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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.12.2019

Theaterszene in UngarnSo stark wie nie – trotz Restriktionen

András Forgách im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Das Gebäude der Ungarischen Staatsoper in Budapest am Abend stimmungsvoll angestrahlt. (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
Die Ungarische Staatsoper ist eine der 17 Kultureinrichtungen, auf die Viktor Orbán mit seinem neuesten Kulturgesetz Einfluss nehmen will. (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)

Viktor Orbán will Ungarns bedeutendste Kultureinrichtungen mittels eines neu geschaffenen Nationalen Kulturrats unter Kontrolle bringen. Trotz immer neuer Restriktionen sei die Theaterszene so stark wie nie, sagt der Autor András Forgách.

Es war eine ausdrucksvolle Geste, als sich Abgeordnete des ungarischen Parlaments erhoben und schwarze Theatermasken vors Gesicht hielten. Nur genutzt hat ihr Protest nichts. Die Regierungspartei winkte im Eilverfahren Gesetze durch. Eines davon sieht die Schaffung eines nationalen Kulturrates vor, der auch für die Entwicklung und Finanzierung von 17 großen Kultureinrichtungen Ungarns zuständig sein soll, darunter die Staatsoper und das Nationaltheater.

Die Theater in der Provinz stehen bereits länger unter der Kontrolle der Regierung. Die unabhängige Theaterszene bekommt so gut wie keine finanzielle Unterstützung mehr. Wer den Kulturrat leitet, bestimmt selbstverständlich Viktor Orbán.

Eine widersprüchliche Entwicklung

András Forgách ist Schriftsteller und lebt in Budapest. Er könne die aktuelle politische Entwicklung nicht genug verurteilen, aber für Künstler sehe die Lage anders aus. "Die Sprache dieses neuen Gesetzes ist wirklich eine Sprache der Diktatur. Im Leben spürt man das nicht so direkt."

Insgesamt berichtet Forgách von einem sehr widersprüchlichen Land, einem, in dem die Gesetze immer restriktiver würden, und einem, in dem die Kulturszene dabei so stark sei wie nie zuvor: "Nach acht Jahren Fidesz-Regierung blüht die Theaterszene auf, es gibt fantastische Kreationen."

Im gleichen Zeitraum sei aber ein ideologisches Umfeld geschaffen worden, das gekennzeichnet sei durch hysterische Verbalattacken auf unabhängige kleine Gruppen. "Aber das Leben ist viel komplizierter und komplexer, als man meint."

Die verbale Kontrolle ist stärker als die politische

Forgách erklärt, dass man sich auch die allgemein in Ungarn vorherrschende Atmosphäre genauer ansehen müsse, wenn man sich der Frage der Kontrolle der Kulturszene zuwendet. Die verbale Kontrolle sei vielfach stärker als die politische: Heute reichten schon Wörter aus, um Theater gewissermaßen ideologisch erpressen zu können und ihnen die Zukunft zu verbauen:

"Die Wörter sind stärker als die Aktionen und wir sehen heute noch nicht, wie das aussehen wird in zwei, drei Jahren." Im Hintergrund sei man bereits zu Kompromissen bereit. 

Inoffizielle Erpressung ist schlimmer als offene Zensur

Diese Erpressung gehe aber nicht so offen vonstatten wie zu sozialistischen Zeiten, als man das geplante Theaterprogramm und die Stücke vorab zeigen musste und man im Nachhinein darüber diskutieren konnte. "Sie läuft viel inoffizieller ab. Das ist viel schlimmer eigentlich als offene Zensur."

Die oben erwähnten Politiker, die mit schwarzen Masken gegen das Gesetz protestiert haben, seien in ihren Rechten weitaus stärker eingeschränkt worden als die Kulturszene, gibt Forgách zu bedenken. 

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