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Breitband | Beitrag vom 12.10.2019

UmweltkatastrophenWas Klimaschützer von Science-Fiction lernen können

Von Jochen Dreier

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Thanos - hier im Film "Avengers: Infinity War" (2018) von Marvel zu sehen mit erhobener Faust - ist ein mächtiger Kriegsherr vom Planeten Titan und ein Mitglied der gleichnamigen Spezies.  (imago/Prod.DB)
In der Welt rund um die Superhelden von Marvel löscht der Bösewicht Thanos 50 Prozent der Bevölkerung des Universums aus – denn die Ressourcen sind endlich. (imago/Prod.DB)

Ihre Zukunftsgewandtheit verbindet alle Klimaschützer: Fridays for Future, Scientists for Future, Rebellion gegen ein zukünftiges Aussterben. Es liegt also nahe, Science-Fiction-Stoffe zurate zu ziehen – vielleicht lässt sich daraus ja etwas lernen.

Wenn die Menschheit bedroht ist, sei es durch die Außerirdischen Daleks in der Science-Fiction-Serie "Dr. Who", durch autoritäre Regime auf der Erde oder eben menschengemachte Naturkatastrophen, dann wird sich zur Wehr gesetzt.

Die Rebellion ist nicht erst seit Star Wars eine immer wiederkehrende Erzählung in fiktionalen Zukunftsszenarien, wenn diese wohl auch die bekannteste sein dürfte. Und die, um korrekt zu sein, eigentlich lange vor unserer Zeit spielt.

"Ich weiß nicht, worum es bei diesen Scherereien geht, aber es ist bestimmt deine Schuld", meint der Star-Wars-Roboter C3PO.

Eins ist jedoch auffällig: Rebellion und Revolution gehen in der Science-Fiction meist einher mit Gewalt. Es heißt ja auch nicht ohne Grund "Krieg der Sterne". Im Klassiker "Revolte auf Luna" von Robert A. Heinlein werden Sträflinge zum Leben und Arbeiten auf dem Mond gezwungen. Sie wehren sich mit einer blutigen Rebellion.

Im Buch von 1966 ist der Auslöser für den Aufstand aber nicht nur die Unterdrückung, sondern auch das absehbare Ende der Ressourcen auf dem Erdtrabanten. Eine Katastrophe steht bevor, weil Raubbau an der Natur betrieben wurde.

Die Borg in Star Trek wollen, dass alle dem Kollektiv dienen

"Widerstand ist zwecklos", sagt ein Borg aus "Star Trek".

Alle Ressourcen für sich nutzen, das ist auch das Ziel der androidenhaften Mischwesen "Borg" aus Star Trek. Sie wollen alle Lebewesen in ihre Gemeinschaft assimilieren, gleich machen. Alle sollen dem Kollektiv dienen. Eine Gesellschaft, die individuelle Freiheit aufgibt, wäre doch eigentlich wesentlich ökonomischer. Die Sternenföderation mit ihrer Moral der 80er und 90er, in der Individualität über allem steht, wehrt sich natürlich dagegen. 

Doch haben die Borg vielleicht Recht?

Die Borg-Königin (Alice Krige) bezirzt Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) im Star Trek-Film "Der erste Kontakt" (1996) (picture alliance / United Archives/IFTN)Die androidenhaften Mischwesen Borg aus Star Trek wollen alle Ressourcen für sich nutzen. (picture alliance / United Archives/IFTN)

Auch in der Welt rund um die Superhelden von Marvel, löscht der Bösewicht Thanos 50 Prozent der Bevölkerung des Universums aus. Denn die Ressourcen sind endlich. Wären wir weniger, würde es uns allen besser gehen, so die Theorie.

Wer ist hier der Rebell, der für eine bessere Welt kämpft? Die Helden, die sich gegen Thanos stellen oder der Bösewicht selbst, nur mit den falschen Mitteln?

"Titan war wie die meisten Planeten, zu viele Mäuler die nicht gestopft werden konnten. Kurz vor unserem Aussterben bot ich eine Lösung an", sagt Thanos im Marvel Film. Darauf Dr. Strange: "Massenmord?!" "Aber zufällig, leidenschaftslos, gerecht für arm und reich. Sie nannten mich einen Wahnsinnigen", entgegnet Thanos.

Rebellion gegen eine Klima- und Ressourcenkatastrophe ist für uns heute besonders schwer. Die Wut richtet sich gegen Politik und Wirtschaft, doch eigentlich ist jeder einzelne Schuld am Dilemma, jeder der in der Gesellschaft weiterlebt, die zu viel verbraucht, die Natur zerstört, die auf der satten Seite des Kapitalismus steht. 

Klimarebellen werden oft links einsortiert, weil Klimaschutz eben eine Umverteilung fordern würde. Wir im globalen Norden weniger, im globalen Süden etwas mehr, aber insgesamt fahren wir Konsum zurück.

