Die neue Lust am Traden

Zockerei oder seriöse Geldanlage?

29:47 Minuten
Collage von Händen die verschieden farbige Balken auf einem Untergrund nebeneinander legen
Corona war ein großer Katalysator in Bezug auf die Anlagefreudigkeit der jungen Generation. © Getty Images / We Are
Von Caroline Nokel · 12.04.2022
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Hin und Her macht Taschen leer, lautet eine Anlegerweisheit. Doch auf dem Trading-Markt bewegen sich auch immer mehr junge Menschen, die risikofreudiger agieren. Worauf kommt es beim Handel mit Wertpapieren heute vor allem an?
„Wir haben früher alle bei einer amerikanischen Bank, Goldman Sachs, gearbeitet und haben uns eigentlich um eine ganz einfache Frage immer wieder Gedanken gemacht. Und zwar, wenn man in einer Bank arbeitet, dann kommen öfter Verwandte, Nachbarn, Freunde, Familie zu einem und fragen diese ganz einfache Frage: ‚Was soll ich mit meinem Geld machen?‘ Und dann kamen wir sozusagen so auf die Idee, den Zugang zu einem verwalteten ETF-Portfolio so einfach und günstig wie möglich zu machen und haben dafür ‘ne App programmiert.“

ETF, also Exchange Traded Funds, sind börsengehandelte Fonds.

Erik Podzuweit hat zusammen mit Florian Prucker, Adam French und Stefan Mittnik im Jahr 2014 die digitale Investmentplattform Scalable Capital gegründet. Das Unternehmen hat zwei Geschäftszweige: die digitale Vermögensverwaltung und den Broker. Hier können Kundinnen Wertpapiere handeln und sich ihr eigenes Portfolio per App zusammenstellen. Das Investieren per Smartphone wird immer beliebter.

„Man sieht tatsächlich, dass über Generationen, über Altersgruppen hinweg diese Smartphone-Broker immer beliebter werden. Es gibt in Deutschland eigentlich zwei große gute Beispiele, Trade Republic und Scalable Capital. Aus USA kommt natürlich Robin Hood, die extremen Zulauf bekommen, die auch viel Kapital einsammeln, tatsächlich auch sehr gut finanziert sind als Unternehmen und aktiv um die Kunden werben und immer mehr Handelsvolumen eben auch über Smartphones kommt. Man geht davon aus, dass 40 Prozent aller Orders von Privatanlegern mittlerweile über das Smartphone abgeschickt wird an Börsen.“

Rasanter Wandel des Finanzsektors

Marc Mehlhorn ist Professor für Finanzwirtschaft, Fintech und Entrepreneurial Finance an der Technischen Hochschule Köln. Er beobachtet, wie rasant sich der Finanzsektor wandelt.

„Das ist schon eine enorme Entwicklung, die sich da in den letzten Jahren, also eigentlich in den letzten drei, vier Jahren so massiv vollzogen hat. Corona war ein großer Katalysator. Von der jungen Generation, so 18 bis 34, kamen 40 Prozent dieser Anlegergruppe während Corona an die Börse über Smartphone-Broker.“

Die Anleger der Smartphone-Broker, der so genannten „Neobroker“ sind jünger als der durchschnittliche Anleger und die Anlegerin.
„Bei uns ist der Altersdurchschnitt 35 Jahre, also dementsprechend die Hälfte der Kunden jünger als 35. Die Hälfte älter. Wir sehen schon das größte Wachstum bei den unter 40-Jährigen. Das ist wirklich eine neue Generation, die da an den Kapitalmarkt kommt“, sagt Erik Podzuweit.

Beim Konkurrenten Trade Republic ist der Altersdurchschnitt der Kundinnen sogar noch jünger: Siebzig Prozent von ihnen sind jünger als 35 Jahre. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Econ hat im Auftrag von Trade Republic 216.000 Kunden zu ihrem Nutzerverhalten befragt. Die Studie zeigt, dass die Hälfte von ihnen zum ersten Mal auf dem Kapitalmarkt investiert. Fast ein Drittel stamme aus den unteren Einkommensschichten.

