Überlebende eines versuchten Femizids

    "Er hat gesagt: bis in den Tod"

    05:49 Minuten
    Das Gesicht einer Frau ist im Rückspiegel ihres Autos zu sehen.
    Immer wieder steigt Hanife Ada in ihre Vergangenheit zurück, doch in der Gegenwart steht sie anderen Opfern von Gewalt bei. © Ilir Tsouko
    Von Lena von Holt · 08.03.2021
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    Hanife Ada hat sich aus einer Gewaltbeziehung befreit und überlebte einen Mordversuch. Heute hilft sie anderen Frauen, die geschlagen, vergewaltigt oder zwangsverheiratet wurden.
    Hanife Ada steht hinter einem langen Tisch. Darauf liegen Sonnenbrillen, T-Shirts, zusammengefaltete Hosen und Kartons voller Ketten. Seit 5 Uhr in der Früh wirbt, handelt und diskutiert sie und wirkt noch immer nicht müde. Mit dem Flohmarkt sammelt sie Geld für einen querschnittsgelähmten Jungen, der mit seiner Mutter in der Nähe von Istanbul lebt. Weil sein Rollstuhl extra angefertigt werden muss, kommt der türkische Staat nicht dafür auf. Deshalb hat seine Mutter Hanife um Hilfe gebeten.
    "1.100 Euro fehlen uns. Gemile hat heute eine Spende gebracht, von Wiener Neustadt kommt eine Spende, und was wir heute verdient haben. Das kommt alles für Ömer. Warte, ich zeig dir den Ömer. Das ist er."
    Hanife spielt auf ihrem Handy das Video ab, das Ömers Mutter ihr damals geschickt hatte. Man sieht einen Jungen, der auf dem Boden sitzt, die Beine angezogen, lächelt er in die Kamera. Mit ihrem Verein Yetiş Bacım, auf Deutsch "Hilf mir Schwester", hilft sie aber nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch Frauen, die geschlagen, vergewaltigt oder zwangsverheiratet wurden. Sie sammelt Spenden für Flugtickets in die Heimat, organisiert eine neue Bleibe in Österreich.
    Hanife steht in ihrer Küche und ruft ihren 21-jährigen Sohn. Mit zwei ihrer vier Kinder lebt Hanife in der Nähe von Wien. Bei ihr zu Hause wird viel gelacht. Hanife – die braunen Augen dunkel geschminkt, die Lippen rot nachgemalt – sieht müde aus. Sie hat letzte Nacht kaum geschlafen.
    Wieder hat ihr eine Frau geschrieben, die von ihrem Mann geschlagen wird und sich von ihm trennen will. Gemeinsam haben sie die nächsten Schritte geplant. Über 400 Frauen hat Hanife so schon aus einer Gewaltbeziehung befreit. Inzwischen kennen die Frauen ihr Gesicht. Sie sehen zu ihr auf, denn sie hat geschafft, was sie sich so sehr wünschen.
    "Wir wollten uns an dem Tag mit jemanden treffen und ich hab' gesagt, er hat mich so hergerichtet, ich kann nicht raus. Und sie hat geglaubt, das ist eine Ausrede."

    Vergewaltigung in der Hochzeitsnacht

    Hanife sucht auf ihrem IPad nach einem Foto aus ihrem alten Leben. Auf dem Bild sieht man Hanifes Gesicht. Zumindest kann man es erahnen. Die Haut ist aufgequollen. Die Augen geschlossen, als würde es ihr schwerfallen, sie aufzuhalten. Blut läuft aus der Nase, verteilt sich über das ganze Gesicht.
    Hanife war gerade 15 und sollte gegen ihren Willen ihren Cousin in der Türkei heiraten, als sie ihren späteren Mann im Bus kennenlernt. Er verspricht, ihr zu helfen, will mit ihr durchbrennen. Es dauert nicht lange, da wird Hanife schwanger, sie heiraten. Aber schon die Hochzeitsnacht ist eine Vergewaltigung. Jahre vergehen, in denen sie glaubt, dass das zu einer Ehe dazugehört, dass all das von ihr erwartet wird. Sie weiß es nicht besser.
    "Ich wollte bei jedem Streit, jedem Schlag Schluss machen. Oh Gott, wann hört das auf. Aber ich hab' immer gewusst, es gibt kein Zurück. Und er hat mir das auch immer wieder gesagt. Er hat gesagt: bis in den Tod."
    Fast wäre seine Drohung wahr geworden. Vor neun Jahren stand plötzlich ein Mann mit Maske hinter ihr, packt sie an den Haaren und zerrt sie die Kellertreppe hinunter.
    "Hier hat er mich bei den Haaren genommen und da runter geschleppt."
    Über die hellbraun gefliesten Stufen steigt Hanife Ada hinab in ihre Vergangenheit. Hier auf dem Boden lag sie, irgendwann habe er von ihr abgelassen, der Kampf war vorbei.

    Patriarchale Machtverhältnisse

    Sie hatte einen Femizid überlebt. So nennt man das, wenn Frauen von Männern getötet werden – nur weil sie Frauen sind. Es ist das Ergebnis noch immer bestehender patriarchaler Machtverhältnisse. Allein im vergangenen Jahr gab es in Österreich 24 solcher Morde. Und die Zahl wäre wohl weit höher, wenn es Hanife nicht gäbe.
    Es ist fast 22 Uhr, als sich Hanife mit ihrem Handy aus ihrem Auto filmt und das Video live auf Instagram streamt.
    "Wir brauchen ein Zuhause bis Montag oder Dienstag für eine Frau mit Kind. Sie möchte in kein Frauenhaus, es hat auch Gründe, warum. Wir haben schon mit ihrer Familie in der Heimat gesprochen. Es ist gut, wenn sie in ihre Heimat zurück geht, weil solche Frauen gehen immer wieder zum Täter, zu ihrem Schläger zurück. Das nächste Mal wird sie tot sein. Genau so ist es."
    Hanife wirkt aufgebracht, ihre Augen sind verweint. Neben ihr auf dem Beifahrersitz sitzt eine Frau. Auf ihrem Schoß: ein schlafendes Kind.

    Zurück ins Leben kämpfen

    Die Frau hat es geschafft. Sie ist in Sicherheit. Aber genau wie Hanifes Ex-Mann damals wird auch ihr Partner ungestraft davonkommen. Immer wieder steht Aussage gegen Aussage, für eine Verurteilung fehlen die Beweise.
    Hanife hat es trotzdem geschafft, sich ihr Leben zurück zu erkämpfen. Anderen auf diesem Weg zu helfen, das ist ihre Mission.
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