Ursula K. Le Guin schuf Schwesternplaneten

Das sah schon die Science-Fiction-Ikone Ursula K. Le Guin ähnlich. In ihrem 1974 veröffentlichten Roman "Der Planet der Habenichtse" gibt es zwei Schwesterplaneten. Einer ist kapitalistisch ausbeutend geprägt, auf dem anderen leben Revolutionäre, die ausgewandert sind und ihren öden und ressourcenarmen Planeten dafür mit Hochtechnologie sozialistisch und fair organisieren. 

Das Buch wurde als eine der letzten großen Utopien bezeichnet.

Die Autorin Ursula K. Le Guin, aufgenommen im Jahr 1972 (picture alliance/The Oregonian/AP Photo)Der Roman "Der Planet der Habenichtse" von Autorin Ursula K. Le Guin galt als eine der letzten großen Utopien. (picture alliance/The Oregonian/AP Photo)

Zitat von Ursula K. Le Guin: "Wir sind Teilende, nicht Besitzende. Wir sind nicht wohlhabend. Keiner von uns ist reich. Keiner von uns ist mächtig. (...) Ihr könnt die Revolution nicht kaufen. Ihr könnt die Revolution nicht machen. Ihr könnt nur die Revolution sein. Sie ist in euch, oder sie ist nirgends."

Vielleicht liegt die Lösung nicht im Kampf, nicht in der Aktion innerhalb der zerstörerischen Gesellschaft, sondern darin sich von ihr abzukehren. Der Autor Cory Doctorow ist überzeugt, aus einer Katastrophe kann ein Paradies entstehen, aber dafür müssen wir eben... weggehen.

Bei Cory Doctorow ist der Planet durch Klimawandel zerstört

"Die, die fortgehen von der Welt, die nutzen verlassene Industriegelände, sie nutzen den Müll, den die industrielle und post-industriellen Welt hinterlassen hat. Sie bauen coole Werkzeuge und darauf auf quasi einen vollautomatischen, ziemlich erholsamen Kommunismus. Und wenn wer kommt und sagt, das ist mein Land und mein Müll, dann streiten sie nicht, dann gehen sie einfach wieder weg. Müll gibt es überall genug."

Cory Doctorow über sein Buch "Walkaway" bei einem Talk im Google-Hauptquartier. Der Roman spielt in der nahen Zukunft, der Planet ist durch den Klimawandel verändert und zerstört. In Megastädten regieren Superreiche, die Normalos sind dort quasi gefangen. Doch einige gehen fort, nehmen sich das verwahrloste Land außerhalb der Cities, den dort gestapelten Müll und bauen sich mit 3D-Druckern und Computersoftware eine neue Welt auf.

Der kanadische Science-Fiction-Autor Cory Doctorow auf einer Bühne. Im Hintergrund ein auf eine Wand projiziertes überdimensioniertes Megafon. (Britta Pedersen/dpa)Der Science-Fiction-Autor Cory Doctorow ist überzeugt, aus einer Katastrophe kann ein Paradies entstehen. (Britta Pedersen/dpa)

Technologie ist vielleicht ein Faktor bei der Zerstörung der Welt gewesen, sie kann auch eine neue aufbauen. Eine urbane Landflucht von Techno-Sozialisten. Schwerter zu Pflugscharen, soziale Medien zu sozialer Gesellschaft? Doctorow ist Optimist.

"Wir könnten doch unsere vernetzte und hochtechnologische Welt so nutzen, dass wir die Ressourcen dort produzieren, wo sie den kleinsten Einfluss aufs Klima haben. Wir produzieren da, wo es am harmonischsten mit der Umwelt ist. Diese neue Effizienz kann das Problem lösen, dass es in einer endlichen Welt nicht unendliches Wachstum geben kann."

Interessant nur, dass bei eigentlich allen Geschichten erst die Katastrophe eintritt und dann die Veränderung. Schade für die heutige Rebellen-Generation.

Hoffnung für danach

Doch der Autor Kim Stanley Robinson hat mit "New York 2140" ein Werk abgeliefert, das wenigstens noch Hoffnung für danach macht. In dem Roman ist seit 2050 klar, es ist nichts mehr zu retten. Danach folgten Hungersnöte, Massenmigration, Verteilungskriege und ein Meeresanstieg um knapp 15 Meter. Doch der Big Apple hat sich nicht aufgegeben, ist nun ein futuristisches Venedig, klima-neutral und ökologisch bewirtschaftet. 

Vielleicht ist die Lösung naheliegend: Wir sollten alle mehr wie in einer fernen Zukunft leben wollen, nicht in der drohenden nahen. Oder um es mit den Worten des Science-Fiction-Altmeisters William Gibson zu sagen. "Die Zukunft ist da, sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt."

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