Volksbanken, Sparkassen, Privatbanken, Deutsche Bank und Commerzbank haben Konkurrenz bekommen: Früher waren sie die einzigen, die die Orders der Privatanleger an den Börsen platziert haben. Die Zeiten sind vorbei. Heute kann das jede und jeder zuhause am Rechner oder am Smartphone machen: Do It Yourself-Investoren. Checken, was das Portfolio macht. Kaufen oder verkaufen. Das geht auch zwischendurch beim Bier in der Kneipe oder auf dem Sofa. Ist das eine gute Entwicklung?

Traden unter 18 Jahren

„Ich bin schon immer sehr interessiert an Wirtschaft, an Kapitalmärkten und an vielem, was auf dieser Welt geschieht und hab vor ein paar Jahren angefangen, eben auch vor allem mit Währungen und Rohstoffen zu handeln, vor allem ein bisschen kurzfristiger zu handeln, weil sich das immer aufregender angefühlt hat.“

Linus ist 20. Er studiert Business Analytics in Frankfurt. Traden hat ihn schon gereizt, als er 14 war. Als er auf Facebook und Instagram unterwegs war, hat er immer wieder Werbung von Online-Brokern bekommen. Oft hat er die Werbung ignoriert. Aber die Verlockung, es mal auszuprobieren, war doch groß.

„Ich hab‘ dann doch irgendwann nicht ganz die Finger davon lassen können, weil es mich natürlich gereizt hat. Und dann hab‘ ich mir das mal angeschaut und bin dann sozusagen das allererste Mal in so eine Community-Gruppe, Dienstleistung gekommen, in der ich sozusagen einen Trading-Account erstellt habe. Zu dem Zeitpunkt war ich ja noch unter 18, also ich hab‘ das mit der Hilfe von meinem Vater dann machen können dürfen“, erzählt er.

„In dem Moment, in dem ich 18 geworden bin, hab‘ ich das noch selber weitergemacht auf eigenen Accounts und ich habe sozusagen mein Taschengeld aufbringen müssen. Das war am Anfang noch sehr wenig. Das wurde dann ein Jahr später dann ein bisschen mehr.“

Wettscheine: hochriskantes CFD-Trading

Was Linus ausprobiert hat, war CFD-Trading – also hochriskantes Trading, das eigentlich nur für Profianleger geeignet ist.

„So ging es los mit 250 Euro. Und dann habe ich angefangen, die so genannten Signale, die man dann bekommen hat, also die Empfehlungen für Käufe und Verkäufe zu befolgen und das waren eben vor allem CFD-Kontrakte. Also ich sag mal so, man kann es wie Wettscheine auf Aktien oder Währungen oder auf Rohstoffe bezeichnen. Also man besitzt keine physischen Rohstoffe, keine physische Aktie mit diesen Wettscheinen, mit diesen CFDs, sondern es ist eben ein Wettkontrakt im Endeffekt, und das hat halt den Vorteil, dass es viel einfacher zu handeln ist, vor allem, wenn man das kurzfristig macht.“
Ein junger Mann mit Käppi schaut im Laufen auf sein Smartphone
Immer checken wie die Kurse sind: Traden kann einen Sog entwickeln.© Unsplash / Josh Withers
Seinen Freund Gianluca hat Linus mit seiner Begeisterung fürs Traden angesteckt.

"Irgendwann hab‘ ich mal Linus gefragt: ‚Hey, wie machst du das eigentlich?‘ Also wie er da wirklich mit seinem eigenen Geld jetzt da handelt und dann hat er mir das eben gezeigt und hat gesagt, das ist der beste Broker, den findet er am besten. Und ja, dann hab‘ ich da halt einfach mal Geld drauf geschoben und ich sag‘ mal mit Laienahnung oder sehr wenig Ahnung angefangen. Und das war für mich als Person, die jetzt kein Profi ist, ich hab‘ mich gefühlt, als ob ich richtig viel weiß und hatte auch sehr viel Spaß dabei, aber da gab es jetzt keine stetige, steigende Bilanz nach oben oder unten, sondern das war immer eher so am Ende der Woche plus minus Null."

