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Interview | Beitrag vom 03.05.2019

Theatertreffen in BerlinVerzweifelt gesucht: das klassische Theater

Simon Strauß im Gespräch mit Dieter Kassel

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"Erniedrigte und Beleidigte" am Staatsschauspiel Dresden, inszeniert von inszeniert Sebastian Hartmann. (Sebastian Hoppe)
Eingeladen zum Theatertreffen und eindeutig kein klassisches Theaterstück: "Erniedrigte und Beleidigte" (Staatsschauspiel Dresden) nach einem Roman von Fjodor M. Dostojewski und "unter Verwendung der Hamburger Poetikvorlesung von Wolfram Lotz". (Sebastian Hoppe)

Der Theaterkritiker Simon Strauß kritisiert die Auswahl für das heute in Berlin beginnende Theatertreffen scharf. Er vermisst das klassische Theaterstück als Form. Dass es derzeit zu kurz komme, liege an einer "übersteigerten Egomanie" der Regisseure.

Zum heute beginnenden Theatertreffen in Berlin sind erneut zehn Inszenierungen eingeladen worden, die nach Meinung der Jury die bemerkenswertesten der vergangenen Saison sind. Mit der Zusammenstellung ist der Theaterredakteur der FAZ, Simon Strauß, allerdings gar nicht einverstanden.

Er vermisst etwas Grundsätzliches: das Theater. Im Trend an deutschen Spielstätten liegen hingegen: die Adaption von Filmen, der für die Bühne aufbereitete Roman oder die Performancekunst.

Laut Strauß werden inzwischen viel zu wenig klassische Theatertexte aufgeführt. Die Botschaft der Auswahl für das Theatertreffen sei: "Das Theaterstück als literarische Form gehört abgeschafft. Wir brauchen es nicht mehr. Das Theater kann ohne Stücke leben."

Auch mit Theatertexten ist Neues möglich

Er habe nichts gegen Vielfalt, und ein lebendiges Theater müsse sich ausprobieren, betonte Strauß im Deutschlandfunk Kultur. Das könne man aber auch mit dem Theaterstück als Form machen.

Dass klassische Theatertexte kaum noch im Fokus stehen, erklärte er mit der "absolut übersteigerten Egomanie" der Regisseure. Diese verließen sich nur noch auf sich selbst und auf sonst niemanden. Sie hätten die Dramaturgie "vollständig entwertet", die traditionell ein Mittler zwischen Stoff und Inszenierendem gewesen sei, und sich überdies "vollständig vom Schauspiel verabschiedet".

Geheimes Potenzial an Wissen und Seelenkunde

"Mit Moderne oder gar Postmoderne oder Digitalmoderne hat das alles überhaupt nichts zu tun. Es ist einfach eine gewisse gedankliche Faulheit, die sich da ausdrückt", kritisierte Strauß, um eine Lanze für den klassischen Theatertext zu brechen:

"Das Theaterstück ist mehr als einfach nur Form. Es transportiert auch wirklich etwas. Es ist wie das Gedicht eine eigene literarische Gattung, die über die Zeiten hinweg ein geheimes Potenzial an Wissen und Seelenkunde in sich hat. Das einfach so aufzugeben, ist völlig fahrlässig."

Rettung naht allerdings schon. Die Tendenz werde sich nicht mehr lange halten, prognostiziert Strauß: "Man wird wieder erkennen, dass sich in den Theaterstücken unglaubliche Schätze verbergen."

(ahe)

Programmhinweis: Ab 23:05 Uhr berichten wir heute live in "Fazit" vom Berliner Theatertreffen aus dem Haus der Berliner Festspiele!

Moderation: Susanne Burkhardt und André Mumot

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