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Lesart | Beitrag vom 04.05.2019

Toby Walsh: "2062“Künstliche Intelligenz demokratiefähig machen

Von Vera Linß

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Toby Walsh ist Professor für Künstliche Intelligenz in Australien; hier bei einer Konferenz in München im Januar 2019. (picture alliance / Andreas Gebert)
Aushöhlung der Privatsphäre, Gefahren durch autonome Waffen, Gerichtsurteile auf Basis einer Rechtssoftware – all das sind Bereiche, in denen Künstliche Intelligenz gefährlich werden kann, warnt Tony Walsh. (picture alliance / Andreas Gebert)

Noch ein halbes Jahrhundert, dann sind Maschinen so schlau wie Menschen. Das prognostiziert der australische Forscher Toby Walsh. In "2062" mahnt er, dass wir demokratische Werte wahren müssen, damit wir als "homo digitalis" überleben.

2062 könnte für die Menschheit ein besonderes Jahr werden. Dann, so glaubt die Mehrheit der KI-Forscher, verfügen Maschinen über dieselben geistigen Fähigkeiten wie Menschen. Wenn sie Recht haben, was Toby Walsh, Professor für Künstliche Intelligenz an der Universität New South Wales, nicht ausschließt, sollte man sich besser schon jetzt mit den möglichen Folgen auseinandersetzen. Denn welche Rolle KI in der Zukunft spielen wird, hängt davon ab, welche Weichenstellungen heute getroffen werden, meint er. Mit seinem neuen Buch "2062" will er dazu beitragen, dass dies so klug wie möglich geschieht.

Computer sind exakt, Menschen flexibel

Der erste Schritt: Eine nüchterne Analyse dessen, was Mensch und Maschine tatsächlich voneinander unterscheidet. Acht Eigenschaften zählt der Wissenschaftler auf, in denen die Computer überlegen sind. Etwa ihr enormes Tempo und die Exaktheit, mit der sie viele Aufgaben lösen. Oder die Fähigkeit zum Co-Learning. Dabei werden Programmcodes schlicht von einem Gerät auf viele andere kopiert. Der Vorteil: "Wissen" lässt sich rasend schnell verbreiten – beim Menschen dauert das bekanntlich deutlich länger. Walsh zeigt aber auch, wo der Mensch unschlagbar ist. Sein Verständnis von der Welt etwa oder die Flexibilität im Denken könne ihm keiner nachmachen.

Trotzdem ist der Brite überzeugt, dass dies nicht ausreicht, um den homo sapiens als Spezies zu retten. Zum Nachfolger für die Zeit um 2062 hat er bereits den "homo digitalis" erkoren, ein Wesen, das zugleich biologisch und digital ist. Allzu konkret wird er hierzu leider nicht. Bestimmte menschliche Handlungen, etwa das Denken, könnten in künstliche Welten ausgelagert werden, deutet er an. Der Rest bleibt der Fantasie überlassen.

Wohltuend ist dagegen, wie Walsh im gesamten Buch auf jeglichen Alarmismus verzichtet. Dazu gehört auch, dass er die Idee von der Unvermeidbarkeit der technischen Singularität überzeugend dekonstruiert, ein Konzept, wonach Computer zur intelligentesten Spezies auf dem Planeten aufsteigen. Allein das Gesetz sinkender Erträge spreche dafür, dass Künstliche Intelligenz an eine unüberwindliche Grenze stößt, lautet eines seiner Argumente.

Regeln für Künstliche Intelligenz

Wie aber muss nun vorgesorgt werden bis zum Jahre 2062? Toby Walsh bricht die Herausforderungen durch die KI auf verschiedene Gesellschaftsbereiche herunter. Vieles davon ist bekannt. Die Aushöhlung der Privatsphäre, die Gefahr, die von autonomen Waffen ausgeht oder die Bedrohung der Gleichheit, wenn etwa Richter auf der Basis einer Rechtssoftware wie COMPAS Urteile fällen.

Hier mahnt er an, demokratische Werte zu wahren. Szenarien, wonach fast die Hälfte aller Tätigkeiten durch die Automatisierung verschwindet, nimmt er dagegen die Luft aus den Segeln. Die Unwägbarkeiten hält er für zu zahlreich. Überraschend ist sein Vorschlag, jedes Unternehmen solle einen "Philosophiechef" anstellen, um ethische Fragen im Umgang mit den Maschinen zu klären. Darin steckt auch die wichtigste Botschaft seines lesenswerten Buches: Gut durchdacht kann KI kann das Leben besser machen.

Toby Walsh: "2062 - Das Jahr, in dem die die Künstliche Intelligenz uns ebenbürtig sein wird"
Riva-Verlag, München 2019
336 Seiten, 22 Euro

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