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Typisch deutsch? | Beitrag vom 11.05.2017

Typisch deutsch?"Das Feierabendbier ist ein sehr schönes Ritual"

Von Matthias Baxmann

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Ein Arbeiter sitzt in einer Berliner Kneipe im Stadtteil Neukölln am Tresen. (picture-alliance / dpa)
Feierabend: Das Bierchen gehört für viele Deutsche dazu, haben die Auslandskorrespondenten festgestellt. (picture-alliance / dpa)

Strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit: Für ausländische Besucher ist es mitunter befremdlich, dass man sich hierzulande einen "schönen Feierabend" wünscht. Das Feierabendbier gefällt dann aber doch. Dass es nur bei dem einen bleibt - eher nicht.

Edith Oltay, Ungarn:

In meiner Studienzeit habe ich eine Zeit lang bei einer Plattenfirma gejobbt. Dort haben wir Platten eingepackt. Am Nachmittag sagte dann der Vorarbeiter: "Jetzt ist Feierabend." Da haben alle gejubelt, und ich wusste nicht, was los war, weil ich das Wort nicht kannte. Im Ungarischen gibt es dieses Wort nicht, auch auf Englisch habe ich das nie gehört. Mittlerweile kenne ich das Wort natürlich, aber ich muss sagen, eigentlich habe ich selten so einen richtigen Feierabend, wie ihn die Deutschen verstehen.


Oliver Towfigh Nia, Iran:

Gibt es denn überhaupt noch den Feierabend in Deutschland? Durch die neueste Entwicklung des Arbeitsmarkts im Zuge der Globalisierung müssen viele Deutsche einen zweiten Job ausüben, wo sie früher ihren geliebten Feierabend zelebriert haben. Außerdem sind alle vernetzt. Da kann man rund um die Uhr an Projekten arbeiten und E-Mails beantworten.

Der Schnitt zwischen Arbeit und Freizeit wird in Deutschland immer schwieriger, weil jeder sein Home Office andauernd mit sich herumträgt. Wenn dann doch endlich Schluss mit der Arbeit ist, widmen sich die Deutschen ihren Hobbys und den Kulturangeboten, während man im Iran die freie Zeit mit seiner Familie verbringt.


Flaminia Bussotti, Italien:

Den Begriff Feierabend kennen wir in Italien gar nicht. Auch in meiner Zeit in Wien ist er mir nie begegnet. Wir Italiener trennen nicht so stark zwischen Arbeit und Freizeit. Wahrscheinlich haben wir mehr Spaß an der Arbeit, sodass wir nicht so sehr auf die Unterscheidung bedacht sein müssen. Ebenso wird einem am Freitag in Italien nicht andauernd ein schönes Wochenende gewünscht.

Das hat mich auch etwas befremdet hier in Deutschland. Das kommt mir wie ein Bedürfnis vor, der Welt zu sagen: Jetzt muss ich erst mal nicht mehr arbeiten, jetzt darf ich genießen! Vielleicht hat das auch etwas mit dem deutschen Protestantismus zu tun, dass hier ständig zwischen Spaß und Pflicht getrennt wird.


Yaotzin Botello, Mexiko:

Zu Anfang hat mich die Formulierung "Schönen Feierabend!" sehr befremdet. Das ist so deutsch, den Tag streng einzuteilen nach Kategorien. Hier ist Arbeit. Hier ist Freizeit. Hier ist Familie. Hier ist Fernsehen.

Aber irgendwie hat mich das dann doch überzeugt. Es ist angenehm als Lebensgefühl, dass alles getrennt ist. Man hat mehr vom Tag. Ich habe das angenommen. Ich mache hier in Deutschland Feierabend. Und dann mache ich mir Gedanken darüber, was ich in der darauf folgenden Freizeit machen werde.

Das war in Mexiko anders. Da war alles vermischt. In Deutschland habe ich auch das Feierabendbier für mich entdeckt. Das ist ein sehr schönes Ritual.


Duc Chung Nguyen, Vietnam:

Mir scheint, in Deutschland ist der Feierabend heilig. Ich habe einmal nach 18 Uhr versucht, einen technischen Fachmann zu bekommen. Das war nicht möglich, da geht niemand mehr ans Telefon. Das wäre in Vietnam anders. Dort findet man immer jemanden, der noch vorbeikommt. In Deutschland sind Arbeit und Freizeit strikt getrennt.

Für viele Deutsche ist das Feierabendbier ganz wichtig. Da sind sie aber auch sehr diszipliniert und trinken nur dieses eine Bier. Das verstehe ich als Vietnamese nicht. Wenn man bei uns nach getaner Arbeit in die Kneipe geht, trinkt man des Öfteren bis Mitternacht.

(Holiday Verlag)"Typisch deutsch?" von M. Baxmann und M. Eckholdt (Holiday Verlag)Unsere Serie "Typisch deutsch" wird an jedem Donnerstag um 17.50 Uhr in der Sendung "Studio 9" ausgestrahlt. Die Autoren Matthias Baxmann und Matthias Eckoldt haben Korrespondenten aus rund 30 Ländern zu ihren Erfahrungen befragt. Dazu ist auch das Buch "Typisch deutsch" im Holiday Verlag erschienen.



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