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Lesart | Beitrag vom 10.01.2019

Takis Würger: "Stella" Warum hat sie das getan?

Takis Würger im Gespräch mit Frank Meyer

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"Stella" von Takis Würger (Carl Hanser Verlag/imago/Arkivi)
Die Jüdin Stella Goldschlag verriet in Berlin andere Juden an die Nazis. (Carl Hanser Verlag/imago/Arkivi)

"Greifer" nannte man Juden, die andere Juden an die Gestapo verraten haben. Auch Stella Goldschlag war auf diese Weise am Tod hunderter Menschen beteiligt. Der Journalist Takis Würger hat aus ihrer Geschichte einen Roman gemacht.

Frank Meyer: "Der Club" – mit diesem Roman ist der "Spiegel"-Journalist Takis Würger vor zwei Jahren aufgetaucht in der literarischen Welt. Das Buch war ein enormer Erfolg. 90.000 Exemplare wurden bis heute davon verkauft. Und morgen erscheint nun sein zweiter Roman, "Stella" heißt er. Und auf diesem Buch, da liegen hohe Erwartungen. Der renommierte Hanser-Verlag hat das Buch in seinem Programm jedenfalls ganz nach vorn gestellt. Und Takis Würger selbst ist jetzt hier bei uns im Studio. Herr Würger, Teile dieser Geschichte sind wahr, das liest man gleich zu Beginn Ihres neuen Romans. Sie erzählen in dem Buch die Geschichte oder erzählen auch die Geschichte von Stella Goldschlag. Das ist eine Frau, die es wirklich gegeben hat, die als sogenannte Greiferin, als jüdische Greiferin in Berlin andere Juden an die Gestapo verraten hat. Wie sind Sie denn auf diese Geschichte gestoßen?

Würger: Beim Biertrinken, ehrlich gesagt. Ich saß in Berlin mit einem Freund auf dem Bordstein, und wir haben darüber geredet, wie in dem Musical "Cabaret" Terror und Schönheit nahe beieinander liegen. Und mein Freund Andreas hat zu mir gesagt, das ist ja wie im Leben von Stella Goldschlag. Und daraufhin habe ich mir von ihm die Geschichte erzählen lassen, soweit er sie wusste, hab dann weiter gegoogelt und habe ihn dann noch am gleichen Abend gefragt, gibt es über diese Frau einen Roman? Und er wusste es nicht, und auch das haben wir gegoogelt. Dann hat sich herausgestellt, es gibt keinen, und dann habe ich diese historische Vorlage genommen, um dann eine fiktive Geschichte zu erzählen.

"Sachbuch von Peter Wyden war eine fantastische Quelle"

Meyer: Einen Roman gibt es nicht, aber es gab ein anderes Buch über Stella Goldschlag von einem deutsch-amerikanischen Journalisten, Peter Wyden. 1992 hat er das veröffentlicht. Und als er als jugendlicher Peter noch in Berlin lebte, Peter Wyden, da hat er Stella Goldschlag selbst gekannt. Was für eine Rolle hat es denn für Ihr Buch gespielt, dass es dieses andere Buch schon gab?

Der Journalist und Schriftsteller Takis Würger auf dem Blauen Sofa während der Frankfurter Buchmesse am 14.10.2017 in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Jan Haas)Unser Gesprächsgast: Der Schriftsteller und Journalist Takis Würger. (picture alliance / dpa / Jan Haas)

Würger: Dieses Sachbuch von Peter Wyden war eine fantastische Quelle, als Inspiration dann für meinen Roman. Dieses Sachbuch hat auch Punkte gegeben, an denen ich anknüpfen konnte für meine Recherche. Weil, obwohl ich ein fiktives Buch geschrieben habe, einen Roman geschrieben habe, habe ich versucht, mich inspirieren zu lassen von der wahren Stella Goldschlag, und habe dann zum Beispiel die Gerichtsakten, die im Landesarchiv Berlin liegen, mir durchgelesen, durchgearbeitet. Auf die wäre ich gar nicht gekommen, wenn ich dieses Sachbuch nicht gelesen hätte.

"Fragen, auf die wir keine Antworten haben"

Meyer: Das waren Gerichtsakten eines sowjetischen Militärtribunals. Da wurde Stella Goldschlag nach dem Krieg angeklagt, 1946 verurteilt zu zehn Jahren Haft. Sie erzählen jetzt das Buch aus einer besonderen Perspektive. Ihr Erzähler ist ein junger Mann aus der Schweiz, der kommt im Januar 1942 nach Berlin als Fremder, als Außenseiter. Der logiert da in einem schicken Hotel, Hotel Adlon könnte man sich vorstellen, so ungefähr die Preislage. Der hat eben viel Geld, er könnte jederzeit wieder weggehen. Also, der ist wie ein Gast in diesem Berlin des Jahres 1942, der jetzt die Not und die Gefahren und die Verlockungen der Menschen da sich von außen anschaut. Warum haben Sie so einen fernstehenden Erzähler sich genommen für die Geschichte?

Würger: Gerade weil ich einen Roman schreibe, wollte ich eine Perspektive haben, die nicht so nahe an Stella Goldschlag ist, als hätte ich ein Sachbuch geschrieben oder als hätte ich einen Roman aus ihrer Perspektive geschrieben. Weil das Leben von der historischen Stella Goldschlag und auch der Stella in meinem Roman wirft Fragen auf, auf die wir keine Antworten haben. Und auch Fragen, auf die ich als Schriftsteller keine Antworten geben möchte. Sondern ich wollte oder will, dass die Leser meines Romans sich diese Antworten selbst geben.

Das wäre schwierig gewesen, wenn ich Stellas Perspektive gewählt hätte, weil dann hätte man wohl oder übel, um ihr Handeln zu erklären, viel mehr in ihren Kopf hineingehen müssen. Und so hatte ich die Perspektive eines Mannes, der sich in diese Frau verliebt und der einerseits damit Probleme hat, zu verstehen, was Stella macht und warum sie so handelt, und zweitens nicht weiß, wie er mit seiner Liebe für diese Frau umgehen soll.

"Sie war sehr musisch"

Meyer: Und wie er sie sieht, wie er sie erlebt, das ist für ihn erstaunlich, das ist auch für uns als Leser erstaunlich, wie diese Jüdin Stella Goldschlag 1942, eben schon mitten im Krieg, in Berlin lebt. Sie singt zum Beispiel in einem Jazz-Club, sie nimmt ausführlich Drogen, sie geht sogar zu Festen, bei denen hohe SS-Offiziere dabei sind. Wie nahe ist das an der echten Stella Goldschlag?

Würger: Was Sie gerade gesagt haben, ist überhaupt nicht nahe an der echten Stella Goldschlag. Das ist meiner Fantasie entsprungen. Über die echte Stella Goldschlag können wir sagen, dass sie sehr musisch war. Sie hat Remarque gelesen, sie hat in einer geheimen Jazz-Band gespielt – Jazz war verboten unter den Nazis. Und was die meisten jüdischen Berliner, die versteckt unter den anderen Deutschen gelebt haben während der Nazizeit, gemeinsam hatten, war, dass sie sehr mutig waren und dass sie sich häufig unter den Rest der Bevölkerung gemischt haben, weil das am unauffälligsten war, einfach so zu tun, als wären sie Teil der Nazibande. Und das habe ich gelesen, als ich über die Greifer, wie sie hießen, und über die U-Boote, wie diese untergetauchten jüdischen Berliner genannt wurden, gelesen habe. Und dann habe ich mir gedacht, wie könnte das aussehen im Leben einer fiktionalen Romanfigur, und habe dafür diese sehr extrovertierte, extravagante und Schönheit liebende Figur entwickelt.

"Es gibt im Roman zwei Perspektiven auf Stella"

Meyer: Und wenn es jetzt um ihre Opfer geht, um die Jüdinnen und Juden, die sie verraten hat und die wegen ihr – offenbar ging es um Hunderte Fälle, das geht dann aus den Akten hervor. Von den Opfern erfährt man eigentlich nur durch die Akten, die Sie zitieren, in kurzen, sehr sachlich-nüchternen, bürokratischen Anmerkungen. Sonst erzählen Sie nicht von den Opfern von Stella Goldschlag. Warum haben Sie darauf verzichtet?

Würger: Es gibt in diesem Roman im Grunde genommen zwei Perspektiven auf Stella. Einmal die fast unerträglich naive Perspektive dieses verliebten Erzählers Friedrich, der immer nur von ihr schwärmt und der ihr verfällt, ganz und gar. Und dann die zitierten Gerichtsakten, die in einer kalten Polizei-Sprache geschrieben werden, die eine völlig andere Sicht auf Stella ermöglichen. Und da kommt zwar wenig vor über Stella, man geht da nicht in die Tiefe. Aber ich finde zumindest, dass ihre Kälte ganz gut illustriert wird. Einmal durch diese Sprache, und zweitens durch ihre Taten. Und ich finde es immer ganz schön in Büchern, wenn ich als Leser den handelnden Figuren ein bisschen voraus bin. Deswegen habe ich diese beiden Perspektiven auf Stella gewählt.

"Antisemitismus, der in der Bevölkerung ganz normal war"

Meyer: Man liest auch schon von dem, was sie tut, als der Erzähler Friedrich das selbst noch gar nicht weiß oder noch gar nicht wahrhaben will, was eigentlich ihre andere Seite ist. Ich würde gern noch Sie fragen nach einer anderen Figur in dem Roman, ein SS-Offizier, von Appen heißt der. Den führen Sie da als höchst dekadente Figur ein – also würde ich sagen –, der hört verbotene Musik, lässt sich da seinen allerspeziellsten Käse direkt aus Frankreich her kommen. Seine Tätigkeit für die SS, die führt er so wie ein Hobby, offenbar nebenbei irgendwie aus. Welche Rolle spielt denn dieser dekadente SS-Mann aus Ihrer Sicht für den Roman?

Würger: Tristan heißt der. Der ist in diesem Dreiergespann Friedrich-Stella-Tristan so der Freund und eigentlich der Coole. Und ich wollte eine Figur in diesem Buch haben, die man eigentlich mag, die das Schöne liebt, die gutes Essen liebt, Tanzen kann, gut angezogen ist, lustig ist, lieb zu Kindern ist, lieb zu Tieren ist, alles nicht so ernst nimmt, viel von der Nazi-Ideologie nicht mitmacht. Also Frankreich liebt und Jazz liebt und der mit einer absoluten Selbstverständlichkeit antisemitisch ist. Weil wenn ich heute zurückdenke an die Shoah und an das Naziregime, dann ist ein Aspekt, der mir unerklärlich ist, dieser selbstverständliche Antisemitismus, der in der Bevölkerung ganz normal war.

Man dachte, jüdische Deutsche sind anders als andere Deutsche. Jüdische Europäer sind anders als andere Europäer. Und Tristan ist so ein Verführer in dem Buch. Ich habe das gemerkt irgendwann, als ich an einer ganz frühen Testleserin, als mein Manuskript noch in Rohform war, diesen Roman gegeben habe. Und sie hat gesagt, ja, Tristan ist schon sehr schlimm, aber mit dem würde man doch gern mal einen Abend verbringen. Und da habe ich gedacht, so soll die Figur sein, und habe die Hoffnung, dass sie so funktioniert.

"Hat so gewirkt, dass sie es genossen hätte"

Meyer: Jetzt ist ja die ganz große Frage, die einen die ganze Zeit umtreibt beim Lesen, die auch Friedrich zum Beispiel umtreibt, als ihm klar wird, was Stella da macht. Warum tut sie das? Warum verrät sie andere Menschen? Am Anfang gibt es eine Motivation, wenn man so will. Sie versucht, ihre Eltern frei zu bekommen, die verhaftet sind. Sie wird erpresst. Wenn sie andere Juden verrät, könnten ihre Eltern entlassen werden wieder aus der Haft, wird ihr versprochen. Aber sie macht auch weiter, als ihre Eltern entlassen wurden. Sie haben vorhin schon gesagt, Sie wollen keine Antworten geben. Also, darauf haben Sie keine Antwort, oder haben Sie – was haben Sie dazu gedacht?

Würger: Ich glaube tatsächlich, dass ist eines der vielen Geheimnisse, die Stella Goldschlag mit ins Grab genommen hat, sowohl die historische Stella Goldschlag als auch die Frau in meinem Roman. Es gibt Anzeichen bei der historischen Stella Goldschlag, warum sie das getan hat. Und zwar hat sie irgendwann im schwarzen Gestapomantel mit dem Revolver im Holster Menschen gejagt, und es hat so gewirkt, dass sie es genossen hätte, dass sie sich berauscht hätte an der Macht.

In meinem Roman unterscheidet sich das ein bisschen, da ermöglicht die Kollaboration mit der Gestapo Stella, ein Leben zu leben, das sonst nicht möglich wäre. Und in meinem Roman habe ich eine Figur in Stella erschaffen, die einen irren Lebenshunger hat, gerade in den Zeiten, in denen das Leben bedroht ist. Sie sagt irgendwann zu Friedrich "Ich will doch nur leben", und ich glaube, das ist ihre Motivation, und sie ordnet dem alles andere unter. Eben auch Moral, auch die Frage, ob sie über Leben und Tod entscheiden muss.

Meyer: Die Stella aus dem Roman von Takis Würger. Im Hanser-Verlag wird das Buch morgen erscheinen mit 220 Seiten, 22 Euro ist der Preis.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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