Sog durch "Gamification"

Traden kann Spaß machen und einen ganz schönen Sog entwickeln. Die Benutzeroberflächen ähneln Computerspielen, bei denen es drauf ankommt, möglichst schnell zu reagieren und lange dabei zu bleiben. „Gamification“ nennt man das.

„Bei mir war es so. Ich saß dann die ganze Zeit vor diesem Bildschirm und hab‘ das angeschaut, weil ich da so mitgefiebert hab‘, um zu sehen, es geht hoch, nochmal was draufsetzen und oh, es geht runter, verkaufen, sondern da muss man eher ruhig sein und die Emotionen fortlassen“, sagt Gianluca.

Ich sage immer bei den jüngeren Leuten, die das dann mit dem Smartphone machen: ‚Alles Geld, was du sonst in die Lottobude tragen würdest, darfst du auch da sozusagen hin und her traden.

Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von „Finanztip“

„Es ist gar nicht so einfach, mal ein Aktiendepot anzugucken und dann Verluste und rote Zahlen zu sehen und dann die Disziplin zu haben, nicht zu verkaufen und nicht irgendwie aus einer Aktie rauszugehen, wenn das nicht der Strategie entspricht, die man von Anfang an definiert hat“, meint Linus.

„Ich hab's natürlich sehr viel abends gemacht, aber ich habe jetzt auch während der Schule dann drauf geguckt. Unterm Tisch oder mal aufm Klo. Also ich war da schon mehr im Fieber drin, dass ich da wirklich die ganze Zeit versucht hab‘, drauf zu schauen. Das nur abends aus Langeweile zu machen ist vielleicht blöd, aber so wie ich es gemacht habe, ist es auch blöd, die ganze Zeit mitzufiebern, weil, das ist ja total emotional“, erzählt sein Freund.

Daytrading für Privatanleger ungeeignet

Linus und Gianluca haben kurzfristig auf Währungen, Kryptowährungen, Rohstoffe und Aktien gewettet, so genanntes Intraday oder Daytrading. Etwas, das vor allem professionelle Händlerinnen und Händler machen, um von den Kursschwankungen innerhalb eines Tages zu profitieren. Für Privatanleger ist es als Geldanlage ungeeignet, so Marc Mehlhorn, Professor für Finanzwirtschaft.

„Dieses Intraday kennt man eigentlich eher von den Profis. Das kennt man aus den Börsenfilmen. Da sieht man quasi dieses Intraday Trading. Das wird auch immer sehr positiv dargestellt, als dass man da sehr gute Renditen gewinnen könnte. Tatsächlich zeigt die Wissenschaft, das ist überhaupt nicht so. Also vor allem wenn Privatanleger, die sich nicht sonderlich gut auskennen, aus Spaß Intraday Trading machen, dann muss man schon eher sagen, ist das eigentlich mehr Glücksspiel als Vermögensaufbau und so müsste man es auch begreifen.“

So sieht es auch der Verbraucherschützer Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von „Finanztip“, einem Online-Ratgeber, der den Anspruch hat, persönliche Finanzen so einfach zu machen, dass jede und jeder sich selbst drum kümmern kann.

„Ich sage immer bei den jüngeren Leuten, die das dann mit dem Smartphone machen: ‚Alles Geld, was du sonst in die Lottobude tragen würdest, darfst du auch da sozusagen hin und her traden. Alles das, was du für deine Altersvorsorge tust, das tradest du da nicht hin und her, sondern du kaufst es da günstig und gut ist.‘“

Betreibe man das Hin- und Hertraden eher wie ein Hobby, genauso wie Lottospielen, sei es in Ordnung.

