Thomas Medicus: "Vaterlos"

Eine Leerstelle, die bleibt

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Buchcover zu Thomas Medicus: "Vaterlos"
© Rowohlt

Thomas Medicus

Vaterlos - Ein TatsachenromanRowohlt, Hamburg 2026

224 Seiten

24,00 Euro

Von Franz Paul Helms |
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Eine Tat, die sich nicht begreifen lässt - und ein Mensch, der fehlt: Thomas Medicus erzählt in seinem autobiografischen Roman vom Suizid des Vaters. Und schaut dabei auf eine deutsche Nachkriegsgeneration, die im Schweigen aufgewachsen ist.
„Vaterlos“ ist nicht das erste Buch, in dem sich der Journalist und Schriftsteller Thomas Medicus mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzt. Zum ersten Mal aber rückt er den zentralen Bruch seines Lebens in den Mittelpunkt: den Suizid seines Vaters. 
Über den Protagonisten T. erzählt Medicus in diesem “Tatsachenroman” seine eigene Geschichte. Als Sohn eines Landarztes in der fränkischen Provinz wächst T. in scheinbar geordneten Verhältnissen der 1950er- und 1960er-Jahre auf: Urlaube werden auf Schmalfilm festgehalten, gelegentlich steht ein neuer Sportwagen vor dem Einfamilienhaus, und eine kleine Wohnung in München sichert den Anschluss an die große Welt. Es ist das Bild einer gelungenen bürgerlichen Existenz. 
Doch als T. 17 Jahre alt ist, nimmt sich der Vater das Leben. Seine Geliebte überlebt den gemeinsamen Suizidversuch. Während die Mutter am Verlust zerbricht, wird der Suizid in der Kleinstadt schnell zum Gegenstand von Gerüchten. 
Um der Tragödie zu entkommen, verlässt T. die Provinz und baut sich weit entfernt von zu Hause ein neues Leben auf. Doch die Fragen bleiben. Auch Jahrzehnte nach dem Tod kehrt T. wieder an seinen Heimatort zurück und erinnert sich an seine Kindheit und das Leben seiner Eltern. 

Das Buch entfaltet in seiner Zurückhaltung seine Wirkung 

„Vaterlos“ ist kein Versuch, den Suizid zu erklären. Im Gegenteil: Das Buch zeigt, wie konsequent er sich dem Verstehen entzieht. Denn jede neue Information wirft weitere Fragen auf. Und derjenige, der sie beantworten könnte, ist nicht mehr da. Je weiter Medicus den Spuren seines Vaters folgt, desto deutlicher wird, dass seine Recherche keine abschließende Antwort bringen kann. Darin liegt die große Stärke des Buchs, aber vielleicht auch seine Grenze, denn schließlich kreist der Text immer wieder um dieselbe Leerstelle. 
In seiner Form setzt Medicus auf Zurückhaltung. Er verzichtet auf Dialoge, Pathos und dramatische Zuspitzungen. Stattdessen entfaltet er durch genaue Beobachtungen seine Wirkung. Es genügt etwa die Beschreibung einer Fahrstunde, die T. absolviert, obwohl er gerade vom Tod seines Vaters erfahren hat, um das Ausmaß der Erschütterung spürbar zu machen. 
In seiner Sprache ist der Roman präzise und sinnlich: Die Beschreibung von verbranntem Staub auf Diaprojektoren oder von Bedienungsschaltern aus Bakelit-Plastik machen die junge Bundesrepublik zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder beim Lesen spürbar. 

Auf den Spuren des Schweigens 

Zugleich macht Thomas Medicus deutlich, wie stark das Aufwachsen in den 1950er- und 60er-Jahren vom Schweigen und Verdrängen geprägt ist. Die Kriegserfahrungen der Eltern, Fluchtgeschichten und Gewaltverbrechen in der kleinen Heimatstadt während der NS-Zeit bleiben unausgesprochen. „Vaterlos“ ist damit mehr als ein autobiografischer Roman. Es ist ein Buch über die Verflechtung von privatem Trauma und deutscher Nachkriegsgeschichte. 
Vor allem aber ist es eine eindringliche Erzählung über die Perspektive der Zurückgebliebenen. Über Menschen, die mit einer Leerstelle leben müssen, die sich nicht füllen lässt. 

"Haben Sie das Gefühl, sich in einer ausweglosen Situation zu befinden? Es gibt Menschen, die Ihnen helfen können. Wenden Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge unter 0800-1110111 (kostenfrei) und 0800-1110222 (kostenfrei). Diese Menschen nehmen sich Zeit für Sie."

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