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Zeitfragen | Beitrag vom 05.07.2018

Twitternde AkademikerDer Blick in die Feeds der Philologen

Von Cara Wuchold

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Eine Besucherin der russischen Staatsbibliothek macht in einem Lesesaal ein Foto mit einem Smartphone von Abbildungen in einem Buch (imago/ITAR-TASS)
Stoff für einen Tweet? Auch Philologen sind auf Twitter unterwegs. (imago/ITAR-TASS)

Über Literatur auf Twitter wurde schon viel geschrieben, aber auch die Philologen vergewissern sich dort ihrer Selbst. Was wird diskutiert? Wird ihre Arbeit dadurch transparenter? Prägen die sozialen Netzwerke nicht nur die Philologen, sondern auch ihr Fach?

Es geht also um: Twitternde Akademiker. Halt, nicht gleich wieder abzwitschern! Auch wenn das mit der Relevanzfrage so eine Sache ist bei Twitter: von außen betrachtet meist ziemlich unbedeutend, von innen äußerst spannend. Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Berliner Universität der Künste, ist drin: seit 2012. In seinem Arbeitszimmer in einem Berliner Altbau reichen die Bücherregale hinauf bis zur Decke. Auf Twitter und Instagram entwickeln sie ein Eigenleben: In seinen digital verbreiteten Readymades wird eine Bananenschale zum Lesezeichen und ein Lesebändchen zur Drachenschnur.

Die kommunikative Art zu schreiben, das sei spannend – und neu, meint Porombka.

"Klar, ich kann wenig schreiben, wichtig ist aber: ich vernetzte mich. Ich kann bestimmen, wen ich noch lese, ich kann mir eine ganze Leseliste zusammenstellen und diese Leseliste wird dauernd aktualisiert. Ich kann richtige Werkstätten mir aufbauen, wo ich dauernd mit dem versorgt werde, was ich brauche – und ich tauche in den Feeds von anderen auf, wenn sie mich lesen wollen, also das heißt: nicht nur die beliefern mich, sondern auch ich beliefer' sie. Und jetzt kommt aber noch was drittes hinzu: wir können miteinander in Kontakt treten. Wir können unmittelbar darauf reagieren, was wir da gerade sehen, was reinkommt."

Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste in Berlin (Deutschlandradiokultur / Manfred Hilling)Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste in Berlin (Deutschlandradiokultur / Manfred Hilling)

So zum Beispiel dieser Kommunikationsstrang zur Frage, ob ein Tagebuchschreiber aus den 40er-Jahren im Roman genau so schreiben müsse, wie jemand aus der damaligen Zeit, getwittert von Silke Horstkotte vom Institut für Germanistik an der Universität Leipzig.

Stephan Porombka: "Und jetzt werden sozusagen nicht von außen nur Themen reingespült, sondern sie werden aus dieser Kommunikationsbewegung heraus entwickelt, und das ist natürlich total interessant, also wenn das der Ort ist, an dem Themen sogar auch überhaupt erst entwickelt werden, und dann unter Umständen von da aus in Literaturwissenschaft, in den Literaturbetrieb oder so hineingehen, dann muss man sagen: okay, das ist ein Medium, ähnlich wie Zeitschriften und Zeitungen im 18. Jahrhundert, die plötzlich eine völlig neue Dimension für die literarische Öffentlichkeit aufmachen."

Peer Trilcke, Leiter des Fontane-Archivs und Juniorprofessor an der Universität in Potsdam, trifft bei Twitter auf Akademiker, die sich in der gleichen Nische bewegen wie er.

"Eines meiner Forschungsfelder sind die digitalen Geisteswissenschaften, die Digital Humanities. Die spielen in der Fachdisziplin Germanistik bisher nur eine relativ beiläufige Rolle, gerade in Deutschland, sie sind ganz stark international vernetzt. Und da hat sich Twitter in der Tat zu einem der wesentlichen Kommunikations- und Informationskanäle entwickelt."

Schwarz-weiß-Porträt von Peer Trilcke, Leiter des Fontane Archivs und Juniorprofessor an der Universität Potsdam (Karla Fritze)Peer Trilcke, Leiter des Fontane Archivs und Juniorprofessor an der Universität Potsdam (Karla Fritze)

Die digitalen Literaturwissenschaften setzen computergestützte Verfahren zur Textanalyse ein. Im Wissenschaftsbetrieb helfen die digitalen Netzwerke dem 37-Jährigen: eher nicht.

"Dass die Universitäten darauf achten, wie Wissenschaftler, die sie zum Beispiel rekrutieren wollen, auf Twitter oder in sozialen Medien agieren, ist mir bis jetzt noch nicht untergekommen. Es ist eher so, dass man Vorbehalte merkt gegenüber der Aktivität in solchen Bereichen, das hat irgendwas Unseriöses."

… twitterte Andrea Geier, Professorin an der Uni Trier. Dabei dürften ihre und Peer Trilckes Tweets die Universitäten eigentlich freuen.
"Alle Menschen schauen heute in diese Feeds und Streams herein, und ich halte es für wichtig, dass die Wissenschaft da vorkommt, auch um die Relevanz oder Legitimität von Wissenschaft zu vermitteln."
Was nebenbei noch passiert: die Arbeitsprozesse von Wissenschaftlern werden transparenter, und nicht nur das.
Stephan Porombka: "Wir haben es mit einer Aufwertung der Notiz zu tun, wir haben es mit der Aufwertung des Zeigens zu tun, das ist ja eine Zeigekultur: hier, das lese ich gerade, diesen Ausschnitt habe ich gefunden, ah, hier ist der Link zu dem Artikel, von dem ich gestern gesprochen habe usw."
So Kathrin Passig auf Twitter. Der Suhrkamp-Autor Clemens Setz hat dort Substantive aus seinen Tweets eingespeist: von Achselhöhlen bis Zylinderhüte. Daraufhin twitterte die Literaturwissenschaftlerin Berit Glanz‏:
Es gibt ja dauernd dieses Teilen und Tauschen von Sachen. Eigentlich könnte man sagen, sie öffnen eher so ihre Zettelkästen, mit denen die arbeiten. Und das wahnsinnig interessante ist ja, die Leute haben gleichzeitig auch Zugriff auf meinen Zettelkasten. Im Grunde genommen kann jemand das sehen und denken, ah, okay das passt bei mir, damit könnte ich auch was machen.
Der Blick in den Twitter-Feed ist persönlicher als der in ein fertiges Buch oder einen Essay. Gleichzeitig spricht hier niemand nur privat, weil es immer veröffentlichte Meinung ist. Und vielleicht twittert es sich als Geisteswissenschaftler auch besonders gut, überlegt Peer Trilcke, wenn man davon ausgeht …

 "... dass gerade auch Literaturwissenschaften ja immer wesentlich weiter weg sind von diesem Objektivitätsparadigma als andere Wissenschaften, gerade die Science, die naturwissenschaftlichen Disziplinen. Bei uns spielt die Rolle des Subjekts, des forschenden Subjekts ohnehin eine größere Rolle. Insofern ist man da vielleicht auch weniger gehindert und hat weniger Skrupel eben auch als Person auf Twitter zu erscheinen."
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