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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 12.09.2013

Trauma der Beschneidung lindern

Medizinische Einrichtung zur Hilfe für Opfer von Genitalverstümmelung eröffnet

Von Susanne Arlt

Die Therapien für Menschen, die beschnitten wurden, werden über Spenden finanziert (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Die Therapien für Menschen, die beschnitten wurden, werden über Spenden finanziert (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Die Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie kämpft gegen die Beschneidung von Frauen. Ihre Organisation "Desert Flower Foundation" feiert jetzt einen großen Erfolg: Im Berliner Krankenhaus Waldfriede nehmen sich Mediziner und Seelsorger der Opfer an.

Für Waris Dirie ist gestern Abend ein Traum in Erfüllung gegangen. Die 48-Jährige eröffnete im Berliner Krankenhaus Waldfriede die weltweit erste Einrichtung, die Opfer von Genitalverstümmelung nicht nur medizinisch versorgt, sondern sie auch ganzheitlich betreut. In Anspielung auf ihre Autobiografie mit dem Titel "Wüstenblu-me" heißt auch das neue Zentrum "Desert Flower Center".

"Ich habe kaum Worte dafür, ein Traum ist für mich in Erfüllung gegangen. Verstehen Sie das? Ich habe so lange darauf gewartet, dass mir dieser Wunsch endlich erfüllt wird. Ich verspüre großes Glück und Aufregung. Dieses neue Zentrum in diesem Krankenhaus wird endlich ein bisschen Glück in das Leben vieler afrikanischer Frauen bringen. Ja, es ist ein Erfolg für mich im Kampf gegen die Genitalverstümmelung, aber der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Aber dies ist ein großartiger Tag für mich. … "

Als Tochter einer Nomadenfamilie aus Somalia wurde sie im Alter von fünf Jahren selber genital verstümmelt. Ihre Mutter habe sie damals zu einer unbekannten Frau gebracht. Mit einer rostigen Rasierklinge schnitt sie ihr erst die Klitoris und dann die Schamlippen weg, erzählt sie. Danach wurde sie wieder zugenäht, was blieb war eine Öffnung so groß wie ein Streichholzkopf.

Jeder Gang zur Toilette, jeder Ge-schlechtsverkehr sind eine Qual. Dabei könne ein medizinscher Eingriff diesen Frauen helfen, sagt Bernd Quoß, Geschäftsführer des Berliner Krankenhauses Waldfriede. Die Klinik ist auf Eingriffe am Darm- und Beckenboden spezialisiert. Die Mediziner unterscheiden drei Formen der Genitalverstümmelung, erklärt Quoß.

"Die einfachste Form ist eine Verstümmelung der Klitoris. Die im Laufe der Jahre, Jahrzehnte dann verwächst bzw. sich vernarbt. Die zweite Stufe der Be-schneidung ist die Verstümmelung der Klitoris plus ein Abschneiden und Ab-trennen der Schamlippen und die dritte Stufe ist Klitoris, plus Schamlippen. Und die dritte Stufe ist Klitoris plus Schamlippen plus Zunähen der Vagina bis auf eine kleine Stelle. Und das ist genau der Punkt, wo es dann einfach am schwierigsten wird und wo die Frauen dann auch Jahre oder Jahrzehnte drunter leiden."

In den afrikanischen Gemeinden spricht man selten über die Folgen solcher Be-schneidungsrituale. Das Thema ist tabu. Auf viele Frauen würde Druck ausgeübt, wenn sie sich operieren lassen wollen, glaubt Quoß. Doch sie nur medizinisch von ihren Qualen zu befreien, reiche nicht aus, so der Geschäftsführer. Gerade aus die-sem Grund brauchten die Frauen nach der OP Beratung und Unterstützung.

"Was besonders wichtig ist, wie kommen die Frauen nach der Operation mit sich und mit ihrer familiären Umwelt zurecht. Das eine ist die Vergangenheit, was war früher. Aber was ist nach der Operation? Wenn man den Ehemann oder auch den Familienangehörigen sagt, ich bin rückoperiert worden und nicht mehr im klassischen Sinne genitalverstümmelt. Das kann auch zu teil-weise Ächtung in den Familien führen und drum sehen wir auch diesen ganz-heitlichen Aspekt."

Für die traumatisierten Opfer stehen darum auch Psychologen, Seelsorger, Sozial-arbeiter und Dolmetscher bereit. Krankenkassen übernehmen die Behandlung, so-fern die Frauen in Deutschland versichert sind. Ein Eingriff kann zwischen 4 bis 8000 Euro kosten. Bislang gibt es allerdings mehr Anfragen aus dem Ausland als aus dem Inland. Diese Therapien werden über Spenden finanziert. Dafür hat das Krankenhaus extra einen Förderverein gegründet. Dass künftig aber auch immer Anfragen aus Deutschland kommen, davon ist Katharina Kunze überzeugt. Obwohl die Genitalverstümmelung verboten ist, schicken auch in Deutschland Eltern ihre Töchter zur Beschneiderin. Die Mitarbeiterin von Terre des Femmes geht davon aus, dass mehr als 6000 Mädchen hierzulande akut von einer Verstümmelung bedroht sind. Sie begrüßt es darum, dass der Bundestag Ende Juni ein Gesetz verabschiedet hat, dass weibliche Genitalverstümmelung als eine Straftat bezeichnet, die mit einer Haftstrafe zwischen einem und 15 Jahren geahndet wird. Bislang galt solch ein Eingriff nur als eine gefährliche oder schwere Körperverletzung. Künftig können Frauen bis zu ihrem 41. Lebensjahr Anzeige erstatten, so Katharina Kunze:

"Dadurch, dass die Eltern oder andere Verwandte meistens die Täter sind, ist es sehr schwierig für die Frauen, sich dazu zu entscheiden, juristisch dagegen vorzugehen und ihr Recht darauf einzuklagen. Aber trotzdem muss gewährleis-tet sein, dass die Frau, die die Genitalverstümmelung erlebt hat, vollständig auf eigenen Beinen stehen kann und sich aus diesem familiären Kontext befreien kann. Und das ist selbst bei Endzwanzigerinnen oft nicht gegeben."

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