auch vom Plastik zu distanzieren. Kunststoffe galten, wie Sie sagten, dann als etwas Billiges. Und es kann auch nicht wie Holz zum Beispiel vornehm altern.

Plastik bekommt keine Patina. Plastikantiquitäten sind noch nicht vorstellbar, abgesehen vielleicht von einem alten Bakelittelefon.

Karkowsky: Nun hatte Plastik vielleicht zu Anfang so die Aura des niemals Verrottenden, weil es so schön glatt und scheinend war. Irgendwann hat man gemerkt, auch Plastikteile werden irgendwann mal Müll, und dieser Plastikmüll kann ein Problem werden. Ab wann wurde das denn zum Medienthema?

Schweiger: Das kam eigentlich relativ spät. Plastik wurde erst zum symbolischen Müll, könnte man sagen. Da wurde es auch in den Kalten Krieg dann eingeflochten. Ich habe einen Artikel gefunden, da wird dann zum Beispiel der Holz-Asterix in einem Freizeitpark dem Plastik-Donald – also damals noch Duck, nicht Trump –, gegenübergestellt. Und man hatte große Angst vor dem Billigplastik aus Russland und China.

Frische Lebensmittel, Obst und Gemüse einzeln in Plastikfolie verpackt. (Imago / Jochen Tack)Obst und Gemüse, alles in Plastikfolie verpackt (Imago / Jochen Tack)

Es dauerte sehr lang, eigentlich bis zum Auftritt von Klaus Töpfer, dass Plastik auch als Müllproblem angesehen wurde. Das war ein langer, harter Kampf zwischen Klaus Töpfer und Coca Cola und anderen Softdrinkherstellern, Ende der 80er-Jahre, als dann auch das PET-Pfand kam.

Karkowsky: Nun zielt Ihr Projekt ja auch darauf, wir haben es eingangs erwähnt, wie können Politik, Hersteller und Gesellschaft den Plastikmüll eindämmen. Und eine dieser Ideen ist halt das Plastikbudget.

Sie haben schon gesagt, so eine Art Plastikfußabdruck, analog zum CO2-Fußabdruck. Was weiß man denn schon über die Pläne, die dort kursieren? Wer würde dieses Budget zuteilen, nachdem es einmal errechnet wurde?

Es geht vor allem um Bewusstseinsbildung

Schweiger: Das Plastik wird nicht zugeteilt. Man darf sich das nicht so vorstellen, als würde man jetzt sagen, man darf nicht mehr verbrauchen. Es geht eher um eine Bewusstseinsbildung.

Manchen Menschen ist gar nicht bewusst, wo dieser Plastikmüll überhaupt entsteht. Das Hauptproblem oder ein wichtiges Problem ist der Reifenabrieb zum Beispiel. Oder viele machen sich auch gar keine Gedanken darüber, dass, wenn sie ihren Fleece-Pulli in der Waschmaschine waschen, da wahnsinnig viel Mikroplastik in die Umwelt emittiert wird.

Karkowsky: Kann man da nicht einfach die Hersteller verpflichten, Dinge, die theoretisch auch aus alternativen Materialien herstellbar wären, nicht mehr aus Plastik zu fertigen?

16.05.2018, Berlin: Der Unverpackt-Laden "Der Sache wegen - einfach richtig einkaufen" in der Lychener Straße in Prenzlauer Berg. Verkauft werden Lebensmittel und Haushaltwaren, wie Waschmittel und Seife. Die Produkte sind plastikfrei, palmölfrei, bio, regional, fair, bewusst und tierleidfrei oder entsprechen der derzeit ökologischsten Alternative. Lebensmittel werden in Mehrwegbehältern verkauft und in eigene Beutel, Becher oder Schüsseln gefüllt. Das ermöglicht u.a. plastikfreies Einkaufen ohne Einwegverpackung. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)Lösungen sind zum Teil einfach: Kundin in einem Unverpackt-Laden in Berlin (dpa-Zentralbild)

Schweiger: Das ist eben immer die schwierige Frage. Ich denke, wir brauchen beides. Wir brauchen den verantwortungsbewussten Konsumenten, aber eben auch, wie die EU es ja momentan auch schon tut – man denke an die Q-Tips, man denke an die Plastikstrohhalme, die verboten werden sollen: Es bedarf Verbote für die Industrie, und es bedarf aber auch des mündigen Konsumenten. Das wird nur etwas sein, was man gemeinsam machen kann.

Karkowsky: Das sagt Stefan Schweiger vom Forschungsprojekt "PlastikBudget", das am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen durchgeführt wird, gefördert vom Bundesforschungsministerium. Und heute beginnt eine Konferenz dort mit dem Titel "Plastikperspektiven", die dieses neue Forschungsprojekt anschiebt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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