Wohnprojekt für tolerantes Miteinander

Mein Nachbar, der Geflüchtete

05:05 Minuten
Kinder feiern verkleidet auf der Straße des neun Wohngebiets "ToM Tolerantes Miteinander" Halloween.
Die Wohnungsbaugesellschaft Degewo hat 164 Wohnungen und eine Kita gebaut, davon kosten 133 dieser Wohnungen im Schnitt für 6,50 Euro kalt pro Quadratmeter vermietet. Die Hälfte der Wohnungen wird an geflüchtete Menschen mit Bleiberecht vermietet, die andere Hälfte an Berlinerinnen und Berliner, die eine Wohnung suchen. © Cathrin Bach
Von Luise Sammann  · 24.11.2021
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In dem Berliner Modellprojekt ToM (Tolerantes Miteinander) wohnen anerkannte Geflüchtete mit "normalen" Mietern Tür an Tür. Das hilft den Neuankömmlingen, sich zu integrieren. Aber auch die deutschen Nachbarn profitieren davon.
Kinderfest im Neubauprojekt ToM in Berlin-Altglienicke. Im asphaltierten Innenhof der Anlage sitzen zwei Dutzend Kinder an Klapptischen, basteln bunte Herbstdeko, kleben und malen. Zwei vielleicht 12-jährige Jungen haben das DJ-Pult gekapert, sorgen für musikalische Begleitung.
Ukka, Mutter von drei Kindern, ist Ende dreißig. Sie steht etwas abseits – betrachtet das bunte Treiben mit einem Lächeln auf den rot geschminkten Lippen. Vor wenigen Monaten ist die Albanerin in eine der 164 ToM-Wohnungen eingezogen.
Ja, sehr schön. Und für Kinder viel Platz. Ich habe drei Kinder, zwei Töchter und ein Junge, meine Tochter ist in der Schule und mein Sohn im Kindergarten hier.“
Vom Küchenfenster ihrer Wohnung im ersten Stock kann Ukka sehen, wie ihr Sohn vormittags im ToM-eigenen Kindergarten mit den Nachbarskindern spielt. Vor dem Umzug lebte die Familie mehrere Jahre in einer Berliner Geflüchtetenunterkunft. Ukkas Mann Naim schüttelt sich beim Gedanken daran.
Die Toilette und Küche war sehr schmutzig. Weil viele Leute … Und dann in Küche und Dusche, waren viele Leute auch. Und Wohnung ist Wohnung. Wenn du sauber machst, dann ist sauber.“
Wenige Meter entfernt sitzt Safa aus Syrien an einem der Basteltische, bearbeitet einen Kürbis mit dem Küchenmesser. Auch sie lebte für ein Jahr mit ihren Kindern im Heim.

Kontakt mit Nachbarn, die deutsch sprechen

„Das war auch schwer für mich. Alle Leute afghanisch, arabisch, auch pakistanisch. Kein Kontakt mit anderen. Ich muss deutsche Sprache lernen, weil ich gern eine Ausbildung hätte. Ich habe als Krankenschwester gearbeitet in Damaskus.“
Zuversichtlich strahlt die 26-jährige Mutter unter dem weißen Kopftuch hervor. Dass sie sich wenige Monate nach ihrem Umzug auch ohne Deutschkurs verständlich machen kann, liege an den vielen deutschen Nachbarn hier. Genau die Hälfte der 164 Neubauwohnungen in Berlin Altglienicke wurde an Familien vermietet, die wie Safa und Ukka zuvor in Geflüchtetenunterkünften lebten. Die andere Hälfte an einheimische Deutsche.
Die Abkürzung ToM steht für tolerantes Miteinander. Peter Hermanns vom Internationalen Bund – einem der großen deutschen Dienstleister für Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit – leitet das Modellprojekt. Auch für die Auswahl der Bewohner war er zuständig.

Soziales Engagement – ein Vorteil für alle 

Also wir haben bei den Bewohnenden in den Unterkünften geguckt, sind sie außer, dass sie da wohnen, vielleicht noch in irgendeiner Weise engagiert. Und das macht sich auch hier bezahlbar. Dass sich viele Menschen, die jetzt hier wohnen, bei den Festen dabei sind, mit vorbereiten, sich in der Mieterinneninitiative engagieren. Das betrifft natürlich nur die Menschen mit Fluchthintergrund. Bei den anderen hat die Degewo das geprüft und die wollten das eben auch, dass hier MieterInnen wohnen, die bereit sind, dem Begriff tolerantes Miteinander auch nen Inhalt zu geben.“
Bewerbungen gab es Hunderte, erzählt Hermanns. Eigentlich könnten viele Geflüchtete in Berlin die Gemeinschaftsunterkünfte, in denen sie leben, längst verlassen. Aber sie finden auf dem Berliner Wohnungsmarkt schlicht keine Bleibe. (*)
Das sei selbst für Mieterinnen ohne Fluchthintergrund schon schwer genug, weiß Lydia, eine der deutschen TOM-Mieterinnen. Die alleinstehende Beamtin lebt seit ihrem Umzug Tür an Tür mit einer fünfköpfigen syrischen Familie.

Gemeinsames Wohnen - multikulturell und bunt

Also ich wohne sehr gerne hier. Es ist sehr lebhaft, es ist sehr multikulturell, es ist sehr bunt, es sind sehr viele Kinder, wodurch ich ganz schnell integriert war hier, was ich in Gegenden, wo ich vorher gewohnt habe, so nicht hatte."

Lydia, Bewohnerin im Integrationsprojekt ToM

Also keine Konflikte? Lydia schielt zu einem der Balkone schräg über ihrem Kopf, zuckt mit den Schultern.
Die überwiegend deutschen Nachbarn halten sehr gern die Hausordnung ein. Das gilt nicht für alle so. Auf der anderen Seite haben wir deutsche Nachbarn, die gern den Herrentag feiern, die die Fußball-EM laut feiern, Geburtstage laut feiern  und dann wiederum geflüchtete Familien, die ganz ruhig und unauffällig sind. Also wir haben hier, glaube ich, nicht mehr oder weniger Probleme mit zum Beispiel Lautstärke als woanders auch, und es hat überhaupt nichts mit den Geflüchteten zu tun.“
(*) Redaktioneller Hinweis: Wir haben die Schreibweise des Namens korrigiert.

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