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Besser essen | Beitrag vom 14.12.2018

Udo Pollmers MahlzeitKulinarische Verführung im Tierreich

Von Udo Pollmer

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Zwei Pinguine sitzen nebeneinander im Schnee der Antarktis (imago / blickwinkel)
Antarktische Pinguin-Damen erwarten vom Männchen eine Muschel. Erst dann ist sie zur Paarung bereit. (imago / blickwinkel)

Auch in der Tierwelt gibt es Geschenke: Aber wenn ein Männchen einem Weibchen eine kunstvoll eingepackte Beute oder den ausgekotzten Mageninhalt anbietet, verfolgt es damit nur ein Ziel: die Paarungsbereitschaft zu erhöhen und die Art zu erhalten.

Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig überraschte kürzlich mit der Meldung: "Freilebende Schimpansen teilen Nahrung mit ihren Freunden." Das ist fast so erstaunlich wie die Feststellung, dass Wasser ziemlich nass ist. Da diese Menschenaffen gemeinsam jagen, wird die Beute auch gemeinsam verzehrt. Wer beim Jagen fehlte, aber mitfressen darf, wird beim nächsten Mal wieder seinen Anteil zum Erfolg beitragen.

Das Interessante an der Meldung ist ein unscheinbares Detail: Im Urin derer, die gemeinsam futterten, fanden sich erhöhte Gehalte an Oxytocin. Das ist ein Hormon, das für Wohlbefinden sorgt und die sozialen Bande festigt. Und welche Speisen sorgen nun für reichlich Oxytocin? Grüner Salat? Wohl kaum, vor allem Fleisch und Honig schufen Zufriedenheit und Zusammenhalt. Nur gesundes Grünzeug würde wohl zum Zerfall der sozialen Struktur führen – zumindest bei Schimpansen.

Gute Gaben in Form eines Extra-Happens sind im Tierreich nichts Ungewöhnliches. Doch dabei geht es meist weniger um die gemeinsame Jagd, sondern vor allem um die Erhaltung der Art. Bei vielen Insektenarten servieren die Männchen potenziellen Partnerinnen ein nahrhaftes Geschenk, um deren Bereitschaft zur Paarung zu beflügeln. Je wertvoller das Angebot, desto zuverlässiger die Wirkung. Die Männchen einer Grillenart bieten den Damen sogar die eigenen fleischigen Hinterflügel an. Nach einem allseits befriedigenden Tête-à-Tête sehen die Kerle allerdings ziemlich zerzaust aus.

Wer schenkt, erwartet eine Gegenleistung

Mehr Eindruck schinden Geschenke, wenn sie schön verpackt sind, eingewickelt in edle Gewebe. Manche Spinnenmännchen präsentieren ihre Beute als praktisches Bündel umgarnt mit Spinnenseide. Charakterschwache Individuen können dabei der Versuchung nicht widerstehen, die hübsche Hülle zu nutzen, um darin wertloses Zeug wie Pflanzensamen oder Essensreste, also ausgelutschte Fliegen zu verbergen. Pfui Spinne, so etwas hungrigen Spinnendamen anzubieten!

Nicht nur Insekten wissen die Verlockung des Geschenks zu nutzen, auch Vögel finden daran Gefallen. Die Männchen der Silbermöve betören ihre Angebetete, indem sie ihr den Mageninhalt vor die Füße kotzen. Für einen solchen Leckerbissen lassen sich Mövinnen gern besteigen. Ebenso erotisch sind auch die Hochzeitsgaben der Aaskäfer: In diesen Kreisen ist eine tote Maus die ultimative Verführung. Das Geschenk wird nicht verpackt, sondern aufwendig zubereitet, ähnlich wie eine Weihnachtsgans: Zunächst werden die Haare entfernt, dann der Kadaver rundherum zerkaut, zu einer Kugel geformt, mit Verdauungssekreten gereift, eingegraben und haltbar gemacht. Wenn die jungen Aaskäfer-Maden schlüpfen, ist das für sie wie Weihnachten.

Manchmal jedoch müssen die Damen ihrerseits eine ordentliche Mitgift anbieten, damit sich die Männchen überhaupt mit ihnen einlassen. Weibliche Wasserläufer verstehen sich darauf, mit einer Portion Speisewachs zu verführen. Sobald das Männchen deren Rücken besteigt, scheidet Frau Wasserläufer das betörende Wachs aus einer Drüse am Hinterkopf aus. Bis zu einer Woche futtert sich der Freier durch, während er auf dem Rücken des Weibchens thront.

Pinguindamen wollen eine Muschel

Antarktische Pinguine haben andere Sorgen. Sie benötigen zum Brüten eine größere Zahl von Muscheln, damit das Gelege nicht am Boden festfriert. Problem: Geeignete Muscheln sind knapp. Doch die Pinguinmütter in spe wissen sich zu helfen: Wenn der Gatte gerade auf Sammeltour ist, gewähren manche der Damen anderen Männchen einen Quicki. Aber nur zum Preis einer Muschel. Mutter Natur ist halt die dienstälteste Puffmutter der Welt, stets bemüht den Erhalt der Art zu sichern.

Wir lernen: Im Tierreich geht es gerade so zu wie bei Hempels auf dem Sofa. Wer gibt, spekuliert auf eine Gegenleistung. Meine Herren, wenn Sie nun erwägen, an Weihnachten nach dem Vorbild von Mutter Natur ebenfalls schöne Muschelschalen auf den Gabentisch zu legen, dürfte ein glänzendes Muschelprodukt eher Erfolg versprechen: die Perle.

Vielleicht gibt’s dann zum Fest im Gegenzug auch was zu Naschen. Mahlzeit!

Literatur:
Jacob S: Freilebende Schimpansen teilen Nahrung mit ihren Freunden. Idw Pressemeldung vom 10. Oktober 2018
Samuni L et al: Social bonds faciliate cooperative resource sharing in wild chimpanzees. Proceedings of the Royal Society B 2018; 285: e2018163
Ainsworth C: Beastly gifts. New Scientist 2001; 172 (2322/2323): 48-49
Lack D: Courtship feeding in birds. The Auk 1940; 57: 169-178
Hooper R: Lovers share a meal. New Scientist 2015; 228 (3048): 24-25
Scott MP: The ecology and behavior of burying beetles. Annual Review of Entomology 1998; 43: 595–618

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