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Lesart | Beitrag vom 10.08.2018

Thomas Vogel: "Mäßigung"Mit der Schafherde zum richtigen Maß

Von Edelgard Abenstein

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Cover von "Mäßigung" vor einem grünen Hügel mit Schafen. (Oekom Verlag / dpa / Klaus Nowottnick)
Thomas Vogel: Die Auseinandersetzung mit der Natur zeigt dem Menschen seine Grenzen auf (Oekom Verlag / dpa / Klaus Nowottnick)

Die Philosophie der Antike ist wieder schwer in Mode - auf dieser Welle reitet auch der Autor Thomas Vogel mit seinem Buch "Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können". Die These: Zufriedenheit und Glück sind nur durch Maßhalten zu gewinnen.

Seit Richard David Precht, der Popstar unter den Sinnsuchern, die auf alle Alltagsfragen die richtigen Antworten wissen, auch noch die Antike entdeckt hat, sind griechische Philosophen schwer in Mode. Auf dieser Welle reitet auch das Buch von Thomas Vogel. Sein Thema allerdings ist weniger leichtgängig: Mäßigung, Maßhalten – im Deutschen haben diese Begriffe einen muffigen Beigeschmack. Sie klingen nach Spaßbremse, Verzicht und Askese.

Thomas Vogel, Pädagogikprofessor in Heidelberg, schlägt ein paar Synonyme vor, Gelassenheit, Besonnenheit, packt dann aber doch den Stier bei den Hörnern. Denn ohne Mäßigung, so seine These, sind wir in unseren postindustriellen Gesellschaften verloren.

Zufriedenheit und Glück – in der Konsumspirale des Immer-mehr seien diese Werte nicht zu gewinnen. Zu Kronzeugen ruft er die antiken Stoiker auf, aber auch Sokrates und vor allem Platon mit der Lehre von den vier Kardinaltugenden, als deren eine neben Gerechtigkeit, Klugheit und Mut auch die Mäßigung angesehen wird.

Lust an der Verschwendung

Sie steht Platon zufolge zwischen einem Zuviel und Zuwenig, dem Übermaß und dem Mangel. Oder wie Aristoteles sagt: zwischen zwei Lastern, die Freigiebigkeit etwa zwischen Verschwendung und Geiz. Für die Balance, so auch Vogels von den Alten entliehene Grundmaxime, gebe es kein überzeitliches Rezept, jeder müsse sie stets neu für sich herausfinden. Maß und Mitte allein bilden das Fundament für das Glück.

Weshalb uns das Maßhalten so schwer fällt, wird von Vogel mit unserer Triebstruktur erklärt. Seit wir als Nomaden sammelnd und jagend durch die Savanne zogen, sei uns die Lust an der Verschwendung quasi eingeschrieben. Ob es gelingt, sie umzulenken, von materiellen auf immaterielle Güter wie Zeit, Raum, Ruhe, Sicherheit, davon hänge unsere Zukunft ab.

In der Gegenwartsanalyse, die eher beschreibend verfährt, liegt Vogels Schwerpunkt auf der Ökonomie, der Ausbeutung der Ressourcen. Er prangert Missstände wie Umweltverschmutzung und Bildungsmisere an, auf die man sich schnell verständigen kann, weil sie nicht neu sind.

Tomatenpflanze auf der Fensterbank

Vogel ist vor allem ein Mann der Praxis, was sich manchmal im pastoralen Ratgebertonfall des "man müsste, sollte, könnte" niederschlägt. Weil das Buch einer Vorlesung folgt, die er an der PH Heidelberg gehalten hat, gibt es eine Reihe genretypischer lästiger Wiederholungen.

Wie man zur Mäßigung findet und neue Werte wie Achtsamkeit, Aufmerksamkeit gewinnt, dafür gibt es eine Reihe von Tipps. Seltsamerweise fehlt aber das prominenteste Alltagsbeispiel, um Aufschub, Geduld und Konzentration zu üben: der Zeit- und Aufmerksamkeitsräuber Nummer eins, das Smartphone. Einfach mal nicht hinschauen!

Dem Autor persönlich öffnet seine kleine Schafherde, die er sich in der Nähe von Lüneburg zugelegt hat, den Blick für das rechte Maß. "Die direkte Auseinandersetzung mit der Natur zeigt einem Grenzen auf und ordnet Zeitabläufe", schreibt er. Da können Städtebewohner nicht mithalten. Aber vielleicht tut es auch ein Tomatenpflänzchen auf der Fensterbank.

Thomas Vogel: Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können
Oekom Verlag, München 2018,
190 Seiten, 17 Euro

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