„Es spricht nichts gegen Intraday“, sagt Marc Mehlhorn. „Man muss nur wissen, dass man damit als uninformierter Privatanleger wahrscheinlich nicht die sehr guten Renditen machen würde. Wenn man es als Hobby begreift und mit Geld macht, was man potenziell auch verlieren könnte und nicht zu viel Geld macht, dann ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Dann ist es einfach ein Hobby. Jedes Hobby kostet Geld und auch das Hobby würde ein bisschen Geld kosten.“

Lehrreiche Verluste

250 Euro waren es bei Linus – Geld, das er sich mit kleinen Jobs und seinem Taschengeld verdient hatte.

„Den Account habe ich ganz gegen die Wand gefahren, und ich glaube, der nächste Account waren dann so 650 Euro, würde ich ungefähr schätzen. Also noch keine ganzen Tausend und da ist auch noch einiges an Geld flöten gegangen, aber nicht der ganze Account. Und dann hab‘ ich mich irgendwann zusammenreißen müssen und mich über ein Jahr wirklich sehr intensiv mit der Materie auseinandergesetzt, um dann einen Account zu öffnen, der also über 5000 Euro groß war. Und das lief dann um einiges besser.“

Die Verluste sind zwar ärgerlich, aber auch sehr lehrreich. Das hat auch Erik Podzuweit von Scalable Capital erfahren.

„Ich habe eine ähnliche Historie, habe auch als sehr junger Mensch die ersten Aktien-Gehversuche gemacht und erst mal auf die Nase gekriegt. Und meiner Erfahrung nach war das sehr heilsam, weil wenn man auf die Nase kriegt, dann lieber ganz früh in seiner Aktionärsgeschichte, es ist viel, viel besser, dort Erfahrungen zu sammeln und sich dann halt anders aufzustellen, dann halt zu sagen: dieses sogenannte Market Timing, dass ich selber probiere, den optimalen Zeitpunkt zu erwischen, wann man rein und raus geht in die Märkte, das klappt auf Dauer nicht. Wenn's klappt, dann ist es wahrscheinlich eher Glück gewesen als Können.“

Privatanleger können schneller reagieren

Der einfache Zugang zu Kapitalmärkten birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Doch wer beispielsweise mit CFDs handeln will, muss mittlerweile darauf hingewiesen werden, dass er seine Kapitalanlage vollständig verlieren kann.

Die Entwicklung, dass jeder von überall über das Smartphone Wertpapiere kaufen und verkaufen kann, führt dazu, dass es zwar mehr kleine Orders von Privatanlegern an den Börsen gibt. Schneller macht es den Handel an den Börsen nicht, dafür ist ihr Anteil am gesamten Handelsvolumen zu gering, so Marc Mehlhorn.

„Die Privatanleger und Privatanlegerinnen können schneller reagieren. Das hat weniger Implikationen für die Börse und für die Kurse. Das hat mehr Implikationen für das eigene Portfolio der Anleger, weil die schneller Affekt-Trading machen können. Das heißt, die haben weniger dieses langfristige und ausgewogene Portfolio, sondern handeln schneller hin und her. Das ist für die meisten allerdings nicht positiv, sondern das ist eher mit Renditeeinbußen verbunden.“

Hin und Her macht Taschen leer, lautet eine Anlegerweisheit. Der Verbraucherschützer Hermann-Josef Tenhagen plädiert dafür, die Vorteile der neuen Technologie zu nutzen und sich selbst zu disziplinieren.

Langfristige Anlegestrategien

„Ja, natürlich ist ein Risiko dabei, wenn es, wenn es einfach gemacht wird und wenn es schnell geht, aufm Smartphone, besteht immer das Risiko, dass man sich nicht genug Gedanken darüber macht, was man denn da tut, als Kleinanleger und gerade, wenn man nicht so viel Erfahrung damit hat. Von daher gibt es natürlich dieses Risiko, dass man dann da nicht aufpasst. Und das Risiko liegt natürlich vor allen Dingen auch in der Frage, welche Art von Papieren werden da gehandelt? Also wenn ich Ihnen sage was, was sozusagen unser Standardsatz ist, Sie machen eigentlich Geldanlage mit Wertpapieren, mit ‘nem Aktienindexfonds, und das machen Sie für 10, 15 Jahre. Das heißt, Sie kaufen heute entweder eine größere Summe Geld, mit einer größeren Summe Geldes oder als Sparplan und betreiben das 10, 15 Jahre lang und fassen das in der Zeit so nicht an. Dann hört sich das nicht nach Gamification an und morgens, mittags, abends am Handy sitzen und damit rumspielen. Das ist eine andere Idee.“

Vor allem junge Erwachsene erliegen eher der Versuchung, Wertpapiere schnell hin- und her zu traden.  

„Die junge Generation, das sind so die 18- bis 34-Jährigen“, erklärt der Finanzwissenschaftler Marc Mehlhorn. „Bei denen sieht man tatsächlich, dass die Haltedauer ziemlich kurz ist. Also da sieht man, Haltedauern pro Wertpapier sind unter einem Monat. Das ist überhaupt nicht das, was man empfehlen würde. Besser wäre eigentlich, mehr als fünf, sechs, sieben Jahre auf jeden Fall Wertpapiere zu halten. Da ist die ältere Generation, glaub‘ ich ein bisschen weiter. Die ältere Generation hat, glaub‘ ich, aus vergangenen Krisen erfahren, dass man eben lange halten muss, um die Krise quasi überstehen zu können. Und da sieht man tatsächlich in der Generation ab 36 bis 65, die halten Wertpapiere im Schnitt sechs Jahre, während die junge Generation das unter einem Monat hält.“

Kleine aktive Trading-Community

Ist das schnelle Kaufen und Verkaufen nur ein Randphänomen im Geschäft der Online- und Neobroker? Wie groß der Anteil der „Zocker“ im Broker von Scalable Capital ist, erklärt Erik Podzuweit.

„In unserem Broker sind über 60 Prozent der Gelder in ETFs investiert. Das gehört in den Bereich langfristige Geldanlage. Der andere Anteil, also 40 bis 35 Prozent, wird in Aktien angelegt und dort gibt es auch zwei Welten. Es gibt die Anlegerschaft, die sich ein Aktienportfolio zusammenstellt und das liegenlässt. Und dann gibt es auch noch eine aktive Trading-Community, eine Tradinggruppe. Typischerweise sind die Anleger, die aktiv traden. Es macht so circa 10 Prozent der Anlegerschaft aus. Das sind wirklich aktive Trader, die mit bestimmten Strategien mehrmals am Tag traden.“

Für die Broker sind die aktiven Trader lukrativ. Denn jede Order bringt Einnahmen. Bei Scalable Capital im Preismodell „Free Broker“ sind es 0,99 Euro pro Order. Oder man wählt die Trading-Flatrate und zahlt jeden Monat 2,99 Euro und keine Ordergebühr für Aktien. Bei Trade Republic zahlen Kunden ebenfalls 1 Euro pro Transaktion. Die Trading-Plattformen haben also kein Interesse daran, ihre Kunden zu disziplinieren. Denn wie sollen sie ihr Geld mit gebührenfreien ETFs verdienen, die die Anlegerinnen zehn bis fünfzehn Jahre liegen lassen?

Hermann-Josef Tenhagen von „Finanztip“ macht ein Beispiel aus Kundensicht:

„Also ich nutze 10.000 Euro und kaufe dafür einen Aktienindexfond. Und eigentlich würde ich den jetzt 15 Jahre liegen lassen und würde sagen: Bei ‚Finanztip‘ haben die das gesagt, anderswo kann man es auch lesen: sieben bis neun Prozent Rendite im Jahr waren im Schnitt in den vergangenen Jahrzehnten drin. Ist doch wunderbar. Ich kaufe das also für ganz wenig Geld und habe ein Depot, was nichts kostet. Und nach 15 Jahren freue ich mich über eine ordentliche Rendite, auf die ich dann nur noch Steuern zahlen muss. Die Frage, wie einer von den Anbietern davon leben soll von so einer Strategie, ist damit nicht beantwortet. Die könnten das nämlich nicht. Das heißt, die haben natürlich einen Anreiz zu versuchen, dass die Kunden auch unvernünftige Dinge dort tun.“

