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Im Gespräch | Beitrag vom 16.01.2020

Tan Çağlar Ein Comedian und seine "Randgruppen-Flatrate"

Moderation: Tim Wiese

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Porträt von Tan Caglar. (Marek Kruszewski)
Tan Çağlar sagt: "Rollstuhl sticht Türke." (Marek Kruszewski)

Rollstuhlfahrer, Türke und dann auch noch Hildesheimer: Der Comedian Tan Çağlar reißt auch Witze, die für andere tabu wären. Dass er heute so erfolgreich ist, hat auch mit einem düsteren Lebensabschnitt zu tun.

"Meine Damen und Herren. Wie Sie sehen können, hat mich das Schicksal leider nicht sehr gut behandelt." So startet der Comedian Tan Çağlar gern sein Bühnenprogramm, wenn er in seinem Rollstuhl vor dem Publikum steht. Und weiter: "Ich bin von Geburt an gehandicapt und Sie können sich wahrscheinlich alle denken, wovon ich spreche." Pause. "Richtig – ich bin Türke."

"Wovor haben die Leute Angst?"

Das Publikum dankt ihm diesen Einstieg gern mit einem kräftigen Applaus. "Ich bin mir ganz sicher, dass siebzig Prozent dieses Applauses auch Erleichterung war", sagt Tan Çağlar über sein Bühnen-Debüt. Er habe sich davor die Frage gestellt: "Was erwarten die Leute und wovor haben sie Angst? Natürlich haben sie Angst, dass ich auf die Bühne komme und die ganze Zeit davon rede, dass ich Rollstuhlfahrer bin."

"Es war natürlich klar, dass ich als Rollstuhlfahrer auch auf dieses Themen gehen wollte und auch musste, weil man fragt sich: Worüber kann ich eigentlich sprechen, was ist authentisch und warum sollte man mir das überhaupt abnehmen?"

Die Frage sei aber, was er über dieses Thema hinaus zu sagen habe. "Dann kommt der große Sprung. Wenn das ausgeschöpft ist, trennt sich sozusagen die Spreu vom Weizen: Kann ich auch über Sachen sprechen, die so offensichtlich vielleicht gar nichts mit mir zu tun haben?"

Rollstuhlfahrer, Türke - und dann auch noch Hildesheimer

"Rollstuhl sticht Türke." So fasst der Comedian, der von sich selbst behauptet, er habe eine "Randgruppen-Flatrate", seine Diskriminierungserfahrung zusammen.

Seine Eltern kamen in den 1960er-Jahren als sogenannte Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. "Ich finde es sehr interessant zu sehen im Alltag wie es ist, wenn man eh schon in einer Randgruppe als Ausländer ist und dann auch noch Rollstuhlfahrer", sagt er.

"Und dass man das eben nicht beides abkriegt", fährt er fort. "Ich glaube, wir Menschen sind gar nicht dafür gemacht, wegen zwei Sachen gleichzeitig zu diskriminieren. Eine Sache ist einfach dominanter und in meinem Fall ist es natürlich der Rollstuhl, weil er auffälliger ist."

Der "Tag R"

"Spina bifida" – das ist die Diagnose, die Tan Çağlar sein Leben lang begleitet: Eine angeborene Neuralrohrfehlbildung, die mit zunehmendem Wachstum dazu führt, dass die Muskeln der Beine nicht ausreichend versorgt werden.

Schon als Kind und Jugendlicher ist diese Einschränkung für den geborenen Hildesheimer spürbar. Mit Anfang 20 sitzt er im Rollstuhl. Auch wenn er Jahre darauf vorbereitet war, dass der "Tag R" irgendwann kommen würde, dauert es lange, bis er diesen Einschnitt annehmen kann. "Es war nicht das große Problem, dass ich nicht mehr laufen konnte, sondern tatsächlich, dass ich meinen Sport nicht mehr ausüben konnte", sagt Tan Çağlar, der seit seiner Kindheit intensiv Sport betrieb, Fußballer war, Tischtennisspieler, dann Basketballer.

Als eine "Mischung aus Angst und Antriebslosigkeit" beschreibt er die Depression, die ihn drei Jahre lang fest im Griff hatte. Seine Eltern, seine Freunde und eine Therapie helfen ihm aus diesem Loch hinaus – und wiederum der Sport. Er spielt Rollstuhl-Basketball auf Leistungssport-Niveau, steigt mit Hannover United in die erste Bundesliga auf und spielt heute in der zweiten Mannschaft der Baskets 96 Rahden.

"Wenn ich mir das im Nachhinein ein bisschen anschaue, dann kann man eigentlich alles machen, was man vorher auch gemacht hat, man muss es nur anders machen."

Der Rollstuhl als Anschubser

"Ohne den Rollstuhl wäre ich weder in die Comedy gekommen, noch wäre ich heute bei Ihnen zu Gast", sagt der Comedian im Rückblick. "Das war wirklich so der Anschubser und dann ist alles ins Rollen gekommen."

Zunächst arbeitet er als Motivations-Coach und gibt Workshops an Schulen, in denen er darüber berichtet, was Inklusion bedeutet. Das gelingt ihm so kurzweilig, dass er immer wieder Lacher erntet. "Da habe ich schnell gemerkt, dass Humor eine sehr schöne Sprache ist, um ein so sensibles Thema zu transportieren."

Tan Çağlar beschließt, es als Comedian zu versuchen und meldet sich bei einer Agentur. Ein Rollstuhlfahrer, der Stand-up-Comedy machen will – das sei ja quasi der erste Gag, sagt deren Chef. Nach seinem ersten Comedy-Programm mit dem Titel "Rollt bei mir!", mit dem er seit 2017 tourt, und dem gleichnamigen Buch, das 2019 erschien, startet er im Februar 2020 mit seinem neuen Programm "Geht nicht? Gibt’s nicht!"

Motivations-Coach, Comedian, Modell

Mittlerweile arbeitet der 1980 geborene Tan Çağlar auch als Modell. Als erstes fragt ihn die Fashion Week in Berlin an. Zunächst wehrt er sich, weil er befürchtet, "die machen da so einen Nebenraum auf, da werden ein paar Rollstuhlfahrer eingeladen, die nicht ganz scheiße aussehen und dann dürfen die da hin- und herfahren."

Als klar wird, dass er in der Show mit den anderen, gehenden Modells auftreten soll, noch dazu als erster Rollstuhlfahrer überhaupt, sagt er doch zu: "Es gab Standing Ovations – was ja schon fast ironisch ist, Standing Ovations für einen Rollstuhlfahrer – aber das war ein Applaus, den ich als sehr ehrlich empfunden habe", sagt Tan Çağlar. "Ich hatte das Gefühl, dass die Leute gedacht haben oder damit meinten: Genau das wollen wir hier auch sehen, das gehört dazu."

Was wäre, wenn?

Zwei Fragen begegnen dem Comedian immer wieder: Ob er mit seinem Rollstuhl schon einmal durch einen Drive Through gefahren sei. Und: Ob er, wenn es eine Operation gäbe, nach der er nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen wäre, diese durchführen lassen würde. "Ich finde die Frage total gerechtfertigt. Wenn ich auf jemanden wie mich treffen würde, würde ich sie auch stellen."

Früher hätte er diese Frage sicherlich anders beantwortet als heute. "Wenn ich mir überlege, dass ich diese ganzen Erfahrungen, die ich gemacht habe, sprich Basketball als Profi im Rollstuhl, Modell, bisschen im Schauspiel unterwegs gewesen, als Comedian und diese Seminare – ich glaube, dass ich diese ganzen Erfahrungen nicht missen wollen würde, die mich ja auch geprägt haben."

Denn die Frage gehe gleichzeitig auch mit der Frage einher: "Möchtest du jemand anderes sein? Und da fällt es mir wieder sehr leicht zu sagen: Nein. Und für alle anderen Fragen habe ich die Comedy."

(era)

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