Donnerstag, 18.07.2019
 

Studio 9 | Beitrag vom 29.04.2019

Trickfilmzeichnerin Shadi AdibEine filmische Ode an Europa

Von Uschi Götz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Wie aus hoffnungslos verwirrten und verknoteten Angelschnüren ein stabiles (EU-)Netz wird, zeigt Shadi Adibs Trickfilm. Auf dem Foto sind drei Fischer in Rot, Grün und Gelb gekleidet zu sehen. Aus ihren Angelschnüren ist ein Netz geknüpft. (Shadi Adib)
Geht doch! Aus hoffnungslos verknoteten Angelschüren wird in Shadi Adibs Trickfilm zur Europawahl ein europäisches Netzwerk. (Shadi Adib)

Wie bringt man die Idee von Europa auf den Punkt: all den Missmut, aber auch das Positive und die Chancen? Die iranische Trickfilmzeichnerin Shadi Adib hat sich daran versucht - und lässt in ihrem Spot aus verknoteten Angelschnüren stabile Netze wachsen.

"Ich will nie, nie, nie mit meiner Kunst Politik machen. Aber ich will eine gute Geschichte erzählen."

So weit der Vorsatz. Das eine ist ihr gelungen, das andere nicht: Ihr Film "Ode" ist mehr als eine gute Geschichte. Er ist, wenn man so will eine politische Parabel. Der Trickfilm fordert zur Teilnahme an der Europawahl auf, ist einfach zu verstehen und humorvoll umgesetzt. Doch schon allein die Preisträgerin ist für sich genommen ein politisches Statement: Shadi Adib kommt aus dem Iran und ist begeistert von der europäischen Idee:    

"Die den Film gefordert haben, sind Politiker. In dem Fall denken sie genau, was ich mir wünsche, oder was ich sehe: Und zwar alle für ein gemeinsames Europa."

Shadi Adib  sitzt vor einem Mikrofon und lacht in die Kamera. (Uschi Götz/Deutschlandradio)Mit dem Blick der Nicht-Europäerin: Die Trickfilmzeichnerin Shadi Adib (Uschi Götz/Deutschlandradio)

Drei Angler fischen im Trüben

Am Anfang regnet es heftig in Shadi Adibs Europa. Drei Angler fischen bei diesem trüben Wetter vor sich hin. Jeder steht dabei alleine auf einem wackeligen Floß mitten einem Fluss.

Europa - in Gestalt dreier etwas missmutig dreinschauender Fischer mit hocherhobenen Angeln, die in rot, grün und gelb gekleidet sind. Szene aus Shadi Adibs Europawahl-Spot. (Shadi Adib)Europa als ein etwas missmutiges Nebeneinander - so ist der Blick der Iranerin Shadi Adib auf die augenblickliche Stimmung. (Shadi Adib)

"Ich habe von der Ausschreibung gehört, dass ein Film über die europäische Idee entstehen soll. Als erstes kam mir diese deutsche Redewendung in den Kopf: 'Wir sitzen im gleichen Boot, oder in einem Boot.'"

Bis in Shadi Adibs Geschichte alle in einem Boot sitzen, dauert es allerdings noch eine Weile.

Ein Fischer zieht einen alten Schuh aus dem Wasser, sonst machen die Männer keinen Fang. Zu allem Übel kreist auch noch eine hungrige Möwe über ihnen: "Aber die ist nicht erfolgreich und die Angler sind auch unerfolgreich. Und sehr einsam."

Die Möwe - das ist Shadi Adib selbst

Die Fischer sind die Europäer, sagt ihre Erfindern. Die Möwe steht für alle, die von außen kommen, in diesem Fall aus einer anderen Perspektive auf Europa blicken. "Die Möwe ist offen, ein bisschen kindlich naiv", so Shadi Adib. "Im Studio haben sie immer gesagt, ich bin die Möwe."

