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Interview | Beitrag vom 12.07.2019

TourismussteuerungStädte reagieren auf Besucheransturm

Johannes Novy im Gespräch mit Dieter Kassel

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Touristen ziehen am Berliner Alexanderplatz Rollkoffer hinter sich her. (imago / Schöning)
Auch in Berlin hat die Zahl der Touristen an einigen Orten in den Augen der Bewohner die sozialverträgliche Höhe überschritten. (imago / Schöning)

Tourist go home! Da mag der Tourismus wirtschaftlich noch so wichtig sein, in vielen Städten haben die Bewohner schlicht die Nase voll davon. Wie Städte wie Berlin, Amsterdam und Barcelona dieses Problem lösen wollen, erklärt Stadtplaner Johannes Novy.

Amsterdam, Barcelona, Paris, Berlin: In vielen europäischen Städten stöhnen die Bewohner über die Masse an Touristen, die – so die Klage – wie die Heuschrecken in ihre Wohngebiete einfallen und ein Ödland aus Fast-Foodketten, Souvenirgeschäften und Billigmodeläden hinterlassen. Viele Stadtverwaltungen versuchen deshalb inzwischen, die Touristenströme umzulenken. In Berlin zum Beispiel will man gezielt dafür werben, dass Touristen auch die Außenbezirke besuchen.

Doch welcher Tourist verzichtet schon freiwillig auf einen Besuch des Brandenburger Tors und besichtigt stattdessen Plattenbauten in Marzahn? Oder statt des Louvres die Banlieues von Paris?  

Der Stadtplaner Johannes Novy ist skeptisch. "Ich glaube, dass man die Erwartung, was diese Strategie angeht, nicht so hoch hängen sollte", sagt er. "Es ist allenfalls Teil einer Lösung."

Demokratisierung der Tourismusplanung

Städte, die schon länger vom "Overtourism" betroffen sind, haben noch weitere Ansätze entwickelt, den Massentourismus in den Griff zu bekommen. Eine Demokratisierung von Tourismusplanung zum Beispiel: "Das heißt, dass man sagt, diejenigen, die besucht werden und die auch mitunter dann durchaus mal zu leiden haben unter Tourismus, die holen wir mit an den Tisch." Das versuche man etwa in Barcelona. "Inwieweit das Früchte trägt und inwieweit die Maßnahmen, die man dort auch ergriffen hat, ausreichen, um den Herausforderungen gerecht zu werden – gerade vor dem Hintergrund des noch zu erwartenden touristischen Wachstums – das ist noch einmal auf einem anderen Blatt geschrieben." 

Barcelona sei auch insofern ein spannender Fall, als man dort bereit sei, kontroversere Maßnahmen zu ergreifen. "Das war zum Beispiel ein Moratorium, was den Hotelneubau angeht", so Novy. "Das ist etwas, was wir in Berlin auch diskutieren, dass man einfach sagt: Neue Realitäten erfordern neue Maßnahmen, man muss bau- und planungsrechtlich auch dazu gelangen, dass man sagt: irgendwann ist genug."

Diese Erkenntnis scheint in Amsterdam allmählich um sich zu greifen: Dort werde inzwischen ernsthaft diskutiert, "von dem Ziel ewig weiteren Wachstums abzusehen und auch das Marketing ein Stück weit zu beschränken", sagt Novy. "Ob es dazu kommt, wird man sehen, aber es wird zumindest diskutiert."

(uko)

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