Günstiger als die klassischen Banken

Große Werbeplakate der Neobroker werben zurzeit in den Großstädten um neue Kunden. Ihr Geschäftsmodell: günstiger zu sein als die klassischen Banken und Direktbanken. Doch wie verdienen sie dann ihr Geld?
Das Bankenviertel mit Sparkasse und Deutscher Bank in Frankfurt am Main
Das Geschäftsmodell der Neobroker: günstiger zu sein als die klassischen Banken.© imago images/Sabine Gudath
„Die größten sozusagen Einkommensströme sind: Zum einen nehmen wir Geld direkt von den Kundinnen, also diese entweder einen Euro pro Order oder halt diese Monatsgebühr drei Euro im Monat und das ist eine Einkommensquelle“, sagt Erik Podzuweit.
„Die andere Einkommensquelle ist, wir stellen so genannten Market Makern, das sind Profi- Aktienhändler, denen stellen wir für die Ausführung der Börsengeschäfte Rechnungen. Und kriegen sozusagen dann Geld von diesen Market Makern. Und dieses Geld können wir dazu verwenden, um die Preise für die Ordergebühren deutlich zu senken, weil eine typische Order, wenn Sie zu einer klassischen Bank gehen oder auch zu einem Online Broker, der schon länger tätig ist, dann kostet eine typische Order 10 bis 20 Euro. Und bei uns oder auch bei anderen Neobrokern ist diese Order halt auf einen Euro oder sogar noch darunter abgesenkt, die Ordergebühren.“

Es ist kompliziert: Normalerweise haben Anleger die Auswahl zwischen vielen Handelsplätzen und suchen sich den besten Kurs aus. Die Neobroker hingegen arbeiten nur mit einem oder zwei elektronischen Börsenplätzen zusammen: Scalable Capital mit zweien, Trade Republic nur mit einem. Die angeschlossenen Profihändler erwirtschaften aus der Differenz zwischen dem Einkaufs- und Verkaufspreis ihren Gewinn. Sie zahlen dann den Neobrokern einen Teil davon als Rückvergütung – damit sie weiterhin möglichst viele Kundenorders von ihnen bekommen.

Bedenken der EU-Kommission

Die EU-Kommission hat einen möglichen Konflikt zwischen Kundeninteresse und dem Interesse der Neobroker ausgemacht: Der Anteil der Rückvergütungen am Umsatz sei so hoch, dass die Gefahr bestünde, dass die Orders der Kunden nicht an den Handelsplätzen mit den besten Kursen platziert würden, sondern an denen mit den höchsten Rückvergütungen. Erik Podzuweit weist die Bedenken zurück.

„Also man muss immer schauen für was werden diese Rückvergütungen eingesetzt. Wenn ich mir in der Tat die in die Tasche stecken könnte oder würde, das wäre schlecht. Das machen aber die Neobroker nicht. Dürfen sie sogar nicht. Das ist nach der europäischen Finanzmarktregulierung verboten, sondern man darf dieses Geld nur annehmen, um eine Verbesserung für den Kunden, eine Qualitätsverbesserung für die Kunden zu erwirken und diese Qualitätsverbesserung geschieht am offensichtlichsten durch die große Preisabsenkung, dass ein Trade halt oder ein Handelsgeschäft nicht mehr 10 bis 20 Euro kostet, sondern null bis ein Euro kostet.“

Die EU-Kommission würde gern die so genannten payments for order flow verbieten. Ihr Vorschlag wird im EU-Parlament und im Rat diskutiert. Hermann-Josef Tenhagen sieht die Kundinnen der Neobroker bisher nicht benachteiligt.

