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Tonart | Beitrag vom 29.12.2017

Trend im Jahr 2017Slow Pop – dank Hip Hop

Jens Balzer im Gespräch mit Vivian Perkovic

Der Musiker Yung Hurn bei einem Konzert in Berlin. (imago stock&people)
Der Musiker Yung Hurn bei einem Konzert in Berlin. (imago stock&people)

Hygge, Slow Food und nun auch Slow Pop? Der Trend zur Entschleunigung hat auch die Musikwelt erreicht. Langsame Songs werden auf Streaming-Plattformen immer beliebter. Der Grund ist ein neuer Hip-Hop-Trend.

Der Sommerhit 2017 war "Despacito" – im wahrsten Sinne des Wortes –, denn despacito heißt übersetzt "ganz langsam". 

Immer langsamer sind auch die am meisten gestreamten Songs. Das hat ein amerikanischer Software-Hersteller herausgefunden, der die Top-25 der gestreamten Songs aus dem Jahr 2012 und 2017 miteinander verglich, erzählt Jens Balzer:

"Er hat dabei festgestellt, dass das durchschnittliche Tempo von etwas über 110 beats per minute (bpm) auf 90 bpm gesunken ist. Das ist auch ungefähr das Tempo von 'Despacito'. 2017 waren nur noch etwa ein Achtel aller Stücke in den Top-25 schneller als 120 bpm."

Zum Vergleich: Ein Techno-Stück hat etwa 130-150 bpm, das heißt Schläge pro Minute, Drum-and-Base-Songs schon mal bis zu 200 bpm. Heavy-Metal-Songs können in Extremfällen bis zu 800 bpm aufweisen. Entspannter geht es dann schon beim Dub-Reggae mit 30-60 bpm oder beim Hip Hop (70-12 bpm) zu.

Cloud-Rap ist das neue "Hygge"

Ein neuer Trend in der Hip-Hop-Szene, der sogenannte Cloud-Rap, sei der Grund,  so Balzer, weshalb  sich langsame Beats auch in der Mainstream-Musik durchsetzen:

"Der vitalste Hip Hop und auch Pop-Underground der letzten Jahre war der sogenannte Cloud-Rap, eine extrem langsame, zähe, verhaltene Musik, in der gerne auch mal mit elektronisch verlangsamten Stimmen gerappt wird."

Statt Worte im Tempo eines Maschinengewehrs auf ihre Hörer einprasseln zu lassen, drosseln Musiker wie Yung Hurn, Crack Ignatz das Tempo ihrer Songs auf wenige Beats pro Minute.

Hustensaft als Droge

Um herunterzukommen, würden in der US-amerikanischen Cloud-Hip-Hop-Szene oft auch Drogen konsumiert, erzählt Balzer:

"Cloud-Rapper nehmen eine bestimmte Art von Drogen: Kiffen. Harter Alkohol und Koks sind passé. Gerade in den USA ist die Droge der Wahl bei den Hip-Hoppern nicht mehr MDMA, sondern verschreibungspflichtige Downer, zum Beispiel codeinhaltiger Hustensaft, der gemischt mit Bonbons und Limonade einen sogenannten Purple-Drink ergibt."

Der bekannteste US-Cloud-Rapper Lil Peep starb im November an einer Überdosis von Beruhigungstabletten und Schmerzmitteln.

(mw)

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