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Lesart | Beitrag vom 05.02.2021

Thea Dorn über ihren Roman "Trost"Der Schmerz in den Zeiten von Corona

Moderation: Joachim Scholl

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Porträt von Thea Dorn, 2020. (imago images/teutopress)
Thea Dorn thematisiert in ihrem Roman auch die Trauer in Coronazeiten. (imago images/teutopress)

Johannas Mutter stirbt einsam im Krankenhaus an Covid-19. Die Tochter ist traurig und zornig, weil sie nicht bei der Sterbenden sein durfte. Dieses "Unrecht von archaischer Wucht" thematisiert Thea Dorn in ihrem neuen Roman "Trost. Briefe an Max".

Als Schriftstellerin, Philosophin und TV-Moderatorin ist Thea Dorn mittlerweile eine bekannte intellektuelle Größe. Nun hat sie einen Roman zur Pandemie geschrieben: "Trost. Briefe an Max". Und während es in ihrem letzten Roman "Die Unglückseligen" um die Suche nach Unsterblichkeit geht, steht in Dorns jüngstem Werk genau das Gegenteil im Zentrum: die Sterblichkeit in den Zeiten von Corona.

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Wieder heißt die Heldin Johanna. Sie schreibt regelmäßig Briefe an den Philosophen Max. Damit versucht sie ihre Trauer und ihren Zorn zu verarbeiten. Denn sie hat  - wir sind im Frühjahr 2020 – gerade ihre Mutter an Covid-19 verloren, ohne sich im Krankenhaus von ihr verabschieden zu können.

Vertrautes Szenario aus dem Frühjahr 2020

Die Leserinnen und Leser finden sich also direkt in ein Szenario versetzt, das viele von ihnen schmerzhaft am eigenen Leib erfahren mussten: Coronabeschränkungen, Dramen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen und der bittere Verlust von geliebten Menschen, die man nicht mehr sehen und umarmen durfte.

Dies sei für sie ein Anlass gewesen zu sagen: "Das ist ein Unrecht von einer solch archaischen Wucht, das ist eine solche Tragödie. Denn das, was die Vernunft gebietet – Krankenhäuser zu schützen -, beschwört gleichzeitig eine solche Unmenschlichkeit, dass nur noch die Literatur weiterhilft."

Johannas Wut auf die Pandemie und die Begleitumstände trifft auf den Stoiker Max, der ihre langen Briefe stets nur mit Ein-Satz-Postkarten beantwortet, die Johanna zuweilen noch wütender machen.

"Ich mochte Johanna beim Schreiben sehr"

Auf die Frage, wie viel von ihr selbst in Johanna stecke, sagt die Autorin: "Dieser Roman war für mich das große Glück, eine Figur zu erfinden, die extreme Gefühlslagen hat, die ich auch beschreiben und denen ich mich überlassen darf. Johanna ist durchaus zornbegabt, aber auch teilweise – und deshalb mochte ich sie beim Schreiben sehr – wie ein Kind."

Johanna beschimpfe Max wegen seiner scheinbar herzlosen Reaktionen auf ihr Leid – und entschuldige sich im nächsten Brief wieder für ihre heftige Reaktion. Vielen Menschen gehe es so wie Johanna, sagt Dorn. "Einerseits sagt der Verstand uns immer wieder: Jaja, das ist alles sinnvoll, was wir hier an Schutzmaßnahmen ergreifen. Und dann kommen diese Trotzdämonen, die sagen: Das kann doch alles nicht sein, dass wir hier jetzt seit einem Jahr so sitzen und uns alles verbieten sollen, was das Leben zu bieten hat."

"Denk' bloß nicht daran, dass du sterblich bist!"

Wohlfeile Kritik an den coronabedingten Einschränkungen? Was die Menschen gerade erlebten, sei eine Tragödie: "Man macht sich schuldig – so oder so", betont Dorn. Genau das wolle sie zeigen. In der augenblicklichen Debatte komme zu kurz, in welchem Umfang die teils völlig berechtigten Maßnahmen auch Unrecht produzierten. Es gehe ihr um die Darstellung des Schmerzes.

Beim Ausloten der heftigen Gefühle ihrer Heldin kommt Thea Dorn ein Vergleich in den Sinn. Ein interessanter Unterschied zu den Menschen des Mittelalters, die ebenfalls von schlimmen (Pest-)Pandemien heimgesucht wurden, sei: Den Menschen des 21. Jahrhunderts fehle die stoische Haltung zum Tod. "Während man im Mittelalter ganz selbstverständlich sein Leben im Bewusstsein des Todes verbracht hat, gilt heute das Gegenteil: Mensch, denk' bloß nicht daran, dass du sterblich bist."

(mkn)

Thea Dorn: "Trost. Briefe an Max"
Penguin Verlag, 2021
176 Seiten, 16,50 Euro

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