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Lesart | Beitrag vom 28.07.2020

Thomas Harding: "Sommerhaus am See" Was ein Haus in 100 Jahren erlebt

Von Sylvia Schwab

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Das Buchcover vom Bilderbuch "Sommerhaus am See" zeigt ein in einer Zeichnung ein Holzaus inmitten von Bäumen und einer Wiese. Im Hintergrund ist ein See zu sehen. Im Vordergrund bewegt sich eine Familie. (Verlag Jacoby & Stuart)
Das Bilderbuch "Sommerhaus am See" ist faszinierend illustriert und lässt kindgerecht deutsche Geschichte lebendig werden. (Verlag Jacoby & Stuart)

Von dem idyllisch gelegenen Holzhaus in der Nähe von Berlin hat Thomas Harding schon einmal erzählt. Nun gibt es "Sommerhaus am See" als Bilderbuch. Es ist faszinierend illustriert und lässt kindgerecht deutsche Geschichte lebendig werden.

Die Frage, ob ein Bilderbuch hundert Jahre Geschichte erzählen kann, ist berechtigt. Doch die Antwort ist ganz einfach: Ja! Allerdings nur unter der Bedingung, dass es so einfach und kindgerecht erzählt und atmosphärisch so dicht bebildert ist wie dieses.

Bunt bemaltes Holzhaus am See

Am Groß Glienicker See steht ein bunt bemaltes Holzhaus. Erbaut wurde es - Zitat - von "einem freundlichen Arzt und seiner fröhlichen Frau". Die beiden wollten dort so oft wie möglich fern der geschäftigen Stadt mit ihren vier Kindern im Grünen sein. Doch die Familie wird ein paar Jahre später von wütenden Männern gezwungen, das Haus zu räumen und eine musikliebende, allerdings systemkonforme Familie zieht ein und wieder aus.

Mitten im Bombenkrieg versteckt sich ein verängstigtes Paar im kleinen Sommerhaus am See, danach steht es viele Jahre leer. Da zieht der "Mann mit der Fellmütze" mit seiner Familie ein. Als mitten durch den Garten eine riesige Mauer gebaut wird und das Haus noch gerade zum DDR-Gebiet gehört, beginnt er seine Nachbarn zu bespitzeln. Bis die Mauer eingerissen wird, der alte Mann stirbt und ein junger Mann - der Autor - das Haus wieder so aufbaut, wie es ursprünglich ausgesehen hat. 

Geschichte der Urgroßeltern

Der britische Journalist und Autor Thomas Harding erzählt die Geschichte vom Haus seiner Urgroßeltern so allgemeingültig, dass sie für alle Häuser mit bewegter Historie stehen kann. Eine jüdische Familie, ein NSDAP-Mitglied, Bombenflüchtlinge und ein Stasi-Spitzel leben im Haus, immer wieder wird es verlassen und zerstört, renoviert und neu belebt.

Die historischen Zusammenhänge und der jeweilige politische Hintergrund der Bewohner werden - kindgerecht - nur angedeutet, und auch die persönliche Beziehung des Autors zum Haus spielt keine Rolle. Das Haus selbst ist der lebendige Protagonist dieses warmherzig erzählten Bilderbuchs. "Das Haus war glücklich" heißt es einmal, das Haus ist mehr als ein Gebäude. Es ist Lebensort, Fluchtpunkt, ein Ort der Liebe und Geborgenheit.

Glück der Kinder im Garten

Selten lässt sich so gut nachvollziehen, was ein Bilderbuch über einen Text hinaus leisten kann: Britta Teckentrups eindrücklich gestaltete Bilder spiegeln undramatisch, aber emotional, wie es dem Haus und seinen Bewohnern über die fast hundert Jahre ergeht. Das Glück der Kinder im Garten und am See, der Gesang der Musiker-Familie auf der Terrasse, das verfallende Haus im verwilderten Garten oder die polternden Nazis, die Angst der flüchtenden Bewohner, die heranstürmenden Bomber und der Mauerbau sind sinnlich unmittelbar erfahrbar gemacht.

In ausdrucksstarken Farben und eindrucksvollen Ansichten gestaltet die Künstlerin leuchtende Sommertage, kalte Winterlandschaften, Freude, Einsamkeit, Bedrohung und ein strahlend renoviertes Haus am Schluss.

Thomas Hardings zurückhaltender Ton und Britta Teckentrups faszinierende Bilder geben dem Seelenort von Thomas Hardings Großmutter sein Leben zurück. Und erzählen wie beiläufig 100 Jahre deutscher Geschichte. Was für ein Kunstwerk!

Thomas Harding: "Sommerhaus am See. Das Bilderbuch"
Verlag Jacoby & Stuart, Berlin
48 Seiten, 15 Euro, ab 8 Jahre

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