Twitter-Streit und andere Debatten

    Sorry, no sorry - was ist eigentlich eine Entschuldigung?

    37:36 Minuten
    Auf einer rosafarbenen Hauswand steht in schwarzer Schreibschrift „Sorry”
    Wann wird aus einer Floskel eine wirkliche Entschuldigung? © Unsplash / Nick Fewings
    Von Christine Watty und Johannes Nichelmann  · 04.02.2021
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    Diskussionen über Rassismus, Pandemie-Maßnahmen oder Ärger über die Politik enden öfter mit dem Wunsch nach einer Entschuldigung. Wie macht man‘s richtig? Wir sprechen mit Philosophin Rahel Jaeggi und Kulturwissenschaftlerin Maryam Aras.
    Sich zu entschuldigen ist nicht so einfach, und in Wirklichkeit sogar eine große Kunst. Das ist noch nicht die aufregendste Neuigkeit dieser Ausgabe des Kulturpodcasts, allerdings laufen einige Debatten schon zu Beginn dieses Jahres so heiß, dass die Frage aufkommt: Kommt man da gar nicht mehr "unentschuldigt" wieder raus?
    Während wir vor bald zwei Jahren an dieser Stelle noch die Frage stellten, warum es überhaupt so schwer ist, sich zu entschuldigen, kommen die Statements mit "Sorry" oder dem Bitten um Verzeihung aktuell gehäuft vor. Auf jeden Fall in den sozialen Medien, aber von dort schwappen sie natürlich dann auch in die restliche Welt.

    Die inflationäre Entschuldigung

    Es gibt aber gerade auch viel zum Entschuldigen, oder? Panelbesetzungen im Fernsehen beispielsweise, die nebenbei Menschen marginalisierter Gruppen verletzen - oder schnell getroffene Unterstellungen in Zeitungstexten über Menschen, die sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben haben. Oder Politiker und Politikerinnen, die sich in ihrer Einschätzung der Pandemie vertan haben.

    Oder Menschen, die noch vor Kurzem über Menschen gerichtet haben, die die Parks besucht haben - und jetzt vielleicht feststellen, dass man es selbst auch nicht immer besser macht. Man muss die angedeuteten Debatten- und Lebenssituationen nicht im Detail kennen, um zu erahnen, dass hier und da auch immer Entschuldigungen erfolgen (müssen), die aber - live oft zu erleben in den sozialen Medien - nicht immer so einfach akzeptiert werden.

    Die Social-Media-Entschuldigung

    Warum eigentlich nicht? Und von wem eigentlich nicht? Ist die "Entschuldigung" - einerseits erwartet, aber andererseits auch in bestimmter Art und Weise vorzutragen - vielleicht gar nicht immer der beste Ausweg aus dem Streit? Wie viel des Reflexionsprozesses muss man miterleben, um eine Entschuldigung als glaubhaft zu empfinden?
    Welche Rolle spielen dabei die Dynamiken von Social Media und sind sie hilfreich - oder sogar im Versöhnungsprozess hinderlich? Wann ist die Entschuldigung floskelhaft und wo unterscheidet sich das Ganze im digitalen und analogen Kontext? Können Entschuldigungen erpresserisch wirken - und damit Debatten-erstickend?

    Die Master-Entschuldigung

    Vielleicht suchen wir ja gar nicht nach der Erleichterung einer "Entschuldigung" des Gegenübers im Streit und vielleicht ist diese Geste in manchen Zusammenhängen sogar überkommen. Das wollen wir besprechen - aus philosophischer Sicht mit Rahel Jaeggi, die uns auch zeitdagnostisch verortet: Ändert sich was gerade, in Sachen Sorry?
    Und wir brauchen mit Maryam Aras den Blick der Kulturwissenschaft, die sich auch mit den Entwicklungen in Social Media auseinandersetzt. Wie gut läuft der Streit in digital, über Themen, die aber unsere analoge Welt bestimmen? Waren wir da schon mal weiter? Oder sind auch knallende Streits sinnvoll, die vermeintlich gar keinen guten Ausgang nehmen?
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