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Konzert / Archiv | Beitrag vom 28.01.2021

Ultraschall Berlin – Festival für neue Musik 2021Kammermusik lebt!

Moderation: Leonie Reineke

Drei Musikerinnen stehen vor einer grauen Leinwand, die auf einer Wiese aufgestellt wird, wobei die jungen Frauen eine Klarinette und ein Violoncello halten. (Trio Catch / Lennart Ruehle)
Die Mitglieder des Trio Catch fanden sich im Musikstudium. (Trio Catch / Lennart Ruehle)

Dieses Programm bietet Mitschnitte des Hamburger Trio Catch, der Solocellistin Séverine Ballon und eine exklusive Studioproduktion des Berliner Vokalensembles PHØNIX16, die für das Festival entstanden ist.

Das Konzertprogramm bietet drei große Abteilungen - drei Konzertangebote in einem Fluss. 

Gemeinsame Begeisterung

Das Trio Catch aus Hamburg, das sind drei junge Musikerinnen, die gleichermaßen für künstlerische Leidenschaft wie für äußerste Präzision stehen. Dabei besitzen sie die Fähigkeit, klangliche Nuancen bis in letzte Detail auszufeilen.

Die Triomitglieder lernten sich in der "Internationalen Ensemble Modern Akademie" kennen, der vom Frankfurter Ensemble Modern geführten Ausbildungsstätte für Nachwuchsmusiker. Klarinettistin Boglárka Pecze, die Cellistin Eva Boesch und die Pianistin Sun-Young Nam verstanden sich auf Anhieb - der Entschluss war gefasst, nach dem Studienabschluss gemeinsam weiterzuarbeiten. Und so entstand 2010 das Trio Catch.

Aufs Trio zugeschnitten

Einer der Komponist*innen, die das breite Spektrum an klanglichen Möglichkeiten eines Trios voll ausschöpfen, ist der Finne Tomi Räisänen. Sein dem Trio Catch gewidmetes Stück "@ch" zeichnet eine generelle rhythmische Verspieltheit aus. Gleichzeitig wechselt die Musik mehrfach den Charakter: Von gesanglichen, neoklassizistisch anmutenden Legatopassagen über virtuose Rhythmuspartien bis hin zu anarchischen oder rockartigen Abschnitten ist alles dabei.

Das zweite Stück auf dem Programm des Trio Catch stammt von einer Komponistin, deren Musik oft als temperamentvoll und obsessiv, teils auch als roh und ungehobelt bezeichnet wird. Den Werken von Milica Djordjevic scheint eine geradezu kompromisslose Expressivität innezuwohnen: eine fast radikal zu nennende Sinnlichkeit und Körperlichkeit. Anstatt sich dem Konstruieren abstrakter oder virtuos-manieristischer Formspiele hinzugeben, setzt die in Berlin lebende Serbin auf die physische Erlebbarkeit von Klang, der bei ihr hin und wieder auch sehr düstere Seiten hat.

Die Dimensionen von Musik

1987 wurde die Niederländerin Bianca Bongers geboren. "Surrounded by Air – Appearance III" heißt ihr 2019 entstandenes Trio, in dem die Zeitkunst Musik zu einer Metapher für plastische Gestalten und räumliche Wahrnehmung wird: 

"Ich arbeite mit einer dreidimensionalen Vorstellung von Musik. Meine erste Idee für das Stück war eine Kombination verschiedener geometrischer Formen, die in unterschiedlichen Winkeln zueinander stehen und somit eine dreidimensionale Form einnehmen. Die Idee war, sich dieses Objekt als Klang an unterschiedlichen Orten von Haarlem – meinen aktuellen Wohnsitz – vorzustellen."

Musikalisches Material im Kreislauf

Die 1991 geborene polnische Komponistin Żaneta Rydzewska ist wie viele ihrer Generation wachsam mit unserem Planeten. Ihr 2018 für das Trio Catch entstandene Stück "under" legte sie entsprechend ressourcensparend an. Sie beschränkt sich hier auf ein Minimum an musikalischem Ausgangsmaterial, das im Laufe des Stückes einem "Recyclingverfahren" unterzogen wird. Die wenigen Ausgangsgestalten, die am Anfang des Stückes eingeführt werden, erleben zahlreiche subtile Transformationen. Sie werden also mehrfach "wiederverwertet".

Kulturkreis-Grenzen absorbiert

Neben der jungen Generation war auch eine Altmeisterin im Programm vertreten: die 1945 geborene Younghi Pagh-Paan. Mit ihrer Musik bewegt sich die gebürtige Koreanerin in mehreren Kulturräumen zugleich. Sowohl westliche als auch ostasiatische Einflüsse finden sich in ihren Stücken wieder. Ins Auge springt dabei vor allem die Konzentration auf die vielfältigen Nuancen eines Einzeltons. Dieser besitzt zahlreiche, feine Abstufungen, die es zu erfahren, wertzuschätzen, zu erforschen und auszuschöpfen gilt.

Aus dieser Denkweise ist auch Pagh-Paans Werkzyklus "Silbersaiten" für verschiedene Kammermusikbesetzungen hervorgegangen, den sie im Jahr 2002 begonnen hat. Teil zwei ist ein Klarinettentrio, das das Trio Catch bei Ultraschall Berlin 2021 präsentierte.

Für das präzise Spiel

Die italienische Komponistin Daniela Terranova setzt sie sich gerne mit jenen Persönlichkeiten auseinander, für die ein Stück gedacht ist. Beim Trio Catch waren es das intensive, präzise Zusammenspiel, das sensible Aufeinander-Reagieren und die ausgewogene Balance zwischen den drei Spielerinnen, was der Komponistin in Erinnerung geblieben ist. Darauf zielt auch ihr "Flowers endlessly open". In den Vorbemerkungen der Partitur schreibt die Komponistin:

"Das Stück erforscht eine Palette fragiler Klänge, die eine instabile und veränderliche Textur bilden." Und so zeigt sich  das Werk als zarter Klangfluss, der von etlichen subtilen Veränderungen, verschiedenen Klangnuancen und feinen Punkten und Linien durchzogen ist.

Neue Musik mit Popkultur vereint

Geboren 1991 gehört die gebürtige Koratin Sara Glojnaric zu den sogenannten "Millenials". Eine Entscheidung zwischen Kunst- und Popmusik musste sie nie treffen. Schon im Kindesalter gehörten popkulturelle Phänomene – vor allem aus dem US-amerikanischen Raum - zu ihren Erfahrungen. In ihrer Arbeit als Komponistin und Soundkünstlerin vereint sie beides: den Möglichkeitsraum der zeitgenössischen Kunstmusik mit typischen Spezifika der breitenwirksamen Popkultur. So auch in ihrem Trio "sugarcoating #2". 

Dieses Banner führt Sie zur exklusiven Seite von "Ultraschall Berlin - Festival für neue Musik".

Das musikalische Material in diesem Stück stammt von Glojnaric selbst, aber die Art und Weise, wie sie das Material bearbeitet, ist dem Feld der Rock- und Popmusik entlehnt. Ihr kompositorisches Ziel war es, herauszufinden, ob es eine Art übergeordnetes "Klanglogo" der Popmusik gebe. Und so geht es in "sugarcoating #2" nicht nur um ein unmittelbares Zitieren popmusikalischer Klänge, sondern vielmehr um ein Zitieren von Produktionsmethoden, die in der Popmusik offenbar immer präsenter werden.

Solistische Größe

Vom Trio geht es jetzt zum Solo, zum Violoncello-Programm mit Severine Ballon. Damit ist keineswegs eine Verringerung der musikalischen Möglichkeiten verbunden. Im Gegenteil, sagt auch der Komponist Márton Illés

"Ein Solostück unterscheidet sich von größeren Besetzungen grundsätzlich durch seine solitäre Natur. Dadurch dass die Textur nicht von anderen Instrumenten verdeckt werden kann, steht also eine vollkommen offene, exponierte Textur da, die gewissermaßen ganz nackt, ausgeliefert und ungeschützt ist. Es ist natürlich eine große Chance für einen Komponisten, weil man ganz intime und ganz feine Details ins Rampenlicht stellen kann, die normalerweise bei einem großbesetzten Werk auch leicht untergehen können."

Eine junge Frau mit braunem, schulterlangem Haar spielt mit schnellen Bewegungen Violoncello. (Severine Ballon / Pierre Gondard)Severine Ballon tritt zunehmend auch als Komponistin hervor. (Severine Ballon / Pierre Gondard)

Das kommt auch bei Illés Werk "Psychogramm IV" von 2019 zur Geltung, bei "Schmollen". Dieses Verhalten beschreibt er als "das krampfhafte, manchmal auch kindliche Beharren und das störrische Festhalten am eigenen Willen. Außerdem heißt Schmollen oft: Kommunikationsverweigerung". 

Exklusive Festivalproduktion

Sergej Newskis "No Air here" für zwölf Stimmen basiert auf verschiedenen Textquellen, die sowohl mit der COVID-19-Erkrankung zu tun haben, als auch generell mit der Erfahrung, an ein Beatmungsgerät angeschlossen zu sein. Komponiert hat der in Berlin lebende Russe sein Stück für das Berliner Vokalensemble PHØNIX16

Ein Stück seiner Zeit

Die Texte, die Newski in "No air here" verwendet hat, sind unter anderem Gedichte des in Prag lebenden Schriftstellers Igor Pomerantsev. In seinem Zyklus "Immune Antwort" beschreibt er das räumliche Getrenntsein und die Angst um seinen Sohn, der im Frühjahr 2020 in London schwer an COVID-19 erkrankte.

Die andere Quelle, die Newski für seine Komposition heranzog, sind Zettel, geschrieben von Patienten, die an ein Beatmungsgeräte angeschlossen waren und nicht mehr sprechen können. Über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren wurden diese Notizen von einer Ärztin in Sibirien gesammelt und im Frühjahr 2020 in einem Onlinemagazin publiziert. 


Aufzeichnung vom 22.01.2021 im Heimathafen Neukölln

Tomi Räisänen
"@ch" (2020)
Uraufführung

Milica Djordjević
"Pod vodom raskršća snova" (2018)

Bianca Bongers
"Surrounded by Air – Appearance III" (2019)

Żaneta Rydzewska
"under" (2018)

Younghi Pagh-Paan
"Silbersaiten II" (2002/09)

Daniela Terranova
"Flowers endlessly open" (2020)
Uraufführung, Auftragswerk Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik

Sara Glojnarić
"sugarcoating #2" (2017)

Trio Catch:
Beglárka Pecze, Klarinette
Eva Boesch, Violoncello
Sun-Young Nam, Klavier


Studioproduktion von rbbKultur für Ultraschall Berlin 2021

Márton Illés
"Psychogramm IV ‚Durcáskodós‘" für Violoncello solo (2019)
Uraufführung der neuen Version

Séverine Ballon
"novembre 2020" für Violoncello solo (2020)
Uraufführung

Séverine Ballon, Violoncello


Eine Studioproduktion Solistenensemble Phoenix16 und Deutschlandfunk Kultur

Sergej Newski
"No Air Here" für zwölf Stimmen (2020)

Solistenensemble Phoenix16
Leitung: Timo Kreuser

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