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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 11.12.2016

Trendsport Jugger Wie ein moderner Gladiatorenkampf

Von Maximilian Klein

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Sporthalle in Berlin-Schöneberg: Männer, die juggern (Deutschlandradio / Maximilian Klein)
Sporthalle in Berlin-Schöneberg: Männer, die juggern (Deutschlandradio / Maximilian Klein)

Wenn zwei Mannschaften aufeinander losgehen, sich gegenseitig mit Waffen angreifen und einen Hundekopf benutzen um Punkte zu machen erinnert das alles mehr an ein Horrorszenario als an einen Sport. Dennoch passiert genau das, jede Woche, in einer Berliner Turnhalle.

Sie stehen sich gegenüber. Mann gegen Frau gegen Mann. Sie halten ihre Waffen fest in den Händen. Schwerter, Schilder, Morgenstern. Tick, Tack, Tick, Tack. Das Metronom zerschneidet die Stille vor der aufziehenden Schlacht. Das Neonlicht der Turnhalle erhellt die Gesichter der Krieger. Es sind zarte Gesichter. Schlacksige Körper geschmückt mit Ziegenbärten, Irokesenschnitt, Tattoos.

Sie renne aufeinander zu. Die Waffen krachen gegeneinander. Körper die tagsüber in Großraumbüros sitzen werfen sich in den Kampf. Fünf gegen Fünf.

Berlin Schöneberg an einem Donnerstagabend. Am Spielfeldrand steht Daniel. Er ist heute "Trainer". Er spricht Anführungszeichen mit, wenn er von seinem Posten redet. Es gibt eigentlich niemanden in dieser Position. Wer trainieren will fragt einfach erfahrene Spieler um Rat. Juggern will ein Sport für alle sein und mit schnellen Erfolgen.

Gegner treffen - "egal wie hart"

Trainer: "Wenn ich jetzt an andere Sportarten denke wie Basketball da dauert es einfach lange bis man alle Taktiken drin hat bis man wirklich in einem Team mitspielen kann. Bei uns geht das einfach schneller. Die Lernkurve ist einfach am Anfang sehr steil."

Beim Juggen treten immer zwei Mannschaften gegeneinander an. Fünf bis acht Spieler. Ihr Sportgeräte: Schaumstoffwaffen. Nur ein Spieler in jeder Mannschaft nicht. Er muss das Hundekopfimitat, das in der Mitte des Spielfeldes liegt, erreichen. Dann muss er es schaffen, den Kopf in das gegnerische Tor zu bringen. Punkt.

"Es gibt den Q-Tip, die Stange mit den zwei Enden. Den Stab, mit dem man nicht zustechen darf. Die Langpompfe, die die selbe Reichweite wie der Q-Tip hat. Allerdings nur eine Schlagfläche. Dann noch die Kurzpompfe-Schildvariante und noch die Kette. Die Kette ist eine Plastikkette mit einem Schaumstoffball am Ende.

Wenn der Gegner getroffen wird, egal wo, egal wie hart, bekommt er halt eine Zeitstrafe und muss für die Zeit aussetzen und darf dann erst danach wieder einsteigen."

Australischer Trashfilm war Vorlage für den Sport

Ursprung des Sports ist ein australischer Trashfilm aus den 80er Jahren. Er spielt in einer düsteren Zukunftsvision. Die Welt ist kollabiert und höchstes Ziel und Belustigung sind die Gladiatorenkämpfe: Juggern genannt. Anfang der Neunziger Jahre, wurde das Erste mal gespielt.

"Ja, da sind die ersten Leute auf die Idee gekommen den Film nachzumachen, den es da gibt. Da war das alles noch ein bisschen mit Verkleidung und Zeugs und zur Deutschen Meisterschaft kamen dann in Summer vielleicht sechs Teams, acht Teams. Das hat sich stark geändert."

Juggern war als Spaß gedacht

Die Mannschaften tragen Namen wie "Die Dilettanten", "Rigor Mortens" oder "Armageddon". Juggern in den 90ern. In den Zeiten der Beastieboys und Backstreetboys war Juggern als Spaß gedacht. Zu den Wettkämpfen brachten die Spieler vor allem eines: Bierkästen. Heute will Juggern als Sport ernst genommen werden. Mit Jugendförderung, internationalen Turnieren und Verbänden. Der Berliner Verein hat auf dem Tempelhofer Feld eine feste Spielwiese, zugeteilt vom Bezirksamt. Dort trainieren sie im Sommer.

"Aktuell läuft unser Wintertraining. Das so inhaltlich aufgeteilt ist, dass die Leute an einem ziemlich schwierigen Fittnessparcour teilnehmen können. Der geleitet wird von unseren Trainern. Oder eben einfach frei mit dem Pompfen gegeneinander spielen können."

Eine friedliche Stimmung herrscht unter den Spielern. In einer Ecke liegen verschiedene Waffen auf dem Boden verstreut. Es überkommt einen die Lust, auch nach einer Pompfe zu greifen und sich hineinzustürzen. Attacke.

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