Thomas Arnold und Thomas Fuchs: "Das unersättliche Selbst"
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Die Liebe zum eigenen Spiegelbild
06:32 Minuten

Thomas Arnold und Thomas Fuchs
Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des NarzissmusSuhrkamp, Berlin 2026250 Seiten
28,00 Euro
Narzissmus ist längst kein klinischer Randbegriff mehr, sondern eine Chiffre unserer Gegenwart. Die Philosophen Thomas Arnold und Thomas Fuchs zeigen, was sich hinter dem Hunger nach Sichtbarkeit, Bestätigung und Größe verbirgt.
Es war die längste Rede zur Lage der Nation, die in den Vereinigten Staaten von Amerika je gehalten wurde. Donald Trump nutzte sie vor allem, um sich zu loben und seine Verdienste zu preisen. Insofern gibt es schon offensichtlich kaum einen Grund, der Diagnose von Thomas Arnold und Thomas Fuchs zu widersprechen: „Donald Trump (geb. 1946) ist klarerweise Narzisst.“
Bindungslosigkeit in der Kindheit
Die psychologischen Grundlagentheoretiker berufen sich dabei allerdings nicht auf den alltäglichen Begriff des Narzissmus, sondern verwenden einen, so könnte man sagen, klinischen. Sie leiten ihre Diagnose aus Trumps gut dokumentierter Bindungslosigkeit in der Kindheit ab.
Denn nicht in jedem von uns steckt ein kleiner Donald-Trump-Narzisst. Vielmehr treten die Autoren in ihrer breit angelegten phänomenologischen Analyse und ihrer gründlichen Auslegung von Ovids Mythos um den Jüngling, der nicht sich selbst, sondern nur sein Spiegelbild liebt, einer verbreiteten Normalisierung dieser Persönlichkeitsstörung entgegen. Nur weil es viele Narzissten gibt, ist er nicht „normal“.
Fundamentaler Mangel an Selbstwert
Gleichzeitig vermeiden es Arnold und Fuchs, Narzissmus auf ein Krankheitsbild zu reduzieren und damit die gesellschaftliche Bedeutung des Narzissmus als Gegenwartsdiagnose zurückzudrängen, sondern sie entdecken eine Grundform der (modernen) Subjektivierung, „einen fundamentalen Mangel an Selbstwert, der sich leiblich als innere Leere, Unerfülltheit, fehlende Wärme und Sättigung darstellt und der das Subjekt immer bedürftig und suchend zurücklässt“. Suchend etwa nach Erfolg, Anerkennung, sexueller Bestätigung. Was Narzissten wesentlich fehlt, ist „ein bestimmtes leibliches Selbstverhältnis, das wir anhand der Metaphern der Wärme und des Getragenseins explizieren“.
Narzissmus kann so zeitdiagnostisch erweitert werden als „Grundfigur des Selbst-und Weltverhältnisses, die die gegenwärtige Kultur in besonderem Maß charakterisiert“. Der hochtourige digitalisierte Kapitalismus mit seinen Anerkennungsmechanismen befördert narzisstische Verhaltensweisen. Digitale Displays mit entkörperlichten idealisierten Selbstdarstellungen, Likes und Followern sind dann die Spiegel von einst.
Im Mythos muss Narziss sterben
Im Mythos muss Narziss an seiner Sehnsucht sterben, weil sein äußeres Leben den inneren Seinsmangel nicht füllen kann. Die Moderne könnte da einen Schritt weiter sein, weil es Therapiemöglichkeiten gibt. Eine aufgeklärte Gesellschaft wäre in der Lage, sich von Allmachtsfantasien zu verabschieden und echte Formen der Empathie einzuüben. Ein Schritt dazu ist, mit diesem Buch vor allem zu erkennen, dass Narzissmus nicht normal ist, auch wenn er offenbar zur Signatur der Gegenwart gehört. Derlei allerdings vom amerikanischen Präsidenten zu erwarten wäre schon deshalb realitätsfern, weil „Narzissten sich selten in Therapie begeben“.


















