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Tonart | Beitrag vom 03.02.2021

The Weather Station mit neuem AlbumNuancenreich und elegant

Von Christa Herdering

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Tamara Lindeman trägt einen roten Mantel, im Hintergrund eine Großstadt (Daniel Dorsa)
„Ignorance“ ist das popaffinste Album, das es jemals von Tamara Lindeman alias The Weather Station zu hören gab. (Daniel Dorsa)

Ihre Stimme wird oft mit der von Joni Mitchell verglichen: Folkgitarre und sanfte Stimme sind das Markenzeichen von Tamara Lindeman alias The Weather Station. Für ihr neues Album "Ignorance" ließ sie sich jedoch von Disco und New Wave beeinflussen.

"Mein Freund ist ein großer Synthpop-Fan. Eine Zeit lang hat er sehr viel Kraftwerk gehört. Und ich habe Kraftwerk echt gehasst, ich konnte überhaupt nichts mit ihnen anfangen. Für mich klang die Musik unemotional und künstlich. Aber je mehr ich es hörte, desto besser gefiel es mir."

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Während sie diese Geschichte erzählt, schmunzelt Tamara Lindeman alias The Weather Station. Bisher war die 36-Jährige eher im klassischen Folk oder Americana-Genre zu Hause. Die Entdeckung, dass Disco und New Wave auch eine emotionale Seite haben, habe ihr künstlerisch neue Türen geöffnet, meint Lindeman.

"Als ich begriff, dass diese Musik sehr wohl eine verletzliche Seite hat, begann mich die Frage zu interessieren: Was passiert, wenn ich meine Stimme und meine Songs mit einem roboterähnlichen Beat unterlege?"

Der Schein trügt

Der Beat in der Musik von The Weather Station ist eine Überraschung. Aber nicht die einzige: Die Songs wurden mit insgesamt sieben Musikern aufgenommen, teilweise aus der sehr lebendigen Jazzszene Torontos. Wie gut dieses Zusammenspiel funktioniert hat, zeigt unter anderem der Song "Atlantic", eine Upbeat-Nummer, die neben der Elektronik durch den Einsatz von klassischen Instrumenten wie Klarinette, Streicher und Piano bereichert wird. Aus dem ehemals reduzierten Folk ist nun Pop mit Jazzeinfluss geworden, nuancenreich und elegant.
Trotz des Tempos in der Musik bleibt Lindemans Gesang ruhig, sanft und nachdenklich. Es geht um Missverständnisse, Verdrängung oder das Gefühl von Ohnmacht. Fast könnte man meinen, man habe es mit einem Trennungsalbum zu tun.

Der Schein trügt jedoch: Das stärkste Gefühl, das Tamara in den letzten Jahren verspürte, war Panik. Panik über die immer offensichtlicher und unausweichlich drohende Klimakatastrophe. Lindeman verwandelt damit ein abstraktes Thema in etwas sehr Persönliches.

Ein Hosenanzug mit Plexiglas

Die Songs klingen intim und nah, wie traurige Liebessongs, die das zerrüttete Verhältnis von Mensch und Natur widerspiegeln.

"Auf diesem Album geht es viel um das Leugnen von Tatsachen und wie sehr einen das vom Wesentlichen ablenkt", erläutert sie. Oft ist es einfach leichter, Dinge nicht sehen zu wollen, als Gefühle wie Traurigkeit und Verlust zuzulassen."

Als Jugendliche hat Tamara Lindeman mit Schauspielerei Geld verdient. Bildsprache spielt für sie auch heute noch eine Rolle: Für das Cover-Artwork und die Musikvideos hat sie sich einen eigenen Hosenanzug geschneidert, der über und über mit Stücken aus Plexiglas beklebt ist. Er spiegelt und glitzert, wirkt aber auch schwer und lässt ihre Bewegungen steif und ungelenk erscheinen. Beinahe wie ein Roboter in einer für ihn fremden Welt.

Nicht Resignation, sondern Bewegung

Passend dazu wird im Song "Wear" das gesellschaftliche System mit einem Kleidungsstück verglichen, in dem man sich einfach nicht wohlfühlt. Wie eine Jacke, die nicht warmhält.

"Wenn ich es trage, spiegelt sich darin die Natur, das Gras und der Himmel. Ich trage also sprichwörtlich den Himmel auf meinen Schultern. Und dieses Bild empfinde ich als sehr poetisch."

Poetisch ja, aber doch auch bedrückend. Interessanterweise hört man dies dem neuen Album an nur wenigen Stellen an. Vielmehr ist "Ignorance" das popaffinste Album, das es jemals von The Weather Station zu hören gab. Und es macht deutlich: Nicht Resignation, sondern Bewegung bringt uns weiter.

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