„Ich halte das nicht für problematisch, solange klar ist, dass da ein Fluss an Geld ist. Und das hat natürlich Auswirkungen auf mein Handeln, auf die Art, wie ich das machen würde. Ich würde nämlich immer sozusagen zu den klassischen Börsenzeiten zwischen 9 und 17 Uhr, wenn in Frankfurt am Xetra, die die Kurse sozusagen spiegelt, handeln, weil dann kann ich sehen, dass mein Neo Broker, der das über so ein Handelshaus macht, mir auch einen ordentlichen Kurs gestellt hat für das Wertpapier, was ich gekauft habe.“

Verbotsvorschlag erfährt Gegenwind

Der Verbotsvorschlag erfährt derzeit viel Gegenwind – sogar aus dem deutschen Finanzministerium. Das beruhigt die Neobroker. Auch Erik Podzuweit von Scalable Capital gibt sich entspannt:

„Wir müssen jetzt erst mal abwarten, wie es genau kommt. Von daher ist es immer schwer, über Regulierung, die es noch nicht gibt, zu reden. Wenn dieses Verbot käme, dann würde es für die Privatinvestoren wieder teurer werden. Private Investoren wären dann die großen Bauernopfer. Wir hoffen, wie gesagt, dass wir da Gehör finden und uns für die Aktienkultur nicht nur in Deutschland und in Europa stark machen können, dass dieses Verbot nicht kommt.“  

Was an Rückvergütung wegfiele, müsste auf die Ordergebühren aufgeschlagen werden. Andererseits: Werden die Ordergebühren teurer, hielte das womöglich mehr Menschen davon ab, schnell hin und her zu traden. Das wäre auch nicht schlecht: Anlegerinnen würden ihre ETFs und Fonds liegenlassen und so bessere Renditen erzielen. Sollte das Verbot kommen, wäre es von Vorteil für die klassischen Banken. Denn sowohl der günstige und einfache Zugang zum Kapitalmarkt durch Neobroker, als auch das ETF-Geschäft gefährden ihr Geschäftsmodell.

Positive Entwicklung für Verbraucher

Grundsätzlich sei die Entwicklung der letzten Jahre positiv für die Verbraucher, beurteilt Hermann-Josef Tenhagen von „Finanztip“.

„Die Entwicklung der vergangenen Jahre hat ja zwei Aspekte: Der eine Aspekt ist, dass die Geschäfte mit Wertpapieren deutlich preiswerter geworden sind. Und das ist erst mal gut. Das heißt zuviel von den möglichen Renditen, die die Sparer, Anleger bekommen könnten, bleibt sonst beim Finanzdienstleister. Wenn das geändert wird, ist das erst mal super“, sagt Tenhagen.
„Das zweite, was Finanzdienstleister Kunden lange Zeit immer erzählt haben, dass es kompliziert sei, solche Geschäfte zu tätigen. Und wenn das jetzt auf dem Smartphone einfacher gemacht wird und das dann alles ordentlich trotzdem erklärt wird, ist auch das erst mal super, weil es ist nämlich nicht kompliziert. Es ist in vielen Fällen relativ einfach und man kann es dann mit dem Smartphone auch einfach tun.“

Die Vermutung, Kunden würden ein schlechteres Ergebnis erzielen, weil Neobroker Rückvergütungen erhalten, wird durch Studien nicht bestätigt. Im Gegenteil. Professor Lutz Johanning, von der Otto Beisheim School of Management und Professor Steffen Meyer, von der University of Southern Denmark and Danish Finance Institute, haben herausgefunden, dass Kunden von Trade Republic zu besseren Kursen handeln als auf dem Referenzmarkt. Dafür haben sie über zwei Millionen Transaktionen von Trade Republic untersucht.

Mehr Transparenz wünschenswert

Doch auch wenn die Kundinnen der Neobroker nicht benachteiligt sind - wäre mehr Transparenz nicht wünschenswert? Bisher werben die Neobroker mit null Euro Gebühren. Auch das sei laut EU-Kommission irreführend. Denn zahlen würden die Kunden später, bei den so genannten spreads, also der Differenz zwischen dem Einkaufs- und dem Verkaufswert.

„Noch besser wäre natürlich, das ist eigentlich die Frage, wie man Altersvorsorgeprodukte jedweder Provenienz, auch ein Aktienindexfonds ist ja dann ein Stück weit ein Altersvorsorgeprodukt, so transparent aufbereitet, dass die Leute dann entscheiden können: Diese Art von Produkt will ich dafür nutzen und ich kann auch verstehen, wie viel Rendite dabei rauskommt.“

Die Annahme, die junge Generation würde zum Zocken neigen, bestätigen weder der Wissenschaftler Marc Mehlhorn noch der Unternehmer Eric Podzuweit.

