Tiervideos auf Youtube

    Wo Lamm und Löwe schmusen

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    Hund und Katze liegen verschmust auf dem Gras.
    Die heile Welt im Reinformat: Clips über außergewöhnliche Tierfreundschaften sind online besonders beliebt. © Unsplash / Krista Mangulsone
    Beobachtungen von Kerstin Hensel · 30.07.2021
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    Wie süß, herzig und niedlich: Wölfe kuscheln mit Schafen, Füchse mit Hasen, Hunde mit Katzen. Sind das Szenen aus dem Paradies? Nein, auf Youtube. Aber das ist möglicherweise so etwas Ähnliches, findet die Schriftstellerin Kerstin Hensel.
    Die Zeiten sind hart. Viele Leute sehnen sich nach Milde und Weichheit, danach, etwas zu sehen, was sie aufbaut. Noch der hartgesottenste Rambo, die coolste Tusse oder der arrivierteste Erfolgsmensch spüren, auch wenn sie es ungern zugeben, dieses Bedürfnis.
    Nun hat das Verhalten der Erdbevölkerung derzeit in Sachen Trost und Aufheiterung wenig zu bieten. Und da das so ist, guckt der Mensch gern was mit Tieren. Ich auch.

    Bilder, die Glückshormone bescheren

    In sämtlichen Bildschirmmedien tauchen sie auf: Lustige Tiervideos, die dem gestressten und/oder einsamen Homo sapiens schon beim ersten Aufploppen des Bildes einen Schwall Glückshormone bescheren.
    Wie süß, herzig und niedlich sind die Kätzchen, Hündchen, Häschen und was sonst noch kreucht und fleucht, täppisch torkelt, im Schlamm ausrutscht oder sich in den eigenen Schwanz beißt!
    Niedlich bedeutet etwas Angenehmes, Verlangen Erweckendes. Wir können nicht genug von diesen putzigen Szenen bekommen, die uns in eine weltfremde Welt kreatürlicher Empathie versetzen. Wir lachen und freuen uns, weil wir uns in den tierischen Slapsticks wiedererkennen. Außerdem geht alles ein bisschen drolliger zu, als bei uns Menschen.

    Die Gegensätze können größer nicht sein

    Besonders beliebt unter den animalischen Filmchen sind "außergewöhnliche Tierfreundschaften", in denen gezeigt wird, wie sich grundverschiedene Tierarten, warum auch immer, zusammengetan haben.
    Es gibt die tollsten Paarungen: Giraffe und Strauß, Katze und Leguan, Waschbär und Axolotl oder Affe und Leopard – die Gegensätze können größer nicht sein, die Liebe zueinander auch nicht. Sie lecken sich gegenseitig ab, umarmen, umflügeln oder umflosseln sich, dass es uns das Herze rührt!
    Nur was den Sex zwischen den Gattungen anbelangt, da ist noch Luft nach oben. Wobei das Internet vermeldet: "Nigerianerin bringt Ziege zur Welt.", "Waliserin gebiert Kitten", und an der Nordseeküste wurde gar eine Meerjungfrau gesichtet.
    Doch das ist schon wieder was mit Menschen.

    Unter uns Zweibeinern kracht es dauernd

    Wir sehen friedlich liierte Spezies unterschiedlicher Natur als Wunder derselben, mehr noch! Zeigen sie nicht das, was unser Harmoniebedürfnis befriedigt? Nämlich echte Freundschaft, wenn nicht gar ideale Liebe? Etwas, zu dem wir offenbar nicht fähig zu sein scheinen?
    Dauernd kracht es unter uns Zweibeinern, wenn sich ein Fremder in den Weg stellt. Während an den Zitzen einer Deutschen Schäferhündin wohlig schnurrend ein Perserkätzchen säugt oder ein Hamster tiefenentspannt auf einer zusammengerollten Schlange kauert.
    Das ist das Paradies, die heile Welt im Reinformat, da sie grausame Konkurrenz, das ewige Jäger-und-Beute-Verhältnis widerlegt. Kein Zweifel: Diese Geschöpfe sind unserer mentalen, moralischen, ergo evolutionären Entwicklung äonenweit überlegen.
    Fürsorglich und unzertrennlich sind sie füreinander da, ohne körperliche, sprachliche, kulturelle oder soziale Konflikte. Na also, geht doch!

    Wohlfühlclips in sonst so harten Zeiten

    Zeitgeistbeseelt betrachtet sind sie die wirklich woken, korrekt fühlenden Wesen, weil von der Einsicht durchdrungen: Alles wird gut, wenn wir nur, wie die pflanzenfressenden Haie aus dem Film "Findet Nemo", immer schön vegetarisch denken.
    Die Schlange streicht den Hamster von ihrem Speiseplan und setzt ihn als Best Friend auf die Prioritätenliste ihrer Bedürfnisse. Da ist es egal, ob die Wissenschaft solch Verhalten schnöde zu entzaubern trachtet: Ein Reptil, das sich auf seine Winterruhe vorbereitet, ist einfach pappsatt. Verspürt es jedoch im Frühjahr wieder Hunger und verspeist unversehens sein geliebtes Nagetier, ist unsere Empörung groß! Böse Schlange!
    Wie schon gesagt: Die Zeiten sind hart.
    Doch wer Härte liebt, kann sich auch anderen Youtube-Empfehlungen anheimgeben: "Schockierenden Tierkämpfen" beispielsweise, wo sich Adler und Schlange, Hund und Katz auf trefflichste bei lebendigem Leibe zerfleischen.

    Kerstin Hensel, Jahrgang 1961, ist Professorin für Poetik an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Als Autorin hat sie zahlreiche Gedichte, Romane und Essays geschrieben. Im März 2020 erschien ihre jüngste Novelle "Regenbeins Farben".

    Porträtfoto von Kerstin Hensel
    © privat
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