Ulrich Peltzer: „Der verlorene Schlaf“
© S. Fischer Verlag
Männer in fiebriger Konzentration

Ulrich Peltzer
Der verlorene SchlafS. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2026201 Seiten
26,00 Euro
In einer schlaflosen Nacht fantasiert ein Autor das Filmskript über einen Mathematiker, der 1832 ebenfalls nachts eine bahnbrechende Entdeckung zu Papier brachte. Beide Geschichten verschränkt Ulrich Peltzer in seinem raffinierten Roman.
Der Albtraum, mit dem Ulrich Peltzers Roman „Der verlorene Schlaf“ beginnt, dürfte schon andere heimgesucht haben: Die gesamte Klasse, verkündet der Lehrer, sei durchs Matheabitur gefallen und müsse das Schuljahr wiederholen.
Schweißgebadet wacht der Erzähler auf. Der Albtraum verblasst, aber das Panikgefühl, das ihn hervorgebracht hat, bleibt und richtet sich auf einen durchaus realistischen Anlass: die Deadline für ein Filmskript.
Der historische Held des Films, der nach dem Drehbuch entstehen soll, ist ein französischer Mathematiker: Évariste Galois. Er lebte von 1811 bis 1832, kam als Julirevolutionär vor Gericht und starb als Zwanzigjähriger bei einem Duell. In der Nacht zuvor aber schrieb er einen Brief an seinen besten Freund, in dem er eine bahnbrechende mathematische Entdeckung darlegte, die ihm postum den Status eines Genies einbrachte, eines Revolutionärs der Wissenschaft.
Lineare Plots sucht man vergeblich
Die Verschränkung von Zeitebenen und Bewusstseinsräumen ist seit je eine der literarischen Techniken Ulrich Peltzers. Lineare Plots, wie sie der Mainstream der Gegenwartsliteratur bevorzugt, sucht man bei ihm vergeblich.
In seinem neuen, nicht mehr als 200 Seiten umfassenden Roman erweist sich die Methodik des überblendenden Erzählens als überaus sinnfällig. Schon der Titel betrifft die schlaflosen Nächte zweier Figuren und zweier Geschichten. Die vom 30. Mai 1832, in der Évariste Galois, den Tod vorausahnend, sein mathematisches Erbe verfasst. Und die nicht genau datierte, wenn auch in der Gegenwart spielende Nacht, in der die Fantasie des Drehbuchautors Szenen, Dialoge, dramaturgische Übergänge, Kulissen und Kameraeinstellungen des Biopics über Galois halluziniert.
Zwei Männer in der geistigen Verfassung fiebriger Konzentration, wie sie nächtliche Überwachheit hervorzubringen vermag.
Spannungsreiche Erzählräume
Auch die Grundidee des Romans könnte einer solchen Nacht entstammen. So unmittelbar einleuchtend sie wirkt, so spannungsreich sind die Erzählräume, die sie eröffnet. Man liest gleichsam zwei Romane in einem, oftmals in Peltzers langen, aber immer überschaubaren Satzkonstruktionen nahtlos verschränkt.
Der eine entfaltet das Leben des rebellischen Wunderknaben Évariste Galois, dessen Konterfei in einer einzigen Zeichnung überliefert ist. Der andere bildet die Werkstatt eines Drehbuchautors ab, der sich dem Genre gängiger Historienfilme zu entziehen versucht, gleichzeitig die Publikumswirksamkeit des Films und die Beschränkungen des Produktionsbudgets im Auge behalten muss.
Einblick in Peltzers künstlerische Werkstatt
Dazu kommt: Wie lässt sich die Essenz von Galois‘ Genialität abbilden, das Lösen hochgradiger mathematischer Probleme, welches sich naturgemäß unsichtbar vollzieht und darüber hinaus für Normalsterbliche so unzugänglich ist wie die Besteigung eines Fünftausenders für durchschnittliche Spaziergänger?
Die Raffinesse und die sinnliche Sprache des Romans können indes auch Leser und Leserinnen genießen, die in der Schule um ihre Mathenoten bangten. Worum es Ulrich Peltzer, der im Lauf der Jahre selbst an mehreren Drehbüchern mitwirkte, im Kern geht, ist das Verhältnis von sprachlicher und filmischer Darstellung. „Der verlorene Schlaf“ erlaubt somit einen Blick in seine eigene künstlerische Werkstatt.