„Ich glaube, die junge Generation ist eine gut informierte und gut ausgebildete Trader-Generation. Und ich bin ziemlich optimistisch, dass mit den Informationen, die auch die junge Generation konsumiert, eben gerade über Podcasts, Youtuber, Influencer, dass da, glaube ich, eine ziemlich gute Trading-Generation heranwächst, die hoffentlich auch noch lernt, wie man sich auf Krisen einstellen kann.“

„Ich beobachte immer wieder, dass das Vorurteil, was man eigentlich über die junge Aktionärskultur hat, dass die wie verrückt zocken, das stimmt nicht. Die Portfolien unserer jungen Kunden sind so viel besser als die Portfolien, die damals meine Eltern beispielsweise um die 2000er-Jahre hatte. Damals hatten die meisten Deutschen nämlich den Einstieg in den Aktienmarkt gewählt über eine einzelne Aktie, nämlich die Telekom. Man hat einen einzigen Wert gekauft, also überhaupt nicht diversifiziert, was die wichtigste Regel ist, breit zu streuen. Wenn ich heutzutage in die Portfolien der jungen Menschen schaue, dann sind die in fast allen Fällen viel breiter aufgestellt.“

Anlageabsichten der Jungen und Älteren ähnlich

Die ältere Generation ist vielleicht krisenerfahrener. Überraschenderweise unterscheiden sich die Motive, warum sie Geld an der Börse anlegt, gar nicht so groß von denen der jungen Generation, sagt Marc Mehlhorn.

„Wenn man die junge Generation befragt, was eigentlich die Absichten sind, an der Börse, am Kapitalmarkt aktiv zu werden, dann antwortet die junge Generation ziemlich ähnlich wie die ältere Generation, nämlich Vermögensaufbau, Altersvorsorge. Das ist eigentlich auch für die Jungen die große Absicht an der Börse.“

Linus und Gianluca zocken nicht mehr. Sie gehen anders mit ihrem Geld um. 

„Unsere Generation und darauffolgende Generationen werden nicht Geld so anlegen können, wie es die Generationen vor uns gemacht haben. Und das führt natürlich dazu, dass viele junge Leute einfach Sachen ausprobieren, die vielleicht ein bisschen spekulativ sind. Aber man muss auch ehrlich dazusagen, dass wir ganz andere Voraussetzungen haben. Also wir, und auch folgende Generationen werden es nicht ganz so einfach haben, wie ich würde mal sagen, die Generation vor uns, bei denen es gereicht hat, Geld auf das Konto zu legen und schöne Zinsen dafür zu bekommen, sondern wir werden, um unser Geld einfach sicher anlegen zu können oder auch etwas vermehren zu können, definitiv aktiver investieren und anlegen müssen. Und da finde ich dann auch völlig berechtigt, dass man sich sozusagen ein bisschen mit Sachen informiert und sich auch ein bisschen ausprobiert.“ 

„Ich meine, man wird ja auch älter. Ich sag‘ mal, da ging's mir eher um das schnelle Geld und den tollen schnellen Reichtum. Und natürlich finde ich jetzt Autos oder schöne Uhren immer noch toll, aber im Sinne vom Handeln und Investieren hat sich das natürlich total geändert, weil ich eben erwachsener geworden bin und sage: Okay, ich tue was für meine Zukunft und ich habe auch den Wert von Geld mit der Zeit mehr erkannt und ich zock da nicht blöd rum. Wenn ich nicht viel Ahnung von was hab, dann stecke ich da nicht einfach mein Geld rein – vor allen Dingen nicht so viel Geld, ja –, sondern jetzt die Altersvorsorge. Und je früher man anfängt, desto mehr bringt es einem.“

Sehr vernünftig, die jungen Erwachsenen.

Redaktion: Martin Hartwig
Regie: Friederike Wigger
Technik: Martin Eichberg
Sprecherin: Britta Steffenhagen
Sprecher: Maximilian Held

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