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Nachspiel | Beitrag vom 07.07.2019

Tennis Familiärer Spitzensport in Paderborn

Von Heinz Schindler

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Ein Tennisspieler macht einen Aufschlag. (imageBROKER)
Hoch hinaus: In Paderborn starten die Tennisteams Richtung Bundesliga durch. (imageBROKER)

Paderborn hat nur 150.000 Einwohner, aber sehr viel Spitzensport in der Stadt. Neben Fußball, Squash und Basketball erklimmen auch die Tennisteams die Bundesliga. Dabei stehen vor allem Begeisterung und Teamgeist, weniger das große Sponsering im Mittelpunkt.

Nun ist Sennelager nicht eben der schönste Teil der Stadt Paderborn. Zwar am Rande des Naturschutzgebietes Senne gelegen, aber eben auch Standort der britischen Armee, die lange Jahre das Bild des Ortes geprägt hat, der seine Gründung einem Truppenübungsplatz verdankt.

Organisierter Sport findet im TuS Sennelager statt, dessen Tennisabteilung auseinanderzubrechen drohte, bevor sich Ralf Hämmerling verstärkt engagierte. 
 
"Das ist schon fast zehn Jahre mittlerweile her, dass wir eine Mannschaft in dem Bezirksbereich aufgebaut haben mit dem Ziel, erstmal die nächsten drei, vier Jahre versuchen aufzusteigen. Aber immer in aller Ruhe, mit keinem Muss, mit keinen absoluten zwingenden Maßnahmen dazu. Sondern wir haben gesagt, wir gehen das mal in aller Ruhe an und das hat sich dann positiv entwickelt. Und heute sind wir froh darüber, was wir geschafft haben."

Das war nicht geplant: sieben Aufstiege am Stück

Teammanager Marc Renner gewann vor allem ältere Spieler dafür, den Verein drei oder vier Klassen nach oben bringen zu wollen. Was keinesfalls geplant war: sieben Aufstiege am Stück und die Bundesliga.

"Ich kann mich noch gut erinnern, das erste Punktspiel in Hiddenhausen. Bei fünf Grad, sonntagmorgens um neun Uhr. Man hat selber noch gespielt. Vier Sennelager Zuschauer sind mitgereist. Keiner hat von diesem Projekt je vorher was gehört. Wir haben das auch still und leise angefangen. Und wenn wir dann am Ende bei tausend Zuschauern wären - das wäre natürlich schon 'ne einmalige Geschichte."

Diejenigen, die alles anschoben, spielen heute in den vier weiteren Mannschaften des Vereins unterklassig. In der Bundesliga starten junge internationale Spieler. Dabei ist das Familiäre die Stärke beim TuS Sennelager mit seinen nicht einmal 100 Mitgliedern. Die Spieler bilden in angemieteten Häusern eine WG oder wohnen auch schon mal beim Teammanager daheim.

"Also man weiß nie, was am Wochenende passiert. Wer am Wochenende dann gerade da ist, wer am Wochenende dann bei uns schläft, wenn alle anderen Quartiere mehr oder weniger voll sind. Das ist aber kein Problem. Die Familie freut sich, ich freu' mich natürlich noch ein bisschen mehr. Dann man ein bisschen über Tennis philosophieren, man ist wieder auf dem neuesten Stand. Und wenn Probleme da sind, kann man einfach im Vier- Augen- Gespräch mit dem Spieler nochmal in Ruhe sprechen und die Dinge dann versuchen zu lösen."

Es geht um Gemeinschaft und Nachhaltigkeit

Spieler, die freitags anreisen, sonntags aufschlagen und direkt nach dem Match das Taxi zum Flughafen nehmen, braucht man in Sennelager nicht. Bei einem 100.000 Euro-Etat, dessen Großteil der Unternehmer Ralf Hämmerling zur Verfügung stellt, setzt man eher auf Gemeinschaft und auf Nachhaltigkeit.

"Hier geht’s nicht nur um das große Sponsoring, um das große Geld dabei. Sondern hier geht’s um eine Win-Win-Situation. Mittlerweile haben wir hier eine kleine Base eingerichtet, wo dann die Spieler hier sich auch treffen. Wo sie hier trainieren können. Miteinander auch trainieren können, miteinander zu Turnieren fahren. Der Marius Kur trainiert diese Leute hier. Und das ist auch daraus entstanden, wieder aus geringen Möglichkeiten, geringen Mitteln heraus."

Und so soll der Weg das Ziel sein, für die Spieler und für Trainer Marius Kur:

"Dass man da wirklich eine Atmosphäre auf dem Platz hat. Dass man Menschen hat, die man unterstützen will, die zusammen arbeiten und daraus ein Team zu formen: Das ist uns, glaube ich, die letzten Jahre ganz gut gelungen. Wir sind auch stolz darauf, dass wir wirklich es geschafft haben, Spieler aus unterschiedlichen Kulturen, aus unterschiedlichen Nationen als Team zu formen. Und Bundesliga jetzt, das ist einfach nur toll."

So viel Spitzensport – damit hat niemand gerechnet

Für die Bundesliga reichen die drei Plätze des TuS Sennelager nicht aus. Die Spiele werden auf der zentral gelegenen großzügigen Anlage von Blau-Rot Paderborn ausgetragen. Für die Renovierung zweier Plätze gab die Stadt Paderborn 25.000 Euro dazu, nach der Saison profitiert der Breitensport hiervon. 

Dass es neben Erstliga-Fußball, Basketball und Squash zu viel Spitzensport in der 150.000 Einwohner-Stadt sein könnte – davon geht hier niemand aus. Ganz im Gegenteil, die Vereine laden einander ein. Rein sportlich betrachtet, wird die Tennis-Bundesliga ein Abenteuer. 

"Da wir immer davon ausgegangen sind, als Außenseiter auf den Platz zu gehen: Von der Grundeinstellung wird sich, glaube ich, nicht viel ändern. Wir versuchen, jedes Spiel wirklich zu genießen, jeden Punkt zu genießen. Von Punkt zu Punkt zu denken und dann am Ende dabei schauen, was dabei heraus kommt. Aber das wichtige ist, dass wir auch hierbei nachhaltige Strukturen haben für die nächste – ja, vielleicht sogar – Generation an Spielern."

Zum Saisonende Mitte August wird sich dann zeigen, was sie beim TuS Sennelager besser können: Tennis oder Understatement.

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