Tim Ingold: "Eine kurze Geschichte der Linien"

Als die Welt gerade wurde

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Buchcover: "Eine kurze Geschichte der Linien" von Tim Ingold
Vor allem erzählt Tim Ingold von einer großen Transformation: Im Lauf der Geschichte wurden nämlich die Linien gerade, und das veränderte die Weise, in der wir die Welt bewohnen. © Konstanz University Press / Deutschlandradio
Von Andrea Roedig · 04.02.2021
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Sprache unterscheidet sich grundsätzlich von Musik, ebenso das Schreiben vom Zeichnen. Das scheint uns heute selbstverständlich zu sein. Aber warum? Der Anthropologe Tim Ingold hat dazu eine erstaunliche These: Es liegt am Geradewerden von Linien.
Leben verläuft entlang von Pfaden, wir sind "wandernde Wesen", und die natürliche Bewegung ähnelt einer Linie, die spazieren geht, meint der britische Anthropologe Tim Ingold. In seinem Buch untersucht er – gestützt auf historische und ethnologische Beispiele – verschiedenste Formen von Linien; er behandelt die Traumpfade der Aborigines in Australien, die Jagdrouten nordrussischer Rentierjäger, die Webmuster indianischer Stoffe, er beschäftigt sich aber auch mit Pilzmyzelien, Notenlinien in der Musik, mit Abstammungslinien in Stammbäumen und Bewegungslinien der Kalligrafie, mit mittelalterlichen Handschriften oder mit kartografischen Zeichnungen für Transportwege.

Der Tod der Linie

Vor allem aber erzählt Ingold von einer großen Transformation: Im Lauf der Geschichte wurden nämlich die Linien gerade, und das veränderte die Weise, in der wir die Welt bewohnen. In der Antike etwa waren Musik und Wort nicht getrennt, Musik war Gesang und Schrift immer auch Klang. Die Textkundigen in den Klöstern des Mittelalters lasen nie leise, sie folgten den Buchstaben mit Lippenbewegungen, sie "bewohnten" die Seiten, die sie lasen.

Der Buchdruck – so Ingolds These – war die entscheidende Zäsur, denn jetzt wurde aus der vom Körper bewegten Handschrift eine Linie aus einzeln gesetzten Lettern. Das Lesen veränderte sich, es wurde stumm; Musik und Sprache trennten sich voneinander. Ein ähnlicher Prozess der "Linearisierung" geschieht beim Erstellen von Landkarten.
Ob wir durch eine Landschaft wandern und Pfade suchen oder ob wir von oben auf eine Karte schauen, die uns Routen von A nach B anzeigt, macht den ganzen Unterschied. Der technische Zugriff bewohnt nicht, er besetzt die Welt – er wandert nicht, er navigiert; er zeichnet nicht, er druckt. Die Linie als Gerade zwischen zwei Punkten ist für Ingold im Grunde keine wirkliche Linie mehr, "die Linearisierung stellt … den Tod der Linie dar."

Nostalgie der geschwungenen Form

Bewegte Linie oder gepunktete Route, Flechtwerk der Linien oder Netz aus Zielpunkten, Bewegung eines Pfades oder Kette von Konnektoren: Tim Ingold arbeitet in seinem Essay mit Gegensatzpaaren, die auf den ersten Blick schematisch anmuten, und seine Vorliebe für das Ursprüngliche und die geschwungene Linie wirkt leicht nostalgisch. Aber gleichzeitig regt dieser erzählende Essay mit seiner Fülle an Geschichten und Beobachtungen zu Linien, Pfaden, Fäden, Rissen und Falten zum Hinschauen und Nachdenken an.
Im Hintergrund steht hier auch ein ökologischer Gedanke, der sich an dem Konzept des "elan vital" (Henri Bergson) als kontinuierlichem Lebensfluss orientiert. Es ist nachhaltiger, die Welt zu bewohnen, als sie zu besetzen. Aus der Hand lässt sich keine gerade Linie zeichnen. Was bedeutet es eigentlich, dass die digitale Realität sich aus Pixeln und Punkten, aus Nullen und Einsen aufbaut?

Tim Ingold: "Eine kurze Geschichte der Linien"
Aus dem Englischen von Quirin Rieder
Konstanz University Press, Göttingen 2021
236 Seiten, 24 Euro

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