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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.10.2017

Thementag EnthinderungDer Rollstuhl als Filter zur Welt

Laura Gehlhaar im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Bloggerin und Aktivistin Laura Gehlhaar  (Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de)
Laura Gehlhaar - Bloggerin, Aktivistin und Rollstuhlfahrerin (Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de)

Die Bloggerin und Rollstuhlfahrerin Laura Gehlhaar mag Klartext: Eine Behinderung ist eine Behinderung und kein "Handicap". Für die Inklusion von Behinderten wird ihrer Ansicht nach viel zu wenig getan. Besonders mit der Politik geht sie hart ins Gericht.

Die Bloggerin Laura Gehlhaar erlebt Behinderung und Rollstuhl als eine Art Filter zur Welt. Im Deutschlandfunk Kultur sagte sie, je nachdem, wie die Menschen auf ihre Behinderung reagierten, könne man gut sehen und erkennen, wer offen sei und wer nicht.

Gehlhaar spricht sich für Klartext im Umgang mit ihrer Behinderung aus. "Ich bin generell wenig für diese ganzen Euphemismen wie 'Handicap' oder 'besonders begabt'", sagte sie: "Ich finde, das Wort Behinderung nennt das Kind gut beim Namen." Es beschreibe ein Merkmal, das sie mit sich herumtrage.

"Grund-Wut" im Alltag

In ihrem Alltag trägt die Bloggerin eine "Grund-Wut" mit sich herum. Sie werde täglich mit sehr viel Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert, berichtete sie. Das beginne schon beim Bäcker oder der Post, wo plötzlich eine Stufe im Weg sei: "Da werde ich ausgegrenzt."

Mit der Inklusion ist es laut Gehlhaar in Deutschland nicht zum Besten bestellt:

"Auch da kommt wieder diese Grund-Wut in mir hoch. Ich sehe, dass Menschen darüber reden, aber es wird sehr wenig getan, vor allem in der Politik. Man muss sogar aufpassen, dass sich die Dinge nicht zurück entwickeln. Das tut mir sehr, sehr weh, weil man viel unternimmt und kämpft und laut ist und das sehr viel Kraft kostet. Und dann sitzen aber andere Menschen am längeren Hebel und bestimmen über dein Leben, so wie du es zu führen hast, mit deiner Behinderung. Das ist sehr anstrengend."

Hilfe wird selten abgelehnt - manchmal aber doch

Ein Blick in andere Länder zeige, "dass es geht" - und sehr viel mehr möglich sei, betonte sie.

Hilfsbereitschaft erlebt Gehlhaar im Alltag vor allem dann, wenn sie aktiv danach fragt. Dann werde Hilfe sehr selten abgelehnt, berichtete sie. Manchmal aber doch: So wollte ein junger Mann ihr einmal nicht eine Stufe hochhelfen. Begründung: "Nee, das tut mir leid, ich bin Pianist."

"Er wollte seine Hände nicht gefährden. Okay, dann sei weiterhin Pianist, ich frage jemand anderen. Danke für nichts."

(ahe)

Laura Gehlhaar wurde 1983 in Düsseldorf geboren und hat Sozialpädagogik und Psychologie studiert. Sie arbeitet als Autorin und Coach. In ihrem Blog schreibt sie über das Großstadtleben und das Rollstuhlfahren. Mit Auftritten in Medien setzt sie sich beharrlich für mehr Inklusion ein.

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Laura Gehlhaar - "Ich bin nicht nur behindert, ich werde auch behindert"
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 18.05.2017)

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