Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 22.08.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.09.2014

TheaterSympathie für Charles Manson?

Das Hamburger Thalia-Theater zeigt ein Musical über den berüchtigten Serienkiller

Von Alexander Kohlmann

Podcast abonnieren
Die Schauspieler Alicia Aumüller (l-r), Jörg Pohl und Maja Schöne während der Probe des Stückes «Charles Manson: Summer of Hate - Das Musical» im Thalia Theater in Hamburg.  (picture alliance / dpa / Foto: Christian Charisius)
Die Schauspieler Alicia Aumüller (l-r), Jörg Pohl und Maja Schöne während der Probe des Musicals "Charles Manson: Summer of Hate" in Hamburg. (picture alliance / dpa / Foto: Christian Charisius)

Das Hamburger Thalia-Theater macht Charles Manson zur Hauptfigur eines Musicals "Charles Manson: Summer of Hate". Und verliert dabei jede Distanz zu dem verurteilten Mörder. Der Einsatz der Hamburger Band "Trümmer" gerät zur bloßen Staffage.

Hübsche junge Frauen in Hippie-Kostümen wiegen ihre Körper verträumt an der Rampe, im Hintergrund spielen Männer mit langen, zotteligen Haaren und ungepflegten Bärten eine Musik, die den bekannten Songs der Hippie-Ära zwar wenig neues hinzuzufügen weiß, aber gut klingt. Und eine Stimmung im Thalia-Theater verbreitet, bei der man meint, Marihuana-Geruch in der Nase zu verspüren. So muss er sich angefühlt haben, der "summer of love", jene verklärte Ära der späten sechziger Jahre, in der eine ganze Generation gegen die überkommen Rituale einer restriktiven Gesellschaft anfeierte.

Komplett misslungen 

Leider ist das "Charles Manson" - Musical, das da am Freitag am Hamburger Thalia-Theater seine Uraufführung feierte kein Lieder-Abend zum "Summer of Love", sondern als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Ikone Charles Manson angekündigt. Eine Auseinandersetzung, die komplett misslingt, weil dem Team um Regisseur Stefan Pucher am Ende nicht viel mehr eingefallen ist, als die wirre Ideologie des erfolglosen Musikers Mansons nachzubeten - um nicht zu sagen, dem Mörder noch im Gefängnis komplett auf dem Leim zu gehen.

Interviews mit Manson werden von den Schauspielern hinter den Stäben eines riesigen Gefängniszauns nachgespielt und per Video auf eine Leinwand übertragen. Das gesamte männliche Bühnenpersonal spielt den Guru mit langen Haaren und Bärten, das gilt auch für die Hamburger Jung-Band "Trümmer", deren Einsatz zur reinen Staffage gerät. Die diktatorischen Züge von Mansons, mit brutaler Gewalt geführten Family-Sekte werden komplett ausgeblendet, dafür ein Flowerpower-Ideal gekonnt in Szene gesetzt, das so mit Sicherheit nie Wirklichkeit gewesen ist.

Schrecklich schief gelaufen

Und die Morde? Die werden praktisch im Handstreich an der Rampe erzählt, bevor einer der vielen kleinen Mansons sofort in die Verteidigung übergehen darf, "in euren Welt werden täglich tausende getötet, nur niemand sieht es". Der Abend sollte ursprünglich über drei Stunden lang sein, hört man im Umfeld des Thalia-Theaters, alle Kompositionen der "Trümmer"-Band seien kurzfristig gestrichen worden, bis nur noch die Musik von Manson übrig geblieben sei. Irgendetwas muss in den Endproben dieses Abends schrecklich schief gelaufen sein, diese Rumpffassung jedenfalls lässt jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Phänomen Manson vermissen - und kann, schlimmer noch, als eine offene Sympathiebekundung für einen Mörder missverstanden werden.

Weiterführende Information

Die Lange Nacht von Jim Morrison und den Doors (Deutschlandradio Kultur, Lange Nacht, 11.05.2013)


Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKommt die atomare Renaissance?
Der Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich stürzt kontrolliert ein, nachdem Bagger nacheinander die Stützen entfernt haben. Das Bild ist eine Luftaufnahme von einer Drohne. (dpa / Thomas Frey)

Angesichts des Klimawandels plädiert die "Welt" für ein Comeback der Kernkraft. Die sei die einzige Alternative zu fossilen Brennstoffen und dürfe keinesfalls den Rechten überlassen werden. Das ganze unter der beruhigenden Überschrift "Keine Angst".Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur