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Tonart | Beitrag vom 02.03.2021

Tania Saleh: "10 A.D."Zehn Lieder über alles, was sie hasst

Von Olga Hochweis

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Portät von Tania Saleh in der Ecke einer blau getünchten Wand. (Rafael Cata Moragas)
Tania Salehs Texte sind alles andere als dokumentarisch. Sie wählt poetische Worte über den Schmerz einer Trennung oder das bittere Gefühl, als Frau über 50 "aussortiert" zu sein. (Rafael Cata Moragas)

Tania Saleh gilt als mutige Kritikerin der Missstände und Probleme im Libanon. Auch ihr neues Album bestätigt diese Haltung: Sie singt über die Wut auf patriarchale Strukturen wie im Mittelalter. Ihren Sound nennt sie "Indie Arabic".

"10 A.D." klingt archaisch. A.D. für Anno Domini? Nein, hier geht es um die pralle Gegenwart. Aber um archaische Zustände. A.D. steht für "After Divorce".

Zehn Jahre nach der Scheidung, so hat Tania Saleh ihr neues Album genannt. Nicht nur die Songs, auch das Albumcover stammt von der Musikerin und Bildenden Künstlerin. Es zeigt eine Frau vor einer Torte mit zehn Kerzen. Tania Saleh hat Humor. Aber es ist ihr zugleich bitterernst.

Wachsende Intoleranz

"Ich wollte über mein Leben in diesem Land als eine geschiedene Frau sprechen. Ich möchte über die Probleme erzählen, die ich in dieser Gesellschaft habe, als Musikerin, mit meiner Arbeit, aber auch über die Art und Weise, wie diese Gesellschaft mich benutzt als Single und unverheiratete Frau.

Eine Frau macht mit ihrem Smartphome ein Selfie vor einer leuchtenden Skulptur, die einen ausgestreckten Arm mit geballter Faust zeigt (picture alliance / AP / Hussein Malla)Die Sängerin Tania Saleh bei Protesten gegen die libanesische Regierung im November 2019 in Beirut (picture alliance / AP / Hussein Malla)

Da ist dieser Song 'I Hate Everything', der all die Dinge in der libanesischen Gesellschaft beschreibt, die ich hasse. Und da geht es nicht nur darum, ob man geschieden ist oder nicht. In all den Jahren ist meine Intoleranz gegenüber den Verhältnissen immer größer geworden. Und mit dem Alter wird das immer schlimmer. Wenn man jung ist, tendiert man eher dazu, das zu verstehen, aber im Alter kannst du die Dinge einfach nicht mehr akzeptieren."

Die Dinge – damit spielt Tania Saleh auf die patriarchalen Strukturen in ihrem Land an. Mittelalterlich mutet es an, dass im Libanon nach wie vor religiöse Gerichte und die Scharia-Gesetzgebung über Themen wie Heirat, Scheidung, Unterhalt oder Sorgerecht urteilen. Ein Zivilgesetzbuch fehlt. Frauen werden an uralte Männer verheiratet, um angeblich ihre Reinheit zu schützen, oder werden Opfer von Ehrenmorden. Nach einer Scheidung verlieren sie nicht selten ihre Kinder und erleben soziale Ächtung. Das ist der Hintergrund ihrer zehn Songs.

Kampf um die Kinder

"Zehn Geschichten, die entweder mit mir selbst zu tun haben oder mit Menschen, die ich kenne. Und in diesem Land spielen, seit ich geschieden bin. Sie stecken voller Emotion. Einige Liebeslieder sind dabei, aber eben auch hasserfüllte Lieder. Sie beschreiben bestimmte Situationen, die mir selbst passiert sind oder die ich miterlebt habe. Es ist einerseits ein sehr persönliches Album. Andererseits reflektiert es die Geschichte anderer Frauen um mich herum.

Ich habe das Album meiner Mutter gewidmet, weil auch sie eine geschiedene Frau ist, und ihr Leben war noch um einiges härter als meines. Aber viele Dinge, die meine Mutter vor 40 Jahren erlebt hat, etwa im Kampf um ihre Kinder und vieles andere, das ist auch heute noch aktuell. Und es ist an der Zeit, darüber zu sprechen."

Mal elegant, mal burschikos

Tania Salehs Texte sind alles andere als dokumentarisch. Sie wählt poetische Worte über den Schmerz einer Trennung oder das bittere Gefühl, als Frau über 50 "aussortiert" zu sein.

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Dazu kommen satirisch-freche Worte über Horoskop-Abhängigkeit oder über die Natursehnsucht von Großstädtern. So divers wie das Setting der Geschichten, so vielfältig ist ihr Klang. Elegant, verführerisch, dann wieder burschikos oder zornig ist die Anmutung.

Arabischer Sound und westliche Klassik

Tania Saleh nennt ihren Sound "Indie Arabic". Es ist ein eklektischer Spagat zwischen arabischen Klängen und westlichen Pop- und Klassik-Sounds. Letzteres diesmal besonders prominent dank eines norwegischen Streichquartetts.

"Ich habe versucht, einen neuen Sound für das Album zu finden. Und zwar mit der Unterstützung des Libanesen Edouard Torikian bei den Arrangements und des norwegischen Produzenten Øyvind Kristiansen. Es ging darum, einen gemeinsamen Klang für das Streichquartett und die elektronischen Sounds zu schaffen – ein eigenes Klanguniversum. Gemeinsam haben wir diese Klanglandschaft regelrecht 'gemalt'."

Tatsächlich erinnern die wohlklingenden Songs auf dem neuen Album "10 A.D." an musikalische Gemälde. Voller unterschiedlicher Farben, wohldosiert in der Balance zwischen dezenten arabischen Klängen und westlichen Sounds, so zugänglich wie ambitioniert. Tania Saleh verbindet Tiefgang mit Charme und Leichtigkeit.

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