Ukrainische Geflüchtete

Die neue Willkommenskultur in Sachsen

10:43 Minuten
Familien mit Kindern stehen vor einem Zaun.
Vor einem sächsischen Ankunftszentrum stehen aus der Ukraine geflüchtete Menschen. © imago / Sylvio Dittrich
Von Thilo Schmidt · 21.04.2022
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Die Angriffe auf Migranten in Chemnitz und die „Nein zum Heim“-Bewegungen im Erzgebirge haben viele noch im Gedächtnis, einige nannten sie „Hetzjagden“. Doch nun empfangen die Menschen Flüchtende aus der Ukraine mit offenen Armen. Was ist dieses Mal anders?
Neun Geflüchtete aus der Ukraine sind hier, bei einer Familie in Oelsnitz im Erzgebirge, untergekommen. Oksana aus Kramatorsk im Donbass ist eine von ihnen. Sie erzählt, dass sie in ihren Kellern ausgeharrt hatten, tagelang, und dass es irgendwann zu beängstigend wurde. Und sie erzählt von dem unvorstellbaren Grauen, dass sie erlebt hat.
Oksana, gerade angekommen, trifft hier Irina wieder. Irina ist mit ihren beiden Enkelkindern hier. Sie erzählt, wie die Russen am ersten Kriegstag den Flughafen bombardierten und sie gar nicht wussten, wie ihnen geschah.
Oksana stieg erst vor wenigen Tagen mit ihren Patenkindern, Irinas Enkeln, in Kramatorsk in den Zug, kurz bevor die Russen den Bahnhof bombardierten. 50 Menschen starben. Von der polnischen Grenze brachten sie ehrenamtliche Helfer nach Oelsnitz. Von Herzen gastfreundlich seien die Menschen hier, im Erzgebirge, sagt Oksana.
Oksana und Irina braten Kartoffelpuffer für alle, dazu gibt es eine kräftige Suppe. Ständig steht irgendjemand in der Küche und kocht etwas. Zwischendurch telefonieren die Geflüchteten mit Freunden und Verwandten in der Ukraine, schauen Nachrichten und müssen Bilder ertragen, auf denen zu sehen ist, wie Tote in Massengräbern beerdigt werden. 
Aljona, die mit ihren Kindern aus der Nähe Kiews geflüchtet ist, sagt, dass sie den Kontakt zu Verwandten in Irpin verloren hat. Seit Kriegsbeginn kann sie sie nicht mehr erreichen.
Auf dem Rasenplatz am anderen Ende des Ortes. Der Hausherr hat organisiert, dass Aljonas Sohn Dima und Irinas Enkel Egor zum Fußballtraining gehen können. Olaf Bahlcke, den Jugendleiter des Oelsnitzer FC, musste er nicht lange überzeugen:
„Da haben wir überhaupt keine Berührungsängste. Fußball ist eine internationale Sprache. Da muss man auch kein Deutsch können.“ 

Sport verbindet

Beim Oelsnitzer FC spielten bereits Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan, denn in dem Ort gibt es ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Bahlcke sorgte dafür, dass sie Fußball spielen konnten. Gegen einige Widerstände, anders als bei den Ukrainern:
„Machen wir uns mal nichts vor. Das klingt vielleicht komisch, aber die sind weiß, sind aus Europa, da ist natürlich die Hemmschwelle ganz anders. Erst recht hier im Erzgebirge.“
Bahlcke ließ nicht locker und bald gehörten die Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan einfach dazu – und der in der A- und B-Jugend schwach besetzte Oelsnitzer FC hatte ausreichend Spieler. Mittlerweile mussten die Flüchtlinge Oelsnitz verlassen und in eine andere Unterkunft wechseln, weil sie volljährig wurden. Und die deutschen Mitspieler haben gelernt, dass auch sie nicht gekommen waren, um die Sozialsysteme zu plündern.
Proteste in Einsiedel gegen ein Erstaufnahmeheim
Als 2015 viele Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan aufgenommen wurden, war man im Erzgebirge nicht so gastfreundlich wie heute. Das habe auch mit der Hautfarbe und dem Glauben zu tun, sind Einwohner überzeugt.© imago/HärtelPRESS

Die Stimmung ist eine andere

Die Proteste gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in der Umgebung, in Niederdorf oder Einsiedel, hat Olaf Bahlcke nicht vergessen, die Märsche mit Mistgabeln und Fackeln. Jetzt hofft er auf ein Umdenken:
„Das ist halt ein bisschen schwierig hier im Gebirge. Es ist halt leider ein himmelweiter Unterschied, ob das Ukrainer sind, das muss man einfach so bitter sagen, oder ob es halt Menschen sind, die sich einfach mal von ihrer Hautfarbe und ihrem Glauben unterscheiden.“
Einsiedel, 20 Kilometer entfernt, im Vorland des Erzgebirges. Als in einem ehemaligen Ferienlager des Chemnitzer Vorortes 2015 Asylbewerber untergebracht werden sollten, ging das Dorf auf die Barrikaden. „Nein zum Heim – schützt unser Einsiedel“ wurde auf Plakate gemalt. Tausende demonstrierten und blockierten die Zufahrt zur Unterkunft.
Nun ziehen in die mittlerweile wieder leerstehende Unterkunft Geflüchtete aus der Ukraine. Und in Einsiedel? Keine Plakate, keine Bürgerwehr, keine Blockaden. Keiner beschwert sich, dass „mit niemandem gesprochen“ wurde. Die Einsiedeler scheinen sich nicht zu stören an weißen, christlichen Geflüchteten.
Es ist ländlich, fast idyllisch hier oben auf dem Hügel, rund um das ehemalige Ferienlager. Ein Wachdienst besetzt die Pförtnerloge. Dorfbewohner haben Spenden abgegeben, sagt ein anderer Anwohner.

Hilfe statt Hetzjagd

Als der Krieg in der Ukraine begann, tat sich Kathleen Kuhfuß, Chemnitzer Landtagsabgeordnete der Grünen, sofort mit drei Kolleginnen zusammen. Die vier Sozialpolitikerinnen aus vier Fraktionen, Grüne, Linke, CDU und SPD, kümmern sich darum, dass Hunderte Waisenkinder nach Sachsen fliehen können, um Wohnraum, organisieren Hilfskonvois.  
Chemnitz ist ein wichtiger Anlaufpunkt für Geflüchtete aus der Ukraine. Und es sind eher Tausende als Hunderte hier angekommen. Nach den Hetzjagden – oder wie immer man es nennt – auf Migranten vor dreieinhalb Jahren hilft die Stadtbevölkerung heute effizient und geräuschlos.
„Was ich mir sehr wünsche, ist nicht, dass wir eine zugespitzte Rassismusdiskussion in der Flüchtlingshilfe führen. Ich wünsche mir, dass wir jetzt zeigen, wie’s geht, und dass wir in der nächsten Fluchtbewegung, die auf uns zukommen wird, genau das auch anwenden“, so Kuhfuß.

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