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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.12.2018

Tausende gestrandet in BerlinPolnische Regierung versucht Obdachlose zurückzuholen

Von Benjamin Dierks

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Ein polnischer Bauarbeiter in einer Obdachlosenunterkunft der Berliner Stadtmission in einer Traglufthalle am Güterbahnhof in Berlin-Lichtenberg, aufgenommen im Dezember 2017 (imago/epd-bild/RolfxZoellner)
Ein polnischer Bauarbeiter in einer Obdachlosenunterkunft der Berliner Stadtmission (imago/epd-bild/RolfxZoellner)

Rund ein Drittel der Obdachlosen in Berlin sollen Polen sein. Das hat die polnische Regierung aufgeschreckt. Nun hat sie die Hilfsorganisation Barka in die deutsche Hauptstadt geschickt, um gestrandete Landsleute zurückzuholen. Keine leichte Aufgabe.

Wojciech Greh und Darek Kilar haben eine besondere Art, ihre Umgebung mit ihren Blicken zu durchstreifen. Sie mustern die Menschen, an denen sie vorbeigehen, um zu sehen, ob sie sie kennen. Sie hören auf die Gespräche um sie herum — vor allem darauf, ob sie ein paar Worte Polnisch aufschnappen. So durchschreiten sie den hellen Raum im ersten Geschoss eines 50er-Jahre-Baus in Berlin-Kreuzberg. Sie gießen sich am behelfsmäßigen Tresen einen Kaffee ein und setzen sich an einen Tisch in einer Ecke des Raums.

"Heute sind wir in einem Tageszentrum am Kottbusser Tor. Das Zentrum heißt Wassertor. Und wir haben, das kann man sagen, eine Sprechstunde."

Hinter Wojciech Greh hängen ein paar gespendete Pullover und Mäntel an einem Kleiderständer. Daneben stehen Duschgel und Shampoo. An den Tischen um die beiden Sozialarbeiter herum sitzen Menschen in kleinen Gruppen oder allein. Greh und sein Kollege sind Mitarbeiter der polnischen Hilfsorganisation Barka. Sie sind seit September in Berlin unterwegs, um polnische Obdachlose davon zu überzeugen, nach Polen zurückzukehren.

"Unsere Methode ist: Zigarettchen und Käffchen, das ist am besten. Wir sind auf der Straße, wir haben kein Büro."

Ihre "Sprechstunde", wie Greh sie nennt, halten sie in diesem Kreuzberger Tageszentrum für Wohnungslose des Diakonischen Werks ab. Wer will, kann sich zu ihnen setzen. Oder sie sprechen die an, die Polnisch reden. Wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben, weiß niemand genau. Konservative Schätzungen gehen von 4000 aus, manche Hilfsorganisationen eher von 10.000. Rund ein Drittel der Obdachlosen in Berlin sollen Polen sein. Das hat die polnische Regierung aufgeschreckt. Jetzt soll sich Barka um die gestrandeten Landsleute in Berlin kümmern.

"Das Projekt ist ein Pilotprojekt. Wir sind nur bis Ende Dezember in Berlin. Und in dieser kurzen Zeit haben wir 18 Leute nach Polen zurückgebracht."

Unterkunft und Resozialisierung in der Heimat

Barka existiert in Polen seit 30 Jahren. Die Organisation bietet Obdachlosen eine Bleibe und ein Resozialisierungsprogramm an, wenn nötig auch eine Drogentherapie. Alkohol ist strikt verboten. Grehs Kollege Darek Kilar war einst selbst obdachlos und lebt heute in einer Barka-Einrichtung in der Nähe von Posen. Es sei alles freiwillig, sagt Kilar. Die Leute müssten selbst entscheiden, ob sie wieder nach Polen wollten. Aber er will ihnen die Entscheidung etwas schmackhafter machen. An einem der Tische entdeckt er einen Bekannten, Adam, einen Polen, der schon seit vielen Jahren in Berlin lebt. Der kann sich nicht vorstellen, das Angebot von Barka anzunehmen.

"Ich bin in Westeuropa seit 30 Jahren, ich bin ein alter Mann, ich kann nicht gehen, nein."

Besonders alt ist Adam noch nicht. In ein paar Tagen werde er 46, sagt er. Er möchte seine Familie in Masuren zwar gerne mal besuchen, aber Berlin sei mittlerweile seine Stadt. Adams Geschichte klingt wie die von vielen, die in Berlin stranden: Er war in einer Autowerkstatt beschäftigt, dann wurde er arbeitslos, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, zuletzt bei einem Bauern in Nauen. Aber der habe ihn um seinen Lohn geprellt.

"Und jetzt bin ich wieder arbeitslos."

Seine Papiere habe der ihm auch abgenommen, die müsse er sich noch wiederholen. Solche Schicksale hörten sie immer wieder, sagt Wojciech Greh.

"Sie sind hier und haben keine richtige Arbeit gefunden oder der Arbeitgeber hat nicht gezahlt. Und sie wollen nicht nach Polen zurück, für diese Leute ist das peinlich: Ich kann nicht nach Polen mit leeren Händen kommen, ohne Geld."

"Aber Deutschland gut"

Er hofft, dass sein Einsatz im kommenden Jahr verlängert wird. Das Engagement von Barka sei eher eine Ausnahme. Ehrenamtliche Hilfe für Obdachlose, wie er sie in Berlin vielerorts sehe, gebe es in Polen kaum, sagt Greh. Auch Berliner Initiativen beobachten, dass viele Menschen aus Osteuropa trotz ihrer misslichen Lage lieber in Berlin bleiben, als in ihre Heimat zurückzukehren. Dominika Kosik arbeitet als Sozialarbeiterin bei der Organisation Gangway.

"Viele haben keine Wohnung und keine Familie. Und gerade in Polen ist das soziale Netzwerk schwierig. Und dann haben sie es immer noch besser hier."

Sie und ihr Team suchen Obdachlose an verschiedenen Orten in Berlin auf und helfen mit dem Nötigsten.

Die Berliner Stadtmission nicht weit vom Berliner Hauptbahnhof: An einer Kellertreppe haben sich einige Männer und Frauen angestellt, die im Untergeschoss der Mission die Nacht verbringen wollen. Um 21 Uhr öffnet die Notunterkunft, zwei Stunden zuvor warten bereits die ersten. Mehmet Sabriev aus Bulgarien ist einer von ihnen. Er sei vor sechs Jahren nach Berlin gekommen, berichtet er, für die Arbeit und die Familie. Aber beides habe er seither verloren. Sabriev kramt einige Zettel aus seiner Jackentasche.

"Meine Dokumente…"

Er faltet eines der Blätter auseinander. Es ist der Brief eines Arztes aus einem Berliner Krankenhaus. Mehmet Sabriev habe ein Lungenkarzinom, steht darin. Er könne nur noch palliativ behandelt werden und sei anfällig für Infekte. Mögliche Obdachlosigkeit sei unter diesen Umständen zu vermeiden. Doch Sabriev hat keine andere Möglichkeit, als sich wieder einmal an der Notunterkunft anzustellen.  

"Aber Deutschland gut."

In Deutschland werde ihm sehr geholfen. Nach Bulgarien wolle er auf keinen Fall zurück. In Bulgarien wäre er jetzt schon tot, sagt er.  

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