Naiv ist die die 32-jährige Autorin keinesfalls, aber den Menschen sympathisch zugewandt. Mit zwei Geschwistern wächst sie in Teheran auf. Der Vater ist beim Militär, die Mutter Hausfrau. Ein diszipliniertes Elternhaus und doch wird viel gelacht. Mit 14 Jahren wechselt sie auf eine Kunstschule, mit Ende 16 beginnt sie ein Studium:

"Ich habe Kunst studiert, und das war sehr unerwartet, weil: meine Schwester ist eine Ingenieurin. Und alle haben gedacht, dass ich das Gleiche mache. Für meinen Vater war Mathematik sehr wichtig."

Sie macht einen Bachelor in Visueller Kommunikation, den Master im Fach Animation. Doch das Leben im Iran ist nicht einfach:

"Das war strenger, denke ich. Die Gesellschaft, auch die Familie: Äußere Freiheit und innere Freiheit waren viel eingeschränkter."

Nach Deutschland auszuwandern, war nicht einfach

Die zierliche Frau mit langen schwarzen Haaren lernt am Goethe-Institut in Teheran ein halbes Jahr Deutsch, und bewirbt sich an der baden-württembergischen Filmakademie. 2013 wird sie dort als Quereinsteigern angenommen.

"Auswandern ist wie eine große Operation, das ist hart und schwer", sagt sie. Die Sprache, die Kultur, alles ist extrem anstrengend. Es sei zu vielen Missverständnissen gekommen. Vielleicht so, wie in ihrem jüngsten Film "Ode", der morgen in Stuttgart beim Auftakt des internationalen Trickfilmfestival seine Weltpremiere feiert.

Die Möwe hat mittlerweile mit den Angelschnüren der Fischer ein ziemliches Chaos angerichtet. Ein riesiger Haufen mit Schnüren liegt da: "Sie hat ein Wirrwarr geschafft." Doch nur auf den ersten Blick. Die Fischer nähern sich dem Wirrwarr und nehmen es auseinander. Plötzlich erkennen die Fischer ein großes Netz in dem Chaos.

Nach fünf Jahren in Deutschland, ist Shadi Adib angekommen. Aus dem anfänglichen Wirrwarr sind Strukturen entstanden, tragbare Beziehungen. Die Filmakademie hat sie mit einer international beachteten Abschlussarbeit verlassen, heute arbeitet sie in einem Produktionsstudio.

Von der Freude zusammenzuarbeiten

In dem Trickfilm "Ode" breiten jetzt die Fischer ein großes Netz aus, von der Möwe aus den Angelschnüren geflochten. Gemeinsam werfen sie das Netz ins Wasser und ziehen gleich darauf einen riesigen Fisch an Land. Die Möwe hilft aus der Luft mit:

"Das ist genau ihr Glück, ihre Freude, dass sie zusammen arbeiten. Dass sie es als Gruppe geschafft haben", kommentiert Shadi Adib.

Zu den Klängen von Beethovens "Ode an die Freude" klettern die Fischer stolz auf ihren Fang. Im Abspann ist zu lesen: "Für ein gemeinsames Europa! #deineStimme zählt." In ihrem Team sind sich einige sicher: Die Autorin des Werkes sei in Kürze weg. Sie sagt: "Aber ich glaube das nicht. Ich mag Europa sehr. Ich fühle mich sehr wohl hier. Ich habe auch die Liebe meines Lebens hier gefunden und ich mag viele Deutsche sehr. Ich glaube, ich bleibe hier."

Interview

Inklusion durch neue EmojisMehr als nur symbolisch
Eine Aufreihung von vier neuen Apple-Emojis zeigt von links nach rechts: Ein Mann mit Gehstock, ein Ohr mit Hörgerät, Eine Rollstuhlfahrerin und ein Blindenhund.  (Apple / Deutschlandfunk Kultur)

Google führt neue Emojis ein - darunter sind Rollstühle, Hörgeräte und ein Blindenhund. Für den querschnittsgelähmten Bielefelder Soziologen Faraj Remmo ist das eine gute Nachricht: Die Emojis könnten helfen, Hemmschwellen abzubauen.Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur