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Interview | Beitrag vom 28.11.2020

Tilman Röhrig über Friedrich EngelsEin Doppelleben im Schatten von Karl Marx

Tilman Röhrig im Gespräch mit Dieter Kassel

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Statuen von Karl Marx und Friedrich Engels in Berlin. (imago / ZUMA Press / Alberto Pezzali)
Friedrich Engels übernahm sogar die Vaterschaft für das Kind, das Marx mit dem Dienstmädchen gezeugt hatte. (imago / ZUMA Press / Alberto Pezzali)

Kapitalist und Kommunist, Gelehrter und angeblicher Frauenheld: Friedrich Engels war eine hochinteressante Figur, während Karl Marx "ziemlich spießig" gewesen sei, findet der Autor Tilman Röhrig, der einen Roman über Engels geschrieben hat.

Hätte der Schrifsteller und Schauspieler Tilman Röhrig die Gelegenheit, in die Vergangenheit zu reisen, um mit Karl Marx oder Friedrich Engels zu sprechen, würde er Engels wählen und nicht den ungleich berühmteren Karl Marx.

Das mag auch daran liegen, dass Röhrig weitläufig mit Engels verwandt ist und im letzten Jahr die Romanbiografie "Und morgen eine neue Welt" über den Fabrikantensohn aus Wuppertal veröffentlicht hat, dessen 200. Geburtstag heute gefeiert wird. Vor allem aber daran, dass Engels eine hochinteressante Figur voller Widersprüche war, die stets ein Doppelleben geführt habe, wie der Schriftsteller betont. 

"Das ging schon los, als er noch Schüler war", sagt Röhrig. "Da hat er unter Pseudonym gegen den Vater und gegen die Ausbeutung in den Fabriken geschrieben." 

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Gleichzeitig sei Engels jeden Monat auf den Scheck seines Vaters angewiesen gewesen. 

"Irgendwann hat er zu Karl gesagt: Einer von uns beiden muss Geld verdienen. Der Karl kam ja nie auf die Idee, überhaupt zu arbeiten. Und dann ist er in die Fabrik seines Vaters gegangen und wurde Unternehmer." Und so habe der Revolutionär, der gegen Ausbeutung der Arbeiter kämpfte, später selbst auf der Seite derer gestanden, "die unendlich viel Geld verdienten".

"Ein ganz bürgerlicher Mensch, der Marx"

Die Schizophrenie sei dann weitergegangen, als Karl Marx mit seinem Dienstmädchen ein Kind gezeugt hatte, was dessen Ehe zu zerstören drohte. 

"Und er suchte dann nach einem Vater. Und wer übernahm die Vaterschaft? Das war dann Friedrich. Erst auf dem Sterbebett hat er diesem dann schon 50-Jährigen gesagt, ich bin nicht dein Vater, das war der Karl."

Karl Marx hingegen kommt bei Röhrig nicht gut weg: Denn der sei "ziemlich spießig" gewesen. "Er hat eine Adlige geheiratet und legte zeit seines Lebens Wert darauf, dass sie eine Baroness war." Obwohl Marx gegen die Kirche gewesen sei, habe er seine Kinder taufen lassen und in die Tanzstunde geschickt: "Ein ganz bürgerlicher Mensch, der Marx."

Engels hingegen habe die Frauen geliebt und sei gern ins Kabarett gegangen. Der Frauenheld, zu dem er gern stilisiert werde, sei Engels jedoch nicht gewesen, sagt Röhrig mit Blick auf dessen Beziehung zu Mary Burns: Der sei er bis zu ihrem Tod ein "zärtlicher und umsorgender Freund gewesen".

(uko)

Literaturhinweis

Tilman Röhrig: "Und morgen eine neue Welt. Der große Friedrich-Engels-Roman"
pendo 2019
512 Seiten, 20 Euro

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