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Fazit | Beitrag vom 20.12.2019

Thomas Melles "Ode" in BerlinDas Ende des Theaters, wie wir es kennen

Von Barbara Behrendt

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Die Schauspieler Alexander Khuon und Natali Seelig auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin in einer Szene des Stücks "Ode" von Thomas Melle. (Arno Declair)
Alexander Khuon und Natali Seelig treten als Künstlerwesen "Präzisa" für die freie Kunst ein - in Thomas Melles Stück "Ode" am Deutschen Theater Berlin. (Arno Declair)

Die Kunstfreiheit wird von rechts als auch von links agitiert. In "Ode" - uraufgeführt am Deutschen Theater Berlin - sieht Schriftsteller Thomas Melle Linksaktivisten den nationalen Kräften in die Hände spielen. Und spricht sich für eine zweckungebundene, freie Kunst aus.

Der Schauspieler und Regisseur Orlando rutscht mit Putzlappen in der Hand auf Knien über die strahlend weiße Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Das schwarze Wasser im Eimer färbt den Boden immer dunkler – ein Bühnenbeschmutzer, dieser Orlando. Er hat es gewagt, als weißer, priviligierter Mann in die Rolle einer minder priviligierten Putzfrau mit Migrationshintegrund zu schlüpfen – und sich auch noch ein Kopftuch umzubinden.

Bis eine Schauspielkollegin, hier Katrin Wichmann, ihm die neuen Regeln erklärt: " Du kannst doch nicht so tun als wärst du Reinigungspersonal! Als könntest du nachvollziehen, was es heißt, anders zu sein oder woanders herzukommen. Von jetzt an darfst du nur noch über dich selbst erzählen und nie von anderen unter dir. Das Kopftuch gehört nur ihr und ihresgleichen. Du hast da nichts zu erzählen und zu stehlen." Besser kann man kaum auf den Punkt bringen, wie sich das Theater mit selbst auferlegten Regeln der "kulturellen Aneignung" und der Identitätspolitik in die Parade fährt.

Szene aus dem Stück "Ode" von Thomas Melle am DT Berlin - Das Ensemble tanzt im Halbdunkel auf der Bühne. (Arno Declair)Buntes Bilderflimmern, Gesang, bemalte Wände... Regisseurin Lilja Rupprecht fährt zahlreiche ästhetische Mittel auf. (Arno Declair)

Thomas Melle hat mit "Ode" ein Stück geschrieben, in der die Kunstfreiheit von allen Seiten agitiert wird. Von rechts gibt es die Forderung nach Nationalkultur, Brauchtum, Verständlichkeit. Von der linken Seite die Frage nach Repräsentation: Wer darf für wen auf der Bühne sprechen? Was darf gezeigt werden – wenn nur noch politisch korrekte Wunschrealität zugelassen ist? Hier also das Biedermeier der nationalen Rechten – dort der ideologische Moralismus der neuen Linken.

Melles Analyse: Die Verbotsattitüde von links spielt den rechten Kräften in die Hände. Er möchte die Kunst herausholen aus der grassierenden Aktualitätshuberei und ihre anarchische, zweckungebundene Natur feiern.

Prinzipien statt Charaktere

Aus diesen Debatten ein Theaterstück zu machen, ist ein halsbrecherisches Unterfangen. Melle hat ein mit Geistesgeschichte angefütterten Text geschrieben, in dem keine Charaktere aufeinandertreffen, sondern Prinzipien, die schlaglichtartig gegeneinandergestellt werden. Es ist das mediale Stimmengewirr unserer aufgeregten Gesellschaft, dem Melle seine existenzielle Haltung für die Kunst entgegensetzt.

Zu Beginn präsentiert die staatlich geförderte Akademiekünstlerin Fratzer (der Name ist Brechts amoralischem "Fatzer" entlehnt und zur "Fratze" geworden) eine Skulptur mit dem Titel "Ode an die alten Täter" – eine Hommage an die Nationalsozialisten, die Fratzers gewalttätigen Großvater umgebracht und ihr selbst dadurch das Leben gerettet haben. Das Kunstwerk wird verboten, die Künstlerin bringt sich um.

Dann springt das Stück zehn Jahre in die Zukunft. Nun versucht Orlando, die Geschichte des verbotenen Kunstwerks auf der Bühne zu inszenieren – und scheitert an seinen Mitspielern, die weder die Rechten geben möchten, noch überhaupt jemand anderen als sie selbst.

Aus dem abstrakten Diskurs Theater entstehen lassen

Lilja Rupprecht verlegt das Stück in einen Kunstraum, einen weißen leeren Halbkreis. Die Spielerinnen und Spieler, darunter auch Juliana Götze und Jonas Sippel vom inklusiven Ramba-Zamba-Theater, entwickeln sich im Laufe des Abends zu immer eleganteren Nationalisten – bis sie in Schwarz-Rot-Gold die Deutschlandflagge hereintragen, als die Diktatur durchgesetzt ist.

Rupprecht fährt einiges an ästhetischen Mitteln auf: Es wird gesungen und choreografiert, ein mediales Bilderflimmern projiziert, an die Wände gepinselt, sich selbst bemalt. Das ist nicht immer schlüssig, doch die Intention wird deutlich: aus dem abstrakten Diskurs Theater entstehen zu lassen. Die Inszenierung gewinnt stets dann an Fahrt, sobald die Regisseurin die Dialogpassagen spielen lässt. Wenn Manuel Harder als privilegierter Orlando von der Bühne gejagt wird, ist das anschaulich und grotesk-komisch: "Dies ist also das Ende des Theaters, wie wir es kennen. Wir zeigen hier den Tod des Theaters!"

Eine Ode an die freie Kunst

Doch diese Szenen sind rar – oft wird an der Rampe viel Kluges ins Publikum gesprochen, appelliert, gepredigt. Vor allem der dritte Teil, wenn das Künstlerwesen "Präzisa" auf die Bühne tritt, hier in Gestalt von Natali Seelig und Alexander Khuon, und eine lyrische, emphatische Ode an die freie Kunst hält, gerät das allzu schwülstig.

Es ist paradox: Thomas Melle schwört auf die Zweckfreiheit der Kunst, auf das Rollenspiel. Doch sein Stück gerät stellenweise selbst mehr zur politischen Meta-Analyse, zum Leitartikel statt zum Theatertext. Das macht den Abend selbst, trotz seiner wichtigen, weit verästelten Analyse, zu verkopft und zu abstrakt.

"Ode" von Thomas Melle
Regie: Ilja Rupprecht
Deutsches Theater Berlin

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