Thomas Melle: „Das leichte Leben"

Lolitus statt Lolita

06:09 Minuten
Cover von Thomas Melles Roman „Das leichte Leben". Der Umschlag ist grafisch mit Rechtecken in schwarzweiß gestaltet.
© Kiepenheuer & Witsch

Thomas Melle

Das leichte LebenKiepenheuer & Witsch, Köln 2022

352 Seiten

24,00 Euro

Von Ursula März · 23.09.2022
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In Thomas Melles neuem Roman scheitert ein bildungsbürgerliches Ehepaar an sich selbst. Als Brandbeschleuniger setzt Melle Sex ein. Es entsteht das Stimmungsbild einer übererregten Gesellschaft, die gegen die Wand ihrer Glücksversessenheit läuft.
Man kann sich Jan und Kathrin, die Protagonisten des neuen Romans von Thomas Melle, als heutige Prenzlauer-Berg-Bewohner vorstellen. Ein bildungsbürgerliches, lebensstilbewusstes Ehepaar, das bei keiner wichtigen Vernissage fehlt, die Kinder frühzeitig in den Englischunterricht schickt, gesellschaftlich bestens vernetzt, politisch informiert und wirtschaftlich gut situiert ist. Man kann diesen Soziotypus häufig in Filmen beobachten, die davon handeln, wie die hochtourig organisierte Idylle an irgendeinem Desaster zerbricht.
Bruch ist nicht ganz der passende Begriff für das, was dem erfolgreichen Fernsehmoderator Jan und der ehemals gehypten Schriftstellerin Kathrin, die als Aushilfslehrerin arbeitet, widerfährt. „Das leichte Leben“, so der Romantitel, das sie sich erträumt und energisch errichtet haben, wird eher von einem Schwelbrand erfasst, der lange Zeit vor sich hin glimmt, bis das ganze Existenzgebäude in die Luft fliegt. Als Brandbeschleuniger setzt Thomas Melle Sex und sexuelles Begehren ein.

Missbrauch im katholischen Internat

Die Geschichte beginnt mit grellen, naturalistisch deutlichen Szenen einer Swinger-Party. Kathrin besucht sie ohne Jans Wissen. Sie verspricht sich vom Rausch der anonymen Gruppenorgie die Wiedererweckung ihrer ermüdeten Lebensgeister.
Zur gleichen Zeit erhält Jan - was er wiederum vor Kathrin geheim hält - von einem anonymen Erpresser Bilder auf sein Handy, die ihn als nackten Jungen zeigen. Widerstrebend erinnert er sich an seine Schulzeit in einem katholischen Internat und an den pädophilen Priester, der ihn und andere Jungen in anzüglichen Posen fotografierte. Sich in der Rolle des Missbrauchsopfers wiederzuerkennen, kann Jan - der smarte Wagenlenker des „leichten Lebens“, zu dem auch eine Affäre mit einer jüngeren TV-Kollegin gehört - nur schwer akzeptieren.
Der zweite entscheidende Handlungsfaden führt zu dem fünfzehnjährigen Keanu, einem Schüler von Kathrin, dessen faszinierender Undurchsichtigkeit und jünglingshafter Erotik sie mehr und mehr erliegt.
Der Name „Lolitus“, den sie ihm in dem Romanmanuskript gibt, an dem sie zu schreiben beginnt, ist ein deutlicher Hinweis auf die Umkehr der Geschlechterverhältnisse und des Lolita-Motivs, wie man es aus der Literaturgeschichte kennt. Statt des Mannes, der sich ermächtigt, Tabugrenzen zu überschreiten, ist es hier die Ehefrau.

Ein Text auf der Höhe der Zeit

Nicht nur das unterscheidet „Das leichte Leben“ von dem gängigen Ehe- und Gesellschaftsroman. Dessen klassisches Sujet ist die Krise und Selbstdemontage des Bürgertums. Thomas Melle entwickelt es indes nicht mit epischer Ausdauer, sondern mit den Stilmitteln des Furiosen.
Mit einem enormen Erzähltempo, rasanten Szenenwechseln, scharf geschnittenen Dialogen und forcierten Satzfolgen. Mag die Handlung bisweilen auch eine Spur überkonstruiert sein, so brilliert Melles Text vor allem durch das Stimmungsbild einer übererregten, übersexualisierten Gesellschaft, die gegen die Wand ihrer Wohlstands- und Glücksversessenheit läuft. Ein literarisches Stimmungsbild auf der Höhe der Zeit.
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