Thilo Krause: "Jetzt, wo du ein Held bist"

Was bleibt, wenn alles anders wird

05:42 Minuten
Thilo Krause "Jetzt wo du ein Held bist"
© Hanser Verlag

Thilo Krause

Jetzt, wo du ein Held bistHanser Verlag, München 2026

270 Seiten

24,00 Euro

Von Helmut Böttiger |
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Thilo Krauses neuer Roman beginnt leise, wird aber immer eindringlicher. Er erzählt von der Freundschaft zweier 13-Jähriger und davon, was die Leerstellen des eigenen Lebens mit Literatur zu tun haben.
Thilo Krause ist 1977 in Dresden geboren, lebt aber seit langer Zeit in Zürich und beschäftigte sich dort wissenschaftlich mit internationalen Elektrizitätsmärkten. Daraus ergibt sich eine bestimmte Spannung. Denn sein Beruf als Wirtschaftsingenieur ist auf den ersten Blick literaturfern, aber in Gedichtbänden und Romanen beschäftigt er sich mit seiner Sozialisation in der DDR, mit der Prägung durch spezifische Landschaften und Mentalitäten, und er tut das abseits der landläufigen Diskurse.

Ende der DDR, Beginn der Pubertät

In seinem zweiten Roman „Jetzt, wo du ein Held bist“ wird diese Spannung noch verstärkt. Es geht um Stimmungen, um eine besondere Atmosphäre, die mit den Erfahrungen in einer Diktatur zusammenhängen, aber vollkommen ohne politische Begrifflichkeiten evoziert werden. Der Ich-Erzähler Toni steht 1989, in der Zeit des Endes der DDR, am Beginn der Pubertät. Etwas hört auf, und etwas beginnt. Deutlich wird das im Alltag von Tonis Familie. 
Dabei gelingt es der Erzählstimme, vollkommen im Wahrnehmungsbereich eines Heranwachsenden zu bleiben, ohne in irgendeiner Form naiv oder begrenzt zu wirken. Die Reduktion auf genaue Beobachtungen und unerklärliche Gefühle auf kleinstem Raum führt zu etwas Poetischem und Entgrenzendem, zu etwas ganz Eigenem.  
Die Eltern haben offenkundig nichts mehr miteinander zu tun, halten den äußeren Anschein aber eine Zeit lang noch mühsam aufrecht. Eine große Rolle spielen die Großmütter: auf der einen Seite eine, die über einer Großfamilie zu thronen scheint und den gesellschaftlichen wie familiären Zerfall ignoriert, auf der anderen Seite eine warmherzige, die keine Verhaltensmaßregeln erteilt und für Toni den einzigen Halt bietet.

Zwei Außenseiter und ihr Versteck

Das Zentrum des Romans ist aber die Entstehung der Freundschaft mit dem etwas älteren Maik, und hier werden sehr differenziert alle Sehnsüchte, Widersprüche und Probleme einer engen persönlichen Nähe aufgezeigt. Maik spürt, dass Tonis „Schwester“, die durch den Roman schwebt und eine Komponente des Fantastischen einführt, ein Bild für Tonis Einsamkeit ist.
Die Gemeinsamkeiten zwischen Toni und Maik liegen auch darin, dass jeder für sich ein eigenes „Versteck“ am Ortsrand an der Elbe hat und dadurch etwas Unverwechselbares entwickelt – Außenseiter, die sich aufeinander zubewegen.
Sehr schön und eigenartig ist auch die subversive Aneignung der Sportideologie in der DDR. Auf einem Schulsportfest wächst Toni über sich hinaus, und am wichtigsten dabei ist der abschließende 1500-Meter-Lauf. Dort gelingt es ihm, mit der besten Läuferin, der hübschen Romy, mitzuhalten, und wie sie sich während des Laufs gemeinsam von den anderen absetzen und sich dabei ihre Hände und Arme berühren, ist mit den gerade erwachenden erotischen Untertönen sehr feinfühlig beschrieben.
Ein Buch voller Andeutungen, Versprechungen und Hoffnungen, und das Beste daran ist, welche Fragen es stellt und wie es diese Fragen offenhält.
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