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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.07.2017

Tim Winton: "Inselleben – Mein Australien"Liebeserklärung an Down Under

Von Johannes Kaiser

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Tim Winton: "Inselleben – Mein Australien" (Luchterhand / dpa)
Tim Winton: "Inselleben – Mein Australien" (Luchterhand / dpa)

Korallenriffe, Wüsten, weite Strände - Tim Winton beschreibt die einzigartige Natur Australiens in seinem Band "Inselleben" so ergreifend, dass sich als Leser sofort auf Entdeckungstour begeben möchte.

Es ist eine Liebeserklärung an Land und Leute, vor allem jedoch an die einzigartige australische Natur. Die Kraft ihrer Wildnis verspürte Tim Winton zum ersten Mal, als er durch Europa reiste. Die Enge der Städte, die Landschaft, die überall menschliche Spuren aufwies, die gezähmte Natur, die Dichte der Besiedlung – all das irritierte ihn. Er fühlte sich angesichts des Ansturms menschgeschaffener Schönheit unwohl. Erst im Nachhinein begriff er, dass ihm die Weite und weitgehend unberührte Natur seiner Heimat fehlte, die Abwesenheit von Menschen. Und jetzt fragt er, ob "Architektur letztlich nur das ist, womit man sich tröstet, nachdem man die wilde Landschaft unterjocht hat". Auch wenn die Aborigines in ihr seit 50.000 Jahren ihre Spuren hinterlassen haben, so sind doch große Teile des Kontinents weitgehend unverändert geblieben. Hier gibt es mehr Natur als Kultur.

In mehreren Kapiteln erzählt der Autor von seinen Naturerlebnissen, beginnt in seiner Kindheit, als hinter der neu geschaffenen Arbeitersiedlung, in der er aufwuchs, noch weitgehend unberührte Natur zum Spielen einlud, erzählt von Erkundungen menschenleerer, ungezähmter Landstriche und Küstenabschnitte vor allem im kargen, heißen Nordwesten Australiens. Es sind Beschreibungen von großer poetischer Kraft, wie sie auch in all seinen Romanen zu finden sind, denn seine Figuren sind von der Natur geprägt. Das zu beschreiben, was er kannte, machte ihn zum Schriftsteller.

Kampf um die Schätze des Kontinents

Tim Winton beschreibt sich als schüchternen Autor, der gesellschaftliche Veranstaltungen meidet, es liebt als Einsiedler durch die Gegend zu streifen. Gerade weil er die ungezähmte Natur so liebt, ließ sich der Autor 1999 für eine Umweltschutzinitiative gewinnen, die sich der Rettung eines großen, einzigartigen Korallenriffs verschrieben hatte. Es ist nicht zuletzt ihm als Gesicht der Kampagne zu verdanken, dass dieses Riff nach langem öffentlichem Protest schließlich als Weltkulturerbe unter Schutz gestellt wurde. Doch seine herausragende Rolle unterschlägt er im Buch. Stattdessen beschreibt er, wie sich bei den weißen Australiern nach jahrhundertelangem Kampf gegen die Natur im Laufe der letzten 20 Jahre allmählich ein Bewusstsein für deren Einzigartigkeit gebildet, grünes Gedankengut Einzug in die öffentliche Debatte gehalten hat. Doch der Kampf ist laut Winton noch lange nicht ausgestanden. Immer wieder würden mächtige Konzerne versuchen, sich wertvolle Ökosysteme für Bergbauprojekte unter den Nagel zu reißen. Die Argumente sind immer dieselben: Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze, so als sei der Artenschwund eine vernachlässigbare Bagatelle und nicht ein unwiderruflicher Verlust.

Tim Winton verweist bei seinen Landschaftbeschreibungen immer wieder auf Wissenschaftler und frühere Schriftsteller, beschreibt wie in seinen Romanen Außenseiter und Querdenker, verbeugt sich vor dem Wissen der indigenen Ureinwohner, der Aborigines. Tim Winton bringt uns sein "Inselleben" so nahe, dass man gleich aufbrechen möchte, um dessen Schönheit selbst zu erkunden.

Tim Winton: "Inselleben – Mein Australien"
Aus dem Englischen von Klaus Berr
Luchterhand Verlag München 2017
223 Seiten, 16 Euro

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