Seit 17:05 Uhr Studio 9
Mittwoch, 12.05.2021
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Im Gespräch | Beitrag vom 22.04.2021

Theater- und Filmregisseur Klaus WeiseDer schreibende Metzgersohn

Moderation: Ulrike Timm

Der ehemalige Generalintendant des Bonner Theaters, Klaus Weise. (picture alliance / Horst Galuschka)
„Theatermachen ist toll, Theaterschauen nicht immer gut“, sagt Ex-Intendant Klaus Weise. (picture alliance / Horst Galuschka)

Statt in der elterlichen Metzgerei Schweine zu schlachten, hat sich Klaus Weise früh Film und Theater verschrieben. Jetzt legt der Regisseur und ehemalige Intendant des Bonner Theaters einen Roman über seine Kindheit in beiden Deutschlands vor.

"Ein Königreich" entdeckte Klaus Weise als Kind in der Metzgerei seines Vaters. Eine sehr sinnliche Welt an der Grenze von Tod und Leben, eine faszinierende "Konfrontation mit dem Leben und mit der Haut".

So beschreibt Klaus Weise in seinem autobiografischen Roman "Sommerleithe" seine Kindheit im thüringischen Gera, wo seine Eltern in den 50er-Jahren eine eigene Metzgerei betrieben. Eine glückliche Kindheit, aber überlagert von der Angst davor, irgendwann einmal selbst schlachten zu müssen.

Mit 14 Jahren war Klaus Weise soweit, sein erstes Schwein zu töten, "und dann sticht man zu". Auf die Angst folgte ein Machtgefühl: "Ich verfüge über Tod und Leben". Ein gefährliches Gefühl, wie er rückblickend einräumt.

Weltuntergang in Oberhausen

Das war dann schon im Ruhrgebiet, wohin die Eltern aus der DDR 1958 geflohen waren. Und wo das Kind Klaus sich zunächst "heimatlos" fühlte. Als er erstmals den feurigen Widerschein eines Hochofen-Abstichs am Abendhimmel über Oberhausen sah, geriet er in Panik, glaubte, die Welt gehe unter.

Als Jugendlicher dann die Rebellion gegen bürgerliche Enge, Wehrdienstverweigerung, Studium an der Filmhochschule München. Nach einigen Filmen, bei denen Klaus Weise Regie führte, wechselte er ans Theater, weil dort, wie er sagt, die Texte direkter wirken, "ohne dass die Kamera dazwischen guckt".

Als Theaterintendant kehrte Weise nach Oberhausen zurück, wo er – lange vor der Ruhrtriennale – an ungewöhnlichen Spielorten inszenierte: im Gasometer etwa oder einem Klärwerk. Damals wurde die Region vom Wegbrechen der Montanindustrie gebeutelt, und sein Theater sollte ein Stück Identität für die Menschen stiften, sagt Klaus Weise, zeigen: "Es gibt uns Ruhrgebietler noch".

Theater soll Texte Körper werden lassen

Es folgte die Intendanz am Theater Bonn, die 2013 nicht ganz einvernehmlich endete. Heute betrachtet Klaus Weise das aktuelle Theater durchaus kritisch. Der Trend zum Performativen, zu "Textteppichen" widerspreche dem, was Theater im Innersten ausmache, findet Weise: Texte "Mensch werden zu lassen, Körper werden zu lassen".

Wenn das Theater nicht mehr bereit sei, Geschichten zu erzählen, dann verliere es das Publikum an die Streamingdienste, "denn die erzählen saugute Geschichten".

(pag)

Klaus Weise: "Sommerleithe"
Elsinor Verlag, Coesfeld 2021
280 Seiten, 24 Euro

Mehr zum Thema

"Kleinen Hoffnungsschimmer gibt es"
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 04.07.2011)

"Man würde eine intakte Theaterlandschaft zerschlagen"
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 22.11.2010)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Im Gespräch

Ostrock-Experte Edward LarkeyAls Amerikaner in die DDR
Porträtfoto von Edward Larkey vor einem Bücherregal (Uta Larkey)

Die Faszination für Brecht und Biermann bringt ihn in den 70ern als Doktorand in die DDR. Dort lernt Edward Larkey seine Frau kennen, er bleibt mehrere Jahre. Heute ist der Kulturwissenschaftler eine Koryphäe auf seinem Gebiet, dem Ostrock.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur