Tessa Ganserer

    Trans im Bundestag

    04:20 Minuten
    Tessa Ganserer blickt vor einer Wahlkampftribüne freundlich in die Kamera
    "Die deutsche Gesellschaft ist deutlich weiter als die Unionspolitik es war", sagt die Grünen-Abgeordnete Tessa Ganserer. © Imago/Future Image/D. Anoraganingrum
    Von Paul Vorreiter · 26.10.2021
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    Mit Tessa Ganserer und Nyke Slawik sitzen erstmals transgeschlechtliche Abgeordnete im Bundestag. Die Behörden hinken hinterher: Eine Transidentität bestätigen zu lassen, ist immer noch ein Kraftakt. An Ganserers Optimismus ändert das nichts.
    Das neue mögliche Bündnis aus SPD, Grünen und FDP will eine Fortschrittskoalition bilden, hört man von den beteiligten Parteien. Sie wollen damit die Gesellschaftspolitik auf die Höhe der Zeit bringen.
    Dieses Ziel liegt auch einer neuen Bundestagsabgeordneten besonders am Herzen: Tessa Ganserer von den Grünen. Sie ist 44 Jahre alt und neben ihrer Parteifreundin Nyke Slawik die erste trans Person unter den Abgeordneten im Bundestag.
    Eine politische Newcomerin ist die studierte Forstwirtschaftlerin dabei nicht: Seit 2013 saß sie für die Grünen im Bayerischen Landtag. Um den Jahreswechsel 2018 und 2019 erlebte sie eine prägende Zeit. Sie entschied sich, ihre Transgeschlechtlichkeit nicht länger zu verbergen, nach jahrelangen, quälenden Jahren des Zögerns. Vor Frau und Kindern hatte sie ihr Coming-out.

    Diffamierungen im Netz und auf der Straße

    Landtagspräsidentin Ilse Aigner verkündete, dass "das Mitglied des Landtags Ganserer als Frau in Erscheinung treten will" und persönliche Diffamierungen von den Kolleginnen und Kollegen im Landtag keinen Platz hätten.
    Im Internet begegneten und begegnen ihr Diffamierungen jedoch immer wieder. Ganserer erzählt, dass sie nach jedem neuen Interview eine Welle an Anfeindungen, Häme, Hass und Hetze erreiche.
    Was bei ihr persönlich landet und vor Gericht Bestand haben könnte, bringt sie konsequent zur Anzeige. In der Öffentlichkeit ist die Situation oft deutlich schwieriger:
    "Was mir auch passiert ist, bei helllichtem Tag in einem Wohngebiet, wo außer mir sonst keiner auf der Straße war: Eine Frau, ungefähr in meinem Alter, die sich bei der Begegnung bekreuzigt. Da blieb mir einfach nur die Spucke weg. Das zeigt mir, dass es offensichtlich immer noch Menschen gibt, die ein Problem mit transgeschlechtlichen Menschen haben – weil wir so sind, wie wir sind. Das finde ich jammerschade."

    Erheblicher bürokratischer Aufwand

    Tessa Ganserer beklagt einen Alltag voller Demütigungen, an denen aus ihrer Sicht auch das gegenwärtige Transsexuellengesetz einen großen Anteil hat. Sie selbst weigert sich, die Prozedur durchzulaufen, die zur Änderung des Geschlechtseintrages im Personenstand notwendig ist, also intime Fragen zur transgeschlechtlichen Geschichte zu beantworten, Gutachten anfertigen zu lassen und letztlich zu hoffen, dass ein Gericht die transgeschlechtliche Identität bestätigt.
    "Ich hätte am liebsten schon seit drei Jahren Dokumente. Ich kann zurzeit nicht mal einen PCR-Test machen oder ein Visum für irgendeine Auslandsreise buchen, weil meine Dokumente zu meiner Identität nicht passen. Das würde ich mir so sehr wünschen, aber ich möchte dafür nicht meine Menschenwürde abgeben müssen, indem ich psychologische Gutachten über mich ergehen lassen muss."
    Mit dieser Praxis könnte allerdings bald Schluss sein, falls SPD, Grüne, und FDP eine Koalition schmieden. Alle drei Parteien bekennen sich zu einer Reform des Transsexuellengesetzes. Sie wollen die Selbstbestimmung der betroffenen Personen stärken, das Diskriminierungsverbot im Artikel 3 des Grundgesetzes um die sexuelle Identität erweitern.

    Ganserer blickt zuversichtlich in die Zukunft

    Für Tessa Ganserer wäre damit nur ein Teil ihrer politischen Ziele erfüllt. Die gesellschaftliche Akzeptanz lasse sich nicht durch Beschlüsse erreichen und brauche mehr Zeit, meint die 44-Jährige: Nichtsdestotrotz findet die Abgeordnete aus Nürnberg, dass die Ampelkoalition die Chance habe, Versäumnisse der vergangenen Jahre aufzuarbeiten.
    "Die deutsche Gesellschaft ist deutlich weiter als die Unionspolitik es war. Deswegen bin ich sehr optimistisch, dass die Rechte von queeren Menschen endlich auf Parlamentswegen geschützt und gewahrt werden und wir unsere Rechte nicht weiter in mühsamen Prozessen bis hin zum Bundesverwaltungsgericht einklagen müssen."
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