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Rang I | Beitrag vom 30.03.2019

Theater als ZukunftsforschungAnnäherung an den Untergang

Von Barbara Behrendt

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Die zerfallene Fabrikhalle von Fisher car plant in Detroit. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Zerstöre Autofabrik in Detroit: Symptom einer Welt in der Krise? (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Mit Workshops und Symposien haben Andres Veiel und Jutta Doberstein ihr Stück "Let Them Eat Money. Welche Zukunft?!" vorbereitet. Herausgekommen ist eine komplexe Dystopie zwischen Schauprozessen und Grundeinkommen.

Es ist das Jahr 2028: Europa steht vor dem Untergang. Menschen hungern, Krankenhäuser sind geschlossen, Notstandsverordnungen treten in Kraft. Für ihren selbstgerechten "Untersuchungsausschuss" haben die Aktivisten der Widerstandsbewegung "Let them Eat Money" diejenigen gekidnappt, die sie für die Krise verantwortlich machen: einen EZB-Präsidenten, eine EU-Kommissarin, einen Hightech-Investor. Jetzt werden sie zur Rede gestellt.

Kein Spaß mehr

Yldune: "Sie haben als EU-Kommissarin am 21. Dezember 2022 die Freigabe erteilt, auf künstlichen Inseln der Ocean Cities Sonderwirtschaftszonen einzurichten. Sie sind verantwortlich für eine Welle der Deregulierung in Europa, die alle Grundrechte außer Kraft gesetzt hat."

Roloeg: "Wenn hier jemand Grundrechte außer Kraft setzt, dann sind Sie es."

Yldune: "Isn‘t it fun? Frau Roloeg, Ihre Entscheidung führte zur Verelendung von Millionen und für die ist das leider kein Fun. Stimmt’s?"

Roloeg: "Das gibt Ihnen kein Recht, einen Schauprozess abzuhalten."

Die User sollen entscheiden

Die elf Millionen Follower an ihren Rechnern sollen entscheiden, ob die Schuldigen freigesprochen werden – oder erschossen.

Onz: "Wir brauchen euch! Als Zeugen."

Yldune: "Als Geschworene."

Onz: "Als Richter."

Yldune: "Wer bei allen Sitzungen dabei ist, …"

Onz: "… kann das Urteil mitbestimmen."

Yldune: "www.let_them_eat_money_create_an_account.com"

In Form eines Tribunals stellt der Film- und Theatermacher Andres Veiel ein Schreckensszenario auf die Bühne. Italien ist nach einer Finanzkrise aus der EU ausgetreten, eine Bankenkrise folgte. Um die restliche EU zu beruhigen, führte man das bedingungslose Grundeinkommen ein. Allerdings eines, das auf einem neoliberalen Modell aufbaut: Die Bürger müssen von ihren 600 Euro sämtliche Sozialleistungen zahlen. Der Staat zieht sich komplett zurück und verliert die Kontrolle über die Märkte.

Parallelwelt nach Marktgesetzen

Das Gegenmodell des Hightechpioniers Stefan Tarp ist ausgefuchst: Er legt künstliche Inseln in der Nordsee an und verwaltet sie wie eine Firma: Wer Aktien erwirbt, darf dort leben. Finanziert werden die Inseln zudem über eine Art Flüchtlingsdeal.

Konnst: Eine Million Iraner nach der Dürre auf der Flucht. Tarp hat eine Übernahme von bis zu 350.000 Flüchtlingen auf den Ocean Cities bis 2026 garantiert. Angesichts der Flüchtlingsströme war die Zustimmung alternativlos.

So baut Tarp eine Parallelwelt auf, die nur den Gesetzen des Marktes gehorcht. Eine Hungersnot in der übrig gebliebenen "Nord-EU" veranlasst immer mehr Bürger, auf diese Inseln zu fliehen – nun sind sie diejenigen, die mit Booten kommen und gewaltsam abgewiesen werden.

Auf der Bühne blicken wir auf eine Science-Fiction-High-Tech-Welt. Die Wände bestehen aus Monitoren, auf denen mal die Gesichter der Angeklagten eingeblendet werden, mal die Userkommentare, die den Anklageprozess verfolgen. Davor ein Gerüst aus Metall und Neonröhren. Ein weißer Boden aus Salz, darüber hängen die Angeklagten an Gurten gefesselt in der Luft und schwingen artistisch hin und her.

Langwieriger Prozess

Veiel hat mit seiner Koautorin Jutta Doberstein eine komplexe Dystopie erdacht, die sich oft nah an den Problemen der Wirklichkeit ist. Die Akteure werden dabei nicht verteufelt, sondern analysiert: Schlechte Menschen gibt es hier nicht – nur scheiternde Ideen. Entwickelt hat Veiel das Stück in einem langwierigen Prozess aus Workshops und Symposien.

"Wir haben sehr unterschiedliche Wissenschaftler eingeladen, die in einer langen Recherchephase zusammen mit Teilnehmern Fragen nachgegangen sind: Wie wird sich das Klima entwickeln in den nächsten zehn Jahren, welche ökonomischen Krisen werden wir haben, gibt es eine Euro-Krise, gibt es eine neue Finanzkrise. Aber wir haben uns auch mit der Zukunft der Arbeit beschäftigt, also aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, wissenschaftlichen Disziplinen haben wir die Geschichte der nächsten zehn Jahre gemeinsam geschrieben."

Trend gesetzt

Die Teilnehmenden haben dabei durchaus kreativ nachgedacht – etwa über die Vermarktung eines gerechten Grundeinkommens, wie eine Teilnehmerin berichtet:

"Ich hab einfach mal bei Jogi Löw angerufen und ihn aufgefordert, den Verein zu unterstützen, der in Berlin versuchsweise bedingungslose Grundeinkommen verlost. Er hat sich freundlicherweise breitschlagen lassen. Knapp ein Jahr später gibt er am Rande einer Pressekonferenz bekannt, er sei der glückliche Gewinner eines Grundeinkommens für ein Jahr. Und er werde nun auch einen Blog eröffnen: Football for Grundeinkommen. Das Ganze schlägt ein wie eine Bombe. Die Fußballsociety stellt sich ab sofort die Frage: Was ist ein Grundeinkommen? Der Trend ist gesetzt."

Nächstes Jahr soll eine große Abschlusskonferenz beleuchten, wie man das gewonnene Wissen einsetzen könnte. Theater wird hier zum Puzzleteil der Zukunftsforschung.

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