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Zeitfragen | Beitrag vom 15.09.2020

Trotz CoronahilfenViele Selbstständige stehen vor der Pleite

Von Philip Banse

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Uhr zeigt 5 vor 12 an. (picture alliance/chromorange/Martin Schroede)
"Es wird zu einer Welle von Insolvenzen kommen", so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. (picture alliance/chromorange/Martin Schroede)

Unbürokratisch wurden im Frühjahr staatliche finanzielle Hilfen für Betriebe zur Verfügung gestellt. Manchen hilft das, um die Krise zu überstehen. Doch bei vielen Soloselbstständigen und Kleinunternehmern kommen die Gelder nicht an.

"Mein Name ist Andreas Treichel, ich bin die letzten 20 Jahre selbstständig gewesen im Messebau – und jetzt bin ich Hausmeister an einer Grundschule."

Und dank Andreas Treichel dürfte die Elizabeth-Shaw-Grundschule eine der edelsten Werkzeugsammlungen des Berliner Bildungswesens im Keller haben. Hinter einer feuerfesten Tür im Schulkeller hat Messebauer Treichel Kappsägen, Elektrohobel und Messtechnik im Wert von mehreren Tausend Euro eingelagert. 

"Ja, und das ist ja nur ein Teil. Ich habe ja auch noch ein Lager angemietet, das muss ich jetzt auch kündigen, damit ich die Kosten spare, da ist ja noch die andere Hälfte."

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20 Jahre hat Andreas Treichel Messen aufgebaut und abgebaut, europaweit. Bis März 2020. 

"Ich bin noch zur Light and Building gefahren nach Frankfurt und als ich in Frankfurt angekommen bin, hieß es, ich kann wieder nach Hause fahren. Und seitdem ist Dunkeltuten. Da ist nichts mehr."  

Von 4000 Euro im Monat runter auf 1650

Schon vor Corona hatte sich Treichel mal beim Schulamt beworben, um die messefreien Monate zu überbrücken. Die festangestellte Hausmeisterin ist bis auf Weiteres krank, deswegen ist der Messebauer und gelernte Elektroniker jetzt Hausmeister. Bis auf Weiteres. 

"Die wollen mich behalten. So viel steht fest. So eine Fachkraft haben sie noch nie gehabt."
 
Wäre da nicht die Sache mit dem Geld. 

"Das Geld, das haut hier einfach nicht hin."

Als Messebauer hatte er bis Mai mit 20.000 Umsatz gerechnet, 4000 pro Monat. Jetzt bekommt er aufs Konto: 

"1650 Euro. Netto. Und bezahl 900 Euro Miete."

Er hat sein Lager gekündigt, das Auto abgemeldet. Seine Ex-Frau hätte gern Unterhalt für die zwei Töchter und das Finanzamt gern 15.000 Euro Steuern. Da helfen auch die 150 Euro im Monat nicht, die seine Mutter ihm jetzt überweist. Die Privatinsolvenz ist in Sichtweite, sagt er: 

"Das ist der nächste Schritt, sage ich mal. Weil, wie gesagt, ich habe 15.000 Euro Schulden beim Finanzamt, das kann ich hier niemals irgendwie realisieren. Mein nächster Schritt ist, mir mal bei der Schuldnerberatung irgendwie Termin zu holen und mal gucken, wie wir aus der Kiste rauskommen. Es sind auch noch Arztrechnungen übrig, das kann ich nicht stemmen, es bleibt hier wirklich nichts übrig."  

Corona setzt den Kleinen zu

Das Coronavirus macht vor allem Soloselbstständigen und kleinen Unternehmen zu schaffen, sagt Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW. Aktuell müssen Unternehmen, die sich aufgrund der Coronakrise überschuldet haben, keine Insolvenz anmelden.

"Das hat dazu geführt, dass wir bisher weniger Insolvenzen gesehen haben, als im gleichen Vorjahreszeitraum."

Diese Schonfrist für überschuldete Unternehmen wurde verlängert und endet am 31. Dezember dieses Jahres. Anders ist das bei Unternehmen, die zahlungsunfähig sind. Für sie wurde die Frist nicht verlängert. Sie müssen ab dem 1. Oktober Insolvenz anmelden. (*)

"Es wird also zu einer Welle von Insolvenzen kommen. Manche Schätzungen gehen von 30.000 bis 40.000 Unternehmen aus, die eine solche Insolvenz anmelden müssten. Und das bedeutet, dass die deutsche Wirtschaft empfindlich getroffen werden würde, wenn es zu einer solchen Welle der Insolvenzen kommt." 

Denn, so Volkswirt Fratzscher, durch das Virus würden keine maroden Betriebe dahingerafft, die ohnehin keine Zukunft haben. 

"Sondern Unternehmen, die keine tiefen Taschen haben. Also junge Unternehmen, die keine großen Rücklagen haben; kleine Unternehmen, die nicht so flexibel auf diese Pandemie reagieren können. Und damit würden Unternehmen pleitegehen, die für den Strukturwandel in Deutschland Richtung Innovation, Digitalisierung, Klimaschutz wichtig sind. Damit würde die deutsche Wirtschaft nicht nur über die nächsten ein oder zwei Jahre geschwächt, sondern möglicherweise über die nächsten zehn oder 20 Jahre." 

Überbrückungshilfen helfen nicht allen

Der Staat müsse daher die existierenden Überbrückungshilfen unbürokratischer auszahlen und über steuerliche Regeln den Unternehmen mehr Luft zum Atmen geben, fordert Fratzscher. Diese Maßnahmen würden jedoch nur einem Teil der Firmen helfen, kritisiert Gunter Haake von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Denn die Überbrückungshilfen werden nur gezahlt, um die Betriebskosten zu bezahlen.

Viele Kleinstunternehmen oder Soloselbstständige wie der Messebauer Andreas Treichel haben aber nur geringe Betriebskosten, deshalb bekommen sie die Hilfen nicht. Und können jetzt in der Krise kaum noch ihren Lebensunterhalt bestreiten, sagt Verdi-Mann Haake: 

"Ich glaube, wir eine Art Moratorium, wie es mit dem Kurzarbeitergeld für abhängig Beschäftige geschaffen wurde, um zu sagen: Jetzt gibt es einfach mal zwei Jahre Geld."

So wie in Großbritannien: Selbstständige, die im vergangenen Jahr weniger als 50.000 Pfund verdient haben, bekommen jetzt als Coronahilfe 80 Prozent des Vorjahresumsatzes vom Finanzamt überwiesen. Bis zu etwa 2800 Euro im Monat. Ohne Antrag.

Gewinner und Verlierer in der Pandemie

Es gibt aber auch kleine Firmen, die die Krise an den Rand des Ruins gebracht hat – und die in der Not einen Innovationssprung gemacht haben, der sie nun fitter macht für die Zeit nach Corona.

"Ich sitze hier in meinem Ü-Wagen, der gerade hier in der Halle geparkt ist und freue mich meines Lebens."

Das war aber nicht immer so. Christian Fischer ist Inhaber von Audiosprint, einer Zwei-Mann-Firma für Audio-Technik, die vor allem klassische Konzerte aufzeichnet und live überträgt. Daher auch der Ü-Wagen, der Übertragungswagen. Doch wo keine Konzerte, dort auch keine Konzert-Aufzeichnung.

"Der Jahresanfang war noch ok, aber im März ist uns dann schlagartig alles weggebrochen."

Fischer hat 14.000 Euro Coronahilfen bekommen. Ein halbes Jahr, sagt Fischer, hätte er durchhalten können. Dann hätte er Technik verkaufen und freie Mitarbeiter auf die Straße setzen müssen. Doch statt zu warten, hat Fischer investiert. Zeit und rund 7000 Euro. Jetzt kann Audiosprint nicht nur Audio aufnehmen, sondern auch Video.

"Das bedeutet, wir haben unser Portfolio deutlich erweitert. Wir haben Geld investiert, um die Ausrüstung zu beschaffen, und mussten auch unser Know-how erweitern mithilfe befreundeter Kollegen. Und auf dem Feld, das uns vorher komplett weggebrochen ist, haben wir wieder zu tun. Wir beackern das Feld Livestreaming jetzt mit."

Fischer dürfte mit seinem Unternehmen aus der Krise besser rauskommen, als er reingegangen ist. 

"Ich denke, die Krise hat uns einen deutlichen Innovationsschub gegeben. Soll heißen, eine Idee, die wir schon hatten, nach dem Motto sollten, könnten wir mal machen. Mit einem Kick haben wir das jetzt umgesetzt. Und tatsächlich hat das Ganze unsere Erwartungen deutlich übertroffen, sodass wir uns da noch erweitern werden. Wir werden weiter investieren und das wird ein eigener Geschäftszweig werden."

Wie viele Unternehmer ihre Firma durch Mut, Investition und Innovation vor der Coronapleite retten können, dürfte schwer zu messen sein. Dagegen wird die Zahl der insolventen Kleinstunternehmen im kommenden Jahr sehr klar messbar sein, sagt der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher. 

"Das ist das Tragische, dass viele junge Unternehmen, viele Soloselbstständige, viele, die nicht viel Geld in der Tasche haben, besonders stark leiden. Das ist die Tragik oder eine der Tragiken dieser Pandemie."

(*) Redaktioneller Hinweis: In der vorherigen Version waren die Regelungen zur Fristverlängerung für Insolvenzanmeldungen nicht richtig dargestellt. Wir haben sie korrigiert.

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