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Besser essen | Beitrag vom 13.07.2018

Udo Pollmers MahlzeitSpenden machen Afrika abhängig, nicht Lebensmittel-Importe

Von Udo Pollmer

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Menschen erhalten am 15.3.2016 an einem Verteilungspunkt des UN World Food Programme nordwestlich von Lilongwe, Malawi, Lebensmittelhilfe. (picture alliance / dpa / Unicef / Chipiliro Khonje)
Lebensmittelspenden schaffen Abhängigkeit, sagen Experten. (picture alliance / dpa / Unicef / Chipiliro Khonje)

Die Billigexporte deutscher Bauern nach Afrika ruiniert die dortige Landwirtschaft. So lautet hierzulande ein gängiger Vorwurf. Aber stimmt das überhaupt? Udo Pollmer hat sich die Exportdaten mal genauer angeschaut.

Die deutschen Agrarexporte ruinieren Afrikas Kleinbauern, so unsere Medien. Unisono fordern Dritte-Welt-Experten: Beendet endlich die Billigexporte von Geflügelfleisch und Brotweizen zum Schutz der Bauern vor Ort! Das hülfe wirklich gegen den Hunger.

Die Afrikaner sehen das offenbar anders: Da der Kontinent seine Bevölkerung nicht ernähren kann, schreiben die Regierungen die Importe aus. Wer Weizen am billigsten liefert, bekommt den Zuschlag. Da unsere Produktion teuer ist, kommen meist jene Länder zum Zuge, die auf ein Heer billiger Arbeitskräfte zurückgreifen können. Unsere Exporteure würden liebend gerne mehr Geld verlangen, wenn sie denn könnten. Dann würde man ihnen allerdings umgehend Ausbeutung der Armen und Profitgier vorwerfen.

Für Afrika nur die Reste?

Es sei aber noch viel schlimmer: Nach Afrika gingen nicht etwa die Filetstücke des Geflügels, nein, es seien nur Abfälle, um die Entsorgungskosten zu sparen. Tatsächlich waren von den Lieferungen der EU an die Hauptabnehmer Südafrika und Benin zwei Drittel ganze, halbe oder geviertelte Hähnchen oder Puten. Auch die billigen Geflügelteile sind alles andere als Abfall. Sie bringen Fleisch auf den Tisch der Armen, die sich Edleres nicht leisten können. In Afrika gilt manches vom Huhn, vor dem es unsere Suppenkasperles graust, als Delikatesse.

Deutschland ist sogar Nettoimporteur von Geflügelfleisch, unseren Mästern machen die Billigimporte aus Brasilien zu schaffen. Dort interessiert sich niemand für die Haltungsbedingungen der Tiere. Die Brasilianer dominieren übrigens auch das Geschäft mit Afrika.

Sollen die Regierungen Afrikas lieber die eigene Bevölkerung mit überteuerten Waren in die Verzweiflung treiben? Diese Idee treibt offenbar manche Journalisten um. Wie sonst ist die Nachricht über eine Hungerkrise in Afrika zu verstehen, "dass viele der Ärmsten unter den hohen Preisen weniger stark gelitten haben als befürchtet". Wie schafften es die Ärmsten nur, während Teuerung satt zu werden? Haben sie sich ein paar Gorillas geschossen oder ihre Kinder meistbietend feilgeboten, denn sonst besitzen sie nichts?

Deutsche Exporte sind gering

Der riesige Kontinent Afrika ist Abnehmer von nur zwei Prozent der von Deutschland ausgeführten Waren. Davon machen die Agrarerzeugnisse wiederum weniger als ein Hundertstel aus. Diese lächerlichen Mengen sollen auf dem Schwarzen Kontinent, der 80 Prozent seiner Nahrungsmittel importieren muss, Hunger auslösen. Wie absurd!

Auch Afrika exportiert: vor allem hochwertige Agrargüter wie Kakao und Kaffee, Schnittblumen – und während unseres Winters – Gemüse und Südfrüchte. Speziell die Exporte von Frühkartoffeln aus Ägypten haben für unsere Bauern regelmäßig einen Preisverfall zur Folge.

Selbst der Kaffee-Export ist den Moralisten ein Dorn im Auge: Denn die Bohnen würden erst in Deutschland geröstet und gemahlen. Der Gewinn stecke aber in der Verarbeitung. Umgekehrt wird Getreide von Europa nach Afrika exportiert, dort gemahlen und gebacken. Schlimm?

Spenden schaffen Abhängigkeit

Da sind Spenden weitaus unsittlicher als der Handel. Wenn Nahrung gratis von Helfern verteilt wird, ist die Ernte der Landwirte vollkommen wertlos. Vorratshaltung ist ein Verlustgeschäft. "Besser beraten ist folglich", so der Afrika-Kenner Thilo Thielke, "wer sich in der Nähe der Helfer tummelt. Dort gibt es alles umsonst, und arbeiten muss man auch nicht." Es sind die Spenden, die heute Abhängigkeit und Hunger fördern.

Afrikanische Intellektuelle fordern deshalb, "man solle Afrika endlich in Ruhe lassen". Handel löse die Probleme besser als Hilfe. Auch weil Schenken dem Beschenkten, sofern er im Austausch nichts zu geben vermag, den Stolz und die Ehre nimmt. Er wird zum Empfänger von Almosen. Er steht bei seinem Wohltäter in der Schuld, ohne ihr je entrinnen zu können. Bezahlen die Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen kleinen Betrag, so können sie trotz Armut ihr Gesicht wahren.

Wie schrieb doch Oscar Wilde in seinem Roman Das Bildnis des Dorian Gray: "Philanthropen", sprich die Gutmenschen, "verlieren jedes Gefühl für Menschlichkeit. Das ist ihr hervorstechender Charakterzug."

Mahlzeit!

Literatur:

Pfaff I, Zick T: EU-Importe torpedieren Afrikas Wirtschaft. Süddeutsche.de vom 29. Dez. 2016
dpa: Agrarexporte nach Afrika schaden mehr als dass sie helfen. Proplanta.de vom 13. Nov. 2016
Obert M: Das globale Huhn. Greenpeace-Magazin 2014; H.5: S.46ff
Bauer Willi: Exporte Hühnerfleisch Afrika. Blog vom 5. Nov. 2017
Bauer Willi: Exporte nach Afrika – wirklich Wahnsinn? Blog vom 14. März 2018
Allafi S, Koch J: Außenhandel mit Afrika. Statistisches Bundesamt, WISTA 2015: 3
Keckl G: Welthunger: Brot für die Welt und Brösel für Afrika. Novo Online 22. Jan. 2014
Deutscher Bundestag: Auswirkungen von Agrarexporten nach Afrika. Wissenschaftliche Dienste 2017, AZ: WD 5 - 3000 - 075/17
Statistisches Bundesamt: Zusammenfassende Übersichten für den Außenhandel, Jahr 2017. Fachserie 7 Reihe 1; Erschienen am 05.03.2018
Maurin J: Agrarexporte aus Deutschland: Hunger made in Germany. TAZ.de vom 7. Aug. 2015
Thielke T: Hungerkrise: Wie Entwicklungshelfer den Tod nach Afrika bringen. SPON vom 4. Juni 2008

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