"Talking Objects" für Senioren

Senioren spielen ein Brettspiel, das noch nicht sprechen kann. © picture alliance / dpa / Ume Anspach
Von Franziska Rattei · 28.08.2013
Es gibt viele Wege, im Alter das Gehirn zu trainieren, Gesellschaftsspiele gehören dazu. Aber nicht alle Senioren können problemlos mitmachen. Für diese Zielgruppe haben Studenten in Bremen im Studiengang Digitale Medien sprechende Objekte entwickelt.
O-Ton Spiel: "Herzlich Willkommen. Das Spiel beginnt jetzt. Spieler Blau, Sie dürfen nun Ihren Zug machen."

Georg Westermeyer, würfelt und zählt: "Eins, zwei, drei, vier."

Ein Nachmittag in einem Bremer Seniorenheim. Im Speisesaal wurden ein paar Tische zusammengeschoben. Darauf steht ein sprechendes Brettspiel. Es gibt fünf Mitspieler. Sie sind zwischen Mitte 20 und Mitte 90.

Einer von ihnen: Julian Thies. An der Hochschule für Künste in Bremen studiert er das Fach Digitale Medien. Mit 14 weiteren Kommilitonen hat er ein sprechendes Spiel entworfen, von der Idee bis zum Prototyp:

"Wir haben Kompetenzen aus dem Bereich Medien, Elektrotechnik, Informatik, und wir waren eben keine Fachleute, was die Bedürfnisse und Anforderungen älterer Menschen angeht. Und wir mussten uns dann natürlich auch erstmal belesen, erstmal damit befassen – das sind fachfremde Gebiete."

Drei Monate sind wenig Zeit für so ein Projekt. Aber die Studenten haben insgesamt mehr als 8000 Arbeitsstunden investiert. Das Ergebnis: ein digital unterstütztes Spiel für Senioren. Auf diese Idee sind sie selbst gekommen, sagt die Dozentin Sabrina Wilske:

"Der Titel war 'Talking Objects', und es sollte um sprechende Objekte gehen. Also sie sollten irgendwie kommunizieren können. Ein anderer Bestandteil war auch noch, dass es Physical-computing-Elemente beinhalten sollte. Das heißt kleine Mikroprozessoren, Sensoren, Aktuatoren – also alles, was aus dem klassischen Computer hinausgeht und irgendwie begreifbar ist."

Ein Prototyp für 500 Euro
Nun steht der 500 Euro teure Prototyp zum Praxistest im Seniorenheim.

O-Ton Spiel: "Bitte ziehen Sie eine Karte von dem Stapel Tiere. Wenn Sie die Frage richtig beantworten, nehmen Sie sich bitte einen Punkt der entsprechenden Farbe und stecken diesen auf Ihre Figur. Wenn Sie die Frage nicht richtig beantworten, gehen Sie einen Schritt vor."

Georg Westermeyer zieht eine Karte. Er ist über 90 Jahre alt und noch ziemlich fit für sein Alter: Er kann sehen und hören, laufen und kommunizieren. Auf der gezogenen Karte steht: Finden Sie ein Wort, das das Wort "Hund" beinhaltet.

Georg Westermeyer: "Schweinehund!" – (Die anderen lachen.)

Fabricius Seifert freut sich, dass der alte Herr das Talking Object testet. Der Student für Digitale Medien hat im vergangenen Vierteljahr viel Zeit in den Werkstätten der Hochschule für Künste verbracht. Er hat gelernt, wie computergesteuerte Fräsen und Lasercutter funktionieren. Den Prototyp des sprechenden Spiels hat er mitgebaut. Von außen: ein hölzernes Spielbrett mit weißen und farbigen Feldern aus Plexiglas. Sobald eine Figur darauf abgestellt wird, greift die verbaute Technik.

Fabricius Seifert: "Unter jedem Spielfeld ist ein Magnetsensor und eine Lampe. Und die Spielfiguren lösen den Magnetsensor aus, dadurch weiß das Spiel dann genau, wo die Spielfigur sich halt befindet – im Idealfall. Und dem entsprechend können dann darauffolgende Aktionen laufen; wie beispielsweise, dass die Figur auf einem Ereignisfeld steht. Dann weiß der Computer das und kann eine Ausgabe dazu liefern."

Neben den Magneten am Boden der Spielfiguren und den Magnetsensoren unter dem Spielfeld haben die Studenten auch noch eine kleine Computereinheit verbaut, einen sogenannten Mikrocontroller. Mit der richtigen Software lässt er sich relativ einfach und schnell programmieren. Die Aufgabenstellung des Bachelorprojekts haben die Studenten damit erfüllt.

Die Zielgruppe können sie mit dem sprechenden Spiel allerdings noch nicht überzeugen, sagt der Seniorenheimbewohner Georg Westermeyer:

"Ich glaube, dieses Spiel würde hier in diesem Heim, bei den Rentnern, die wir hier haben, nicht ankommen, weil das zu schwierig ist, zu unübersichtlich."

Das Design ist insgesamt zu dunkel gehalten, meint er. Außerdem findet der Senior die Ansagen manchmal unverständlich, und die Technik funktioniere auch noch nicht perfekt. Es dauert zu lange, bis das Spiel erkennt, wo sich die Spielfiguren gerade befinden, sagt Georg Westermeyer.

Das sprechende Fotoalbum kommt besser an
Vom zweiten Talking Object der Studenten hält er schon mehr: ein sprechendes Fotoalbum. Wenn der alte Herr auf den roten Punkt neben einem Foto drückt, erklärt eine Stimme, was zu sehen ist.

O-Ton Fotoalbum: "Das abgebildete Gebäude ist das Bremer Rathaus. Es wurde zwischen 1405 und 1410 auf dem Bremer Marktplatz im Stil der Weserrenaissance erbaut."

Der Prototyp, den die Studenten vorstellen, ist nur ein Beispielalbum. Die Fotos zeigen Bremer Sehenswürdigkeiten. Die zugehörigen Texte erzählen davon. Das ist für viele Bewohner des Altenheims Grundwissen, sagt Christiane Bornscheuer. Sie leitet den Pflegedienst im Seniorenheim. Aber wenn man persönliche Fotos und Texte benutzen würde, dann wäre das sprechende Album genau das Richtige für die Senioren, meint sie.

Christiane Bornscheuer: "Jetzt so ein Fotoalbum umzublättern und auf einen Knopf zu drücken, das würde jeder mit der Zeit hinbekommen."

Auch im digital unterstützten Fotoalbum haben die Studenten mit einem Mikrocontroller gearbeitet, erklärt Fabricius Seifert:

"Der ist mit den roten Knöpfen sozusagen verbunden, die wie Schalter funktionieren. Sobald man einen Schalter drückt, bekommt der Computer übermittelt, welcher Schalter gedrückt ist und gibt das sozusagen zurück, und die entsprechende zugehörige Audiodatei wird dann geöffnet."

Noch funktioniert das Fotoalbum nur in Verbindung mit einem externen Lautsprecher und einem PC. Über ein USB-Kabel kann das Album auf die Audiodateien auf der Festplatte zugreifen. Aber:

Fabricius Seifert: "Geplant ist – für das Endprodukt – dass es komplett autark läuft, also dass ein Lautsprecher im Buch vorhanden ist und es selber abspielt."

Ob dieses Endprodukt je entstehen wird, ist ungewiss. Denn das Bachelor-Projekt der Bremer Studenten zum Thema "Talking Objects" ist beendet. Nur wenn sich genügend Freiwillige finden, könnten das sprechende Spiel und das sprechende Album weiterentwickelt werden.
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