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Buchkritik | Beitrag vom 07.06.2018

Tracy Chevalier: "Der Neue"Shakespeare light

Von Johannes Kaiser

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Buchcover Tracy Chevalier: "Der Neue" (Knaus / picture alliance / dpa)
Was für Shakespeare die Intrige war, ist für Chevalier das Mobbing. (Knaus / picture alliance / dpa)

Es geht um Verleumdung, Liebe, Hass und späte Reue: Tracy Chevalier hat Shakespeares "Othello" neu interpretiert und lässt das Drama an einer Schule in den 1970er-Jahren spielen. "Der Neue" ist die gelungene Adaption eines Klassikers in Jugendjagon.

Die englische Hogarth Press startete das ungewöhnliche Projekt im April 2016 zum 400. Todestag Shakespeares. Acht zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller bekamen das Angebot, ein Drama des Barden neu zu interpretieren und zu adaptieren. Die englische Schriftstellerin Tracy Chevalier, berühmt geworden durch ihren Roman "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", hat sich an "Othello" gewagt. Ein mutiges Unterfangen, denn der Klassiker ist ein dramatisches Stück um Liebe und Eifersucht, Neid und Hass.

Zur Erinnerung: Dem dunkelhäutigen Feldherrn Othello wird von seinem hinterhältigen Untergebenen Jago durch eine raffiniert gesponnene Intrige suggeriert, seine Ehefrau Desdemona betrüge ihn mit einem seiner Leutnants. Rasend vor Eifersucht erwürgt er sie, nur um kurz darauf von Jagos Frau zu erfahren, dass Desdemona unschuldig war. Dafür wird sie von Jago umgebracht. Der wird verhaftet und gesteht seine Betrugsmanöver. Verzweifelt bringt sich Othello um.

Schlicht und einfach

Chevalier nun lässt diese Geschichte in den 70er-Jahren in Washington unter Schülern spielen. Was Shakespeare die Intrige, ist ihr das Mobbing. Im Mittelpunkt steht Osei, ein schwarzer Diplomatensohn. Er ist gerade neu auf die Schule gekommen. Allein durch seine Anwesenheit sieht Ian, bislang unumschränkter Herrscher über die weißen Schüler, seine Macht bedroht, zumal sich die hübsche Mitschülerin Dee gleich in den Neuankömmling verliebt. Gefühle, die Osei durchaus erwidert. Auch Caspar, ein Mitschüler, begrüßt ihn unvoreingenommen. Ian schäumt vor Wut, tut aber so, als akzeptiere er den Neuankömmling. Gleichzeitig setzt er seine Freundin Mimi unter Druck. Sie soll ein Federmäppchen, ein Geschenk Oseis an Dee stehlen und dem freundlichen Caspar als Geschenk Dees unterschieben. Zugleich setzt er das Gerücht in die Welt, Caspar habe mit Dee das "volle Programm" durchgezogen. Osei fühlt sich von Dee hintergangen, bezichtigt sie rüde als Hure. Schockiert und bitter enttäuscht flieht Dee vom Schulhof. Als Mimi Ians Ränkespiel aufdecken will, wird sie von ihm zu Boden gestoßen und verliert kurzfristig das Bewusstsein. Doch dann kommt die Wahrheit zu Tage. Osei stürzt sich von einem Klettergerüst auf dem Schulhof.

Tracy Chevalier hat ihre "Othello"-Variante zum zwar perfiden, aber weniger tödlichen Jugendstück umgebaut. Dem entsprechen Sprache und der Stil – schlicht, einfach, der Jugendjagon. So wird aus dem blutigen Drama ein Kammerspiel unter Jugendlichen, das allerdings alle Ingredienzien enthält, die auch das Shakespeare Stück auszeichnen: gekränkte Eitelkeit, Machtgelüste, Neid, Verleumdung und Missgunst, Liebe, Eifersucht und Hass, blinde Wut und zu späte Reue.

Lektüre nicht nur für Jugendliche

Chevalier geht es dabei auch um den unterschwelligen Rassismus, der dem schwarzen Osei entgegenschlägt. Die Schriftstellerin hat dies in ihrer Schulzeit in den 70er-Jahren in Washington selbst erlebt. So ist aus "Othello" ein Jugendbuch geworden. Shakespeare light - eine durchaus gelungene Adaption für Schüler, aber auch für Erwachsene.

Tracy Chevalier: Der Neue
Knaus Verlag, 2018
192 Seiten, 18 Euro

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