Trügerische Idylle

Jan Dieter Schneider als Jakob in einer Szene von "Die andere Heimat" © picture alliance / dpa / Concorde Filmverleih / Christian Lüdeke
Von Bernd Sobolla · 02.09.2013
Der vierte Teil eines unglaublichen Film-Epos hat in Venedig seine Weltpremiere erlebt. "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" erzählt die Vorgeschichte der Familie Sommer im 19. Jahrhundert. Das Mammutwerk "Heimat" von Edgar Reitz wächst damit auf eine Gesamtlänge von 52 Stunden.
Sehnsuchtsvolle Musik liegt über Schabbach. Wir befinden uns im Jahr 1842, und die Schwarz-Weiß-Bilder wirken zunächst recht idyllisch. Doch der nächste harte Winter kommt bald, der nächste verheerende Regen und damit auch die nächste Hungersnot. Und so gibt es immer wieder Bauern und Handwerker, die ihre nötigste Habe einpacken und mit dem Pferdefuhrwerk den Rhein entlang fahren, um von den Seehäfen aus in die Neue Welt aufzubrechen. Es ist ein kontinuierlicher Exodus, und wenn einmal beschlossen - ein Abschied für immer. Einer, der vielleicht auch bald geht, ist der junge Jakob Simon.

"Mit offenen Augen träumen, eine andere Wahrheit suchen. Eine andere Wahrheit suchen. Der Sonne folgen, wenn sie hier untergeht. Das ist das Glück." (O-Ton Film)

Im Gegensatz zu den meisten anderen im Dorf kann Jakob lesen. Und so träumt er von Brasilien, von Sonne, Dschungel und fremden Sprachen. In "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" schildert Edgar Reitz das Leben der Vorfahren der Familie Simon, die uns bereits aus der Heimat-Trilogie bekannt ist. Der fast vierstündige Film fesselt durch seine detailgenaue Beobachtung, seine Poesie und die Musik von Michael Riessler. Und er zeigt, wie Bildung und die Kunst zu lesen, die Fantasie und Sehnsucht der Menschen beflügelte.

Sehnsucht und Wehmut
Mit dem neuen Werk schenkt uns Edgar Reitz viele großartige Kinomomente: Ein Dorffest in einer Scheune, das Anlaufen der ersten Dampfmaschine im Dorf; oder der Tod des Großvaters am Webstuhl, wenn minutenlang das Klacken der Webstuhlhölzer zu hören ist, die Kamera sanft durchs Haus schwebt und plötzlich das Klacken aufhört. Oder wenn die Mutter Jakob erinnert, dass es doch an der Zeit wäre zu heiraten und dass es doch das Florinchen gäbe, das schön singe. "Die andere Heimat" entfacht im Kopf des Zuschauers einen Sturm der Sehnsucht nach Ferne und Wehmut dem Vergänglichen gegenüber, wie es ihn selten zuvor im Kino gab.

Service:
"Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht" kommt ab 3. Oktober 2013 in die Kinos.

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