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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.01.2018

Über die Schere zwischen Arm und ReichWo die Studie von Ökonom Piketty irrt

Von Rainer Zitelmann

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Illusration: Ein reicher und ein armer Mann sitzen in jeweils einem Sparschwein - mit und ohne Geld. (imago stock&people)
Die Schere zwischen hohem und niedrigem Einkommen wächst. Aber man sollte bei einem Vergleich auch in die Geschichte insgesamt schauen, so unser Autor. (imago stock&people)

Im Dezember stellte eine internationale Forschergruppe um den französischen Ökonomen Thomas Piketty eine neue Studie über wachsende wirtschaftliche Ungleichheit in der Welt vor. Reichtumsforscher Rainer Zitelmann kritisiert daran, dass sie wichtige Aspekte zu schwach gewichte.

Dass die Ungleichheit in vielen Ländern der Welt wächst, stellt Piketty in seinem Bericht ganz nach vorne. Dass die weltweite Ungleichheit jedoch schrumpft, ist hingegen in der Mitte versteckt.

Laut der Studie ist der Anteil der ärmsten Hälfte der Bevölkerung am weltweiten Einkommen in den letzten drei Jahrzehnten leicht gestiegen: 1980 lag der weltweite Anteil der armen Hälfte bei acht Prozent, 2013 bei knapp zehn Prozent. Und der Anteil des reichsten einen Prozents geht seit rund zehn Jahren zurück.

Zu denken geben sollte uns, dass häufig gerade in den Ländern am lautesten über Ungleichheit geklagt wird, wo sie am geringsten ist. Der Anteil der obersten zehn Prozent der Bevölkerung am Gesamteinkommen ist Piketty zufolge mit 37 Prozent nirgendwo so gering wie in Europa. Zum Vergleich: In den USA und Kanada haben die reichsten zehn Prozent einen Anteil von 47 Prozent. 

Die Studie enthält auch zu Deutschland interessante Zahlen: Vor hundert Jahren vereinigte das reichste Prozent der Deutschen noch 18 Prozent der Einkommen auf sich, heute sind es nur noch 13 Prozent. Relativ gesehen sind die Reichen also ärmer als vor hundert Jahren. Aber ist das überhaupt so wichtig?

Der Lebensstandard der Menschen wird angehoben

Es ist gar nicht entscheidend, ob die Vermögensungleichheit zunimmt oder nicht, sondern ob der Lebensstandard der Menschen insgesamt durch die Entwicklung des Kapitalismus angehoben wird. Piketty beklagt, die Schere zwischen Arm und Reich ginge seit 1990 immer weiter auseinander. Selbst wenn er damit Recht hätte: Ist es nicht wichtiger, dass gerade in diesen Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen weltweit aus der bitteren Armut entronnen sind?

Ist es für diese Hunderten Millionen Menschen entscheidend, dass sie nicht mehr hungern und der Armut entronnen sind – oder dass sich im gleichen Zeitraum das Vermögen von Multimillionären und Milliardären in einigen Ländern noch stärker vermehrt hat als ihr Lebensstandard? 

Der Kapitalismus – das sozialste Wirtschaftssystem

Die Entwicklung in China zeigt, dass steigendes Wirtschaftswachstum auch bei gleichzeitig steigender Ungleichheit den meisten Menschen zugute kommt. Dort geht es heute hunderten Millionen Menschen besser, und zwar nicht obwohl es so viele Millionäre und Milliardäre in China gibt, sondern gerade weil der Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping die Parole ausgegeben hatte: "Lasst einige erst reich werden."

Die Frage, durch welches Wirtschaftssystem die Zahl der Armen reduziert wird, ist viel interessanter als die, ob eine Schere zwischen Arm und Reich aufgeht. Der Kapitalismus ist in der Geschichte das sozialste Wirtschaftssystem, weil er am meisten zur Beseitigung der Armut beigetragen hat.

Hungertote im Sozialismus 

Was man in Pikettys Studie nicht lesen kann: Die meisten Hungertoten gehen im 20. Jahrhundert auf den Sozialismus zurück – seit 1920 mehr als 70 Millionen. Fast die Hälfte davon entfällt auf Maos sozialistisches Experiment des "Großen Sprungs nach vorne" Ende der 50er-Jahre. Ein weiteres Viertel entfällt auf Stalins sozialistische Zwangskollektivierung.

Das Ende des Kommunismus und der weltweite Siegeszug des Kapitalismus haben dazu geführt, dass in den 2000er-Jahren nur noch drei von 100.000 Menschen durch Hungersnöte starben. 

Piketty ist kein unvoreingenommener Wissenschaftler. Er beriet den ehemaligen französischen Präsidenten François Hollande bei der Einführung der sogenannten Millionärssteuer, die mit 75 Prozent so hoch war, dass reiche Franzosen das Land verließen. Der heutige Präsident Macron spottete damals, mit der Steuer sei Frankreich "wie Kuba, nur ohne Sonne". 

Reichtumsforscher Rainer Zitelmann  (picture alliance/dpa/Foto: Horst Galuschka)Investor und Reichtumsforscher Rainer Zitelmann (picture alliance/dpa/Foto: Horst Galuschka)Rainer Zitelmann ist zweifach promovierter Historiker und Soziologe. Nach einer Karriere im Verlagswesen (u.a. Cheflektor im Ullstein Verlag), gründete er ein Unternehmen für Immobilien-PR. Er hat mehr als 20 Bücher veröffentlicht, unter anderem die "Psychologie der Superreichen